Ivo Andric: An der Kreuzung der Welten

14. August 2016, 17:00
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"Wesire und Konsuln" des Nobelpreisträgers Ivo Andric gilt als der Roman Bosniens und ist zugleich ein Versuch über den Osten und den Westen, über Orient und Okzident

Mehr als zwanzig Jahre lang diente Ivo Andric dem Königreich Jugoslawien als ranghoher Diplomat. Seine erste Entsendung führte ihn nach dem Ersten Weltkrieg, den er, fern der Front, lungenkrank in habsburgischen Gefängnissen überstand, nach Rom an die jugoslawische Gesandtschaft beim Vatikan; seinen letzten diplomatischen Posten bezog er 1939 ausgerechnet in Berlin, wo gerade der Zweite Weltkrieg geplant wurde, in dem die Wehrmacht auch jenes jugoslawische Königreich zerschlug, dessen Interessen er in verschiedenen Ländern vertreten hatte. Andric träumte schon in seiner Jugend davon, Schriftsteller zu werden, aber er hatte noch einen anderen großen Traum, den Traum von einem Staat der vereinten Südslawen, für den er sich als Schüler den Revolutionären der nationalen Jugendbewegung Mlada Bosna anschloss. Als es diesen Staat endlich gab, nahm er es geradezu als Pflicht, sich ihm als Staatsdiener zur Verfügung zu stellen. In den Jahren, die er an den Konsulaten und Botschaften in Graz, Triest, Bukarest, Marseille, Madrid, Brüssel, Genf arbeitete, hat er zwar auch geschrieben und 1924 und 1931 umfangreiche Erzählsammlungen veröffentlichen können; gleichwohl widmete er fast bis zu seinem 50. Lebensjahr seine tägliche Arbeit dem diplomatischen Dienst, den er keineswegs als bloßen Brotberuf verstand oder nur nebenher versah. Im Frühjahr 1941 wurde das Personal der jugoslawischen Botschaft in Berlin verhaftet und am Bodensee interniert. Wenige Wochen nachdem die Wehrmacht mit ihrem Luftangriff auf Belgrad den Krieg auf den Balkan getragen hatte, konnte er in die jugoslawische Hauptstadt zurückkehren, wo er sich ohne Bezüge pensionieren ließ und an einem monumentalen Roman über einen französischen und einen österreichischen Konsul zu schreiben begann.

In drei Jahren drei Bücher

Über dem Werk und der Biografie von Ivo Andric türmt sich die Sekundärliteratur, dennoch ist bis heute nur wenig erforscht, was er als Sonderbotschafter in Berlin erlebte und wie er die Jahre der Besetzung in Belgrad überlebte, als er sich aus dem öffentlichen Leben vollkommen zurückzog und in der einsamen Arbeit von drei Jahren drei Bücher verfasste. Dass die Welt um Andric zusammenbricht, während er selbst in die literarisch produktivste Phase seines Lebens eintritt, ist eine Gleichzeitigkeit, die fasziniert und bestürzt: Die deutsche Wehrmacht wütet in Serbien mit grausamer Effizienz gegen die Partisanen, indem sie ganze Dörfer auslöscht und abertausende Geiseln ermordet; und der patriotische Diplomat eines Staates, der gerade zu existieren aufgehört hat, beginnt, nahezu abgewandt von den grausamen Geschehnissen ringsum, historische Romane zu schreiben, die tief in die an Kriegen so reiche Vergangenheit seines Landes hinabführen. 1945, als das neue, das sozialistische Jugoslawien ersteht, wird er drei umfangreiche Werke fertiggestellt haben und sie – ein in der neueren europäischen Literatur singuläres Ereignis – allesamt noch im selben Jahr veröffentlichen. Diese Bücher, Die Brücke über die Drina, Das Fräulein und Wesire und Konsuln, begründen seinen Ruhm und werden bis heute in immer neuen Übersetzungen und Ausgaben in aller Welt gelesen. Und in der "Sozialistischen föderativen Republik Jugoslawien" wird der Diplomat des Königreiches, der sich am Widerstand gegen die Okkupanten nicht aktiv beteiligt hat, sogleich als der repräsentative Autor des Vielvölkerstaates anerkannt und zum Präsidenten des Schriftstellerverbands gewählt.

Mit dem Stoff von Wesire und Konsuln hat sich Andric bereits in seiner Zeit als Botschafter beschäftigt. Als Generalkonsul in Marseille studierte er die Berichte, die Pierre David, der von 1807 bis 1814 als französischer Konsul in Travnik stationiert war, an das Außenministerium in Paris richtete. Auch das Buch Voyage en Bosnie dans les années 1807-1808, das der kluge, am Balkan interessierte Vizekonsul Chaumette des Fossés über seine Erfahrungen in Bosnien geschrieben hatte, ist Andric bei seinen Vorstudien nicht entgangen. Und 1937 ließ er sich im Wiener Staatsarchiv die Berichte und Depeschen ausheben, die die österreichischen Konsuln in Travnik, Paul von Mitesser und Jakob von Paulic, an ihre vorgesetzten Wiener Stellen adressiert hatten. Andric hat sich also mindestens 15 Jahre mit dem Thema beschäftigt, ehe er durch die tragische Ungunst der historischen Stunde in die glückliche Lage versetzt wurde, den Roman über jene weit zurückliegende Epoche beständiger Kriege auch tatsächlich zu schreiben.

Der Titel des serbokroatischen Originals lautet Travnicka hronika, "Travniker Chronik". Als Gattungsbezeichnung bedeutet Chronik in der Regel die mehr oder weniger sachliche und lineare Darstellung eines bestimmten Zeitraums, doch sollte man sich davon nicht täuschen lassen. Andric hat historische Studien betrieben, aber kein Geschichtswerk verfasst und mehrmals betont, dass er nicht die Wissenschaft, sondern die Literatur dafür berufen halte, die Wahrheit über den Menschen und seine Geschichte zu sagen. So bezog er sich in der Travniker Chronik außer auf viele Werke der Geschichtswissenschaft zwar auch auf die Lebenszeugnisse von vier Konsuln, die tatsächlich gelebt und ein paar Jahre in Travnik gewirkt haben; aber bei dreien von ihnen verändert er schon den Namen, sodass aus David Daville, aus von Mitesser der Oberst von Mitterer und aus Jakob von Paulic ein Oberstleutnant von Paulich wird. Die Bezeichnung Chronik hat er wie beim Roman Die Brücke über die Drina, den er im Untertitel Eine Chronik aus Visegrad nannte, vielleicht deswegen gewählt, weil beide Male der Held keine einzelne Figur ist, sondern die Zeit – und im einen Fall zudem die Brücke, die über die Drina führt, im anderen die Stadt, in der die Konsuln aufeinandertreffen, Travnik.

Chronikalischer Charakter

Andric hat die Chronik also nicht als historiografisches Genre, sondern als besondere Form des Romans genutzt, und in Wesire und Konsuln tritt der nüchtern-chronikalische Charakter auch dadurch hervor, dass kein subjektiver Erzähler auszumachen ist und die Dinge wie emotionslos und frei von Wertung dargestellt werden, als würden sie von einer unpersönlichen Instanz erfasst. Der Zagreber Slawist Davor Dukic hat in dem ganzen Roman nur einen einzigen Hinweis gefunden, wo der Erzähler in seiner Position zum dargestellten Geschehen und Raum zu verorten sei, und der wird noch dazu in einer nebenhin gesetzten Formulierung geboten: "So sieht typischerweise der Beginn, die Entwicklung und das Ende der Aufstände in unseren Städten aus ..." Einzig in diesem "unseren" wird der Erzähler greifbar, indem er von den bosnischen als "unseren" Städten spricht, sich selbst also zu den Bosniern rechnet. Das mag als seminaristische Erbsenzählerei erscheinen, hat aber für den Roman enorme Bedeutung: Der hier erzählt, gehört zu Bosnien, ist einer von "uns" Bosniern, hat sich zugleich aber von dem, was im Roman geschieht und berichtet wird, so weit zurückgezogen, dass er nicht Partei ergreift, sondern jede Partei aus dem Blickwinkel der anderen erfasst.

Wesire und Konsuln gilt als der Roman Bosniens schlechthin und ist zugleich ein Versuch über den Osten und den Westen, über Orient und Okzident, über das Aufeinanderprallen zweier Welten. Das Besondere liegt darin, dass kein autoritativer Erzähler sagt, wie die Dinge im Orient stehen, sondern dass von diesem immer nur aus der Perspektive befangener Repräsentanten des Okzidents geredet wird. Diese Vertreter der westlichen Zivilisation und Staatenwelt wiederum umkreisen einander, sind unentwegt damit beschäftigt, sich über die Absichten und Ansichten des jeweils anderen klarzuwerden, und kommentieren diese in ihren Berichten und Aufzeichnungen, sodass ein fortwährendes Changieren der Perspektiven die Dinge in der Schwebe hält. Jedes Urteil wird so zwar nicht als Vorurteil desavouiert, aber doch als Ergebnis vorgefasster Meinungen, kultureller Prägungen, nationaler Ressentiments kenntlich gemacht. Was wir vom Orient erfahren, ist aus der Perspektive des Okzidents gesagt, sodass der Roman nicht nur vom Orient erzählt, sondern reflektierend auch ein Phänomen aufgreift, das Edward Said viel später als "Orientalismus" bezeichnet hat; mehr als vom realen Orient verrät dieser von den westlichen Imaginationen der Fremde. So gelesen, kündet Wesire und Konsuln von einem doppelten Scheitern, vom Scheitern der Konsuln, die osmanische Welt zu begreifen, dem das Scheitern der osmanisch geprägten Menschen entspricht, den Okzident zu verstehen.

Der Westen wird von zwei Konsuln (nimmt man den Stellvertreter des französischen und den Nachfolger des österreichischen dazu, sind es vier) repräsentiert, die sich gegenseitig belauern, bei den Wesiren auszuspielen trachten, ihren sich bekriegenden Regierungen Bericht erstatten und sich in dem abweisenden Land zugleich als verlorene Brüder empfinden. Während sie unablässig gegeneinander intrigieren, spüren sie, dass sie an diesem für sie verfluchten Ort gemeinsam das repräsentieren, was sie für Europa, ja für die Zivilisation halten.

Der Osten, der Orient hat im Roman nur einen kleinen Raum, den Konak, das Gutshaus des Wesirs, der als Gouverneur des Osmanischen Reiches in Bosnien amtiert. Es sind drei Wesire, die in den acht Jahren, über die sich die Handlung erstreckt, nach Travnik entsandt werden, was die ersten beiden als Verbannung empfinden. Die drei sind grundverschieden von Herkunft, Charakter, Aussehen, Ambition, aber gleich in ihrer Funktion, eben an diesem Ort die osmanische Herrschaft zu repräsentieren und zu verteidigen, gegen die vermuteten Ränkeschmiede der westlichen Konsuln und gegen das erstarkende serbische Fürstentum, das sie jedes Frühjahr wieder mit einer Strafexpedition in die Knie zwingen wollen.

Wo aber treffen die Konsuln aus Frankreich und Österreich aufeinander und wo beide Konsuln aus dem Westen gemeinsam auf den Osten, auf den Wesir des Osmanischen Reichs? In einer Stadt in Bosnien, die als alles andere als lieblich beschrieben wird und "in Wirklichkeit eine enge, tiefe Schlucht" ist. Der Westen, der Osten – und Bosnien als der dritte, der größte Raum des Romans und dessen eigentlicher Protagonist. Bosnien war zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahrhunderten eine osmanische Provinz, die Honoratioren der Stadt, die Agas und Begs, die niederen und höheren Adeligen, die kleinen und größeren Grundherren sind allesamt längst mit der islamischen Kultur verwachsen. 1807, als der Prolog des Romans einsetzt, befand sich das Osmanische Reich nach Jahrhunderten, in denen es sich mit militärischer Gewalt immer weiter ausgebreitet hatte, jedoch bereits auf dem Rückzug. Das hat die Honoratioren der muslimischen Gesellschaft stockkonservativ werden lassen, müssen sie doch fürchten, dass jedwede Veränderung ihre Vorrechte und liebgewonnenen Sitten und Gebräuche infrage stellen könnte. Sie sind grimmige Verfechter eines Immobilismus, der an der Welt, wie sie ist, nicht rührt und die Dinge, im Namen der rechten Religion und in ihrem eigenen Interesse, belässt, wie sie vorgeblich schon immer waren.

In dieser rauen Provinz leben aber nicht nur Muslime, sondern auch Katholiken, die sich um die Franziskaner und ihre Klöster scharen, Orthodoxe, die periodisch von ihren Nachbarn drangsaliert werden und sehnsüchtig nach Serbien schauen oder gar auf Unterstützung der russischen Brüder hoffen, sephardische Juden, die einst aus Spanien hierhergeflohen sind; und "Zigeuner", die von den sich periodisch selber aufhetzenden Muslimen in Travnik dazu missbraucht werden, die Ungläubigen, die vermeintlichen Verräter zu drangsalieren und gewissermaßen die schmutzige Handarbeit des Folterns und Exekutierens zu übernehmen. In Wesire und Konsuln finden sich einige schauerliche Passagen, in denen der Volkszorn aufflammt, sich seine Opfer sucht und nach einiger Zeit wieder erlischt.

Ein unauflösliches und verletzliches Ineinander der Religionen und Volksgruppen, das war Bosnien für Ivo Andric, und wie er dieses Land im Dazwischen zeigt, das ist unerbittlich und verständnisvoll zugleich. In seinem Roman leuchtet nämlich keine multikulturelle Idylle auf, die ethnische und religiöse Vielfalt entwickelt sich nirgendwo zu einer freundlichen Kultur der Übergänge. Wer es, nach einem Wort der Slawistin Miranda Jakisa, mit einer "schlichten Kulturverschmelzungstheorie" hält, dem wird in Wesire und Konsuln mit bitterer Konsequenz vor Augen geführt, dass die bosnischen Dinge wesentlich komplexer sind. Das Land der realen Vielfalt bleibt immer eine Zone des Konflikts, des alltäglichen Kampfes um Vorherrschaft, der Kriege um Hegemonie, der Feindschaft, die, nach Zeiten des scheinbar ungetrübt friedlichen Zusammenlebens, eruptiv wieder ausbricht. Andererseits verwirft Andric die bosnische Vielfalt nicht, geht er doch davon aus, dass sie nichts anderes ist als die unaufhebbare Realität dieses geopolitischen Raumes. Alle mochten sie sich etwas Besseres von ihrem Schicksal erhofft haben, die Muslime, Katholiken, Orthodoxen und die Juden, aber sie sind nun einmal hier gelandet oder gestrandet. Andric formuliert keine Utopie, wie sie sich am Ende aller Streitigkeiten doch noch zur friedlichen Völkerfamilie vereinen könnten. Aber er plädiert auch an keiner Stelle seines Werkes dafür, Bosnien auf die eine oder andere Weise ethnisch, religiös, kulturell wieder zu purifizieren, wie dies im jugoslawischen Zerfallskrieg nach und nach von allen Seiten angestrebt wurde. Bosnien als Kreuzung, auf der Orient und Okzident zusammentreffen, kann weder osmanisiert noch europäisiert werden, sondern muss die Heimat aller hierher Geworfenen bleiben.

Nobelpreisträger 1961

Ivo Andric wurde in Travnik geboren, lebte aber nie dort. Die erste Zeit verbrachte er mit seiner Mutter in Sarajevo und dann, sehr bald, in Visegrad, wo er aufwuchs. 1946 wurde er Abgeordneter des bosnischen Parlaments und hat die meisten seiner Werke in Bosnien angesiedelt; die Preissumme, die ihm der Nobelpreis für Literatur 1961 eintrug, hat er bosnischen Stiftungen überlassen, verbunden mit dem Wunsch, sie mögen es für die Ausstattung bosnischer Bibliotheken verwenden. Dennoch ist Andric heute bei vielen Bosniaken, den bosnischen Muslimen, verhasst. Seine Denkmäler wurden während des jugoslawischen Zerfallskrieges vielenorts zerstört, und ein führender bosniakischer Kulturpolitiker hat vor wenigen Jahren gar gemeint, wäre Andric heute noch am Leben, würde er sich vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag verantworten müssen. Woher kommt dieser Hass auf einen Mann, der den Hass dargestellt und analysiert, ihm aber nie das Wort geredet hat? Seinen bosniakischen Verächtern gilt Andric als Autor, der die muslimischen Traditionen geringgeschätzt und die für sie identitätsstiftende osmanische Ära als kulturelles Desaster für ganz Bosnien abgetan habe. Sie beziehen sich dabei auf die Travniker Chronik, noch lieber aber auf seine 1924 verfasste Dissertation über Die Entwicklung des geistigen Lebens in Bosnien unter Einwirkung der türkischen Herrschaft, die er zu Lebzeiten niemals veröffentlichte und in der er tatsächlich zu einer äußerst kritischen Bilanz der osmanischen Ära gelangte.

Brückenbauer durch Bücher

Wer heute die Frage zu stellen wagt, was die osmanischen Jahrhunderte für den Balkan bedeuteten, gerät rasch auf vermintes Gelände. In den letzten Jahren hat die Türkei einen Neo-Osmanismus propagiert und die goldene Ära beschworen, als die Völker des Balkans noch segensreich unter dem Dach eines islamischen Reiches vereint waren und nicht gegeneinander im Krieg standen. Die Berufung der türkischen Regierung auf die Osmanen ist kurios, ist sie doch gerade dabei, im eigenen Land die letzten Reste der alten Übernationalität zu vernichten, die sie als Erbe der osmanischen Geschichte für ihre imperialen Ansprüche reklamiert. Es ist so, als würden sich in Österreich ausgerechnet die Deutschnationalen, denen die Völkervielfalt Österreich-Ungarns immer ein Gräuel war, auf die einst verhasste Donaumonarchie berufen, um ihre nationalistischen Anliegen von heute besser verfechten zu können!

Während in der Türkei, aber auch von manchen Bosniaken das osmanische Erbe neuerdings verklärt wird, haben einige Historiker zuletzt behauptet, dass fast alle Probleme, mit denen die verschiedenen Staaten des Balkans heute kämpfen, mit den Jahrhunderten des osmanischen Feudalismus zu tun haben. Dieser Feudalismus mit seiner spezifisch religiösen Ausrichtung habe jedweden Fortschritt in Ökonomie, Wissenschaft, Gesellschaft, Staat behindert und den Ländern, die unter osmanischer Herrschaft standen, eine Unterentwicklung auferlegt, die verheerende Folgen bis heute zeitigt. Man begreife, warum in einem Land, in dem sich die politischen und wirtschaftlichen Eliten der drei Nationalitäten auch zwanzig Jahre nach dem Krieg noch immer um Pfründen und Machtbezirke streiten, der historische Roman von Ivo Andric solche Brisanz entfaltet. Der ideologische Kampf hat dabei mit dem Werk selbst nicht viel zu tun, er wird ohnedies geführt und sucht sich den Roman nur als beliebiges Objekt, an dem er sich erhitzen kann, und als Depot, aus dem er seine Munition bezieht.

Dem als Bannspruch gemeinten Vorwurf, Andric habe die islamische Kultur Bosniens in Bausch und Bogen für unaufgeklärt, starr und unveränderbar reaktionär erklärt und letztlich als Fluch für ganz Bosnien empfunden, haben bosnische Schriftsteller und Gelehrte wie Dzevad Karahasan und Ivan Lovrenovic vehement widersprochen. Weil er das Ineinander der Kulturen für das Besondere an Bosnien und dieses Ineinander zugleich für prinzipiell unauflösbar und unentwirrbar hielt, scheint ihnen gerade Andric Bosnien selbst zu verkörpern, und Ivan Lovrenovic ging so weit zu behaupten, dass das alte Bosnien untergegangen sei und nirgendwo überlebt habe – außer in der Literatur des Ivo Andric.

Wer sich seinen eigenen Weg durch diesen Roman gesucht hat, der wird sich an viele beglückende und erschütternde Leseerlebnisse erinnern. Wo immer man ansetzt, Wesire und Konsuln bietet fesselnde Lektüre, was nicht zuletzt damit zu tun hat, dass der Roman eine Fülle an Figuren aufbietet, von denen eine jede mit atemberaubender Charakterisierungskunst vorgestellt wird. Ob es sich um die beiden seelenverwandten Dolmetscher handelt, den in Savoyen geborenen César d'Avenat, der in Diensten des französischen, und den in Triest geborenen Nikola Rotta, der in Diensten des österreichischen Konsuls steht, zwei gleichermaßen widersprüchliche Charaktere, die viele Gesichter haben und unterwürfig und hochfahrend zugleich sind; oder um die vier Ärzte von Travnik, die so einprägsam, originell, vielschichtig gedeutet werden, dass jeder von ihnen den Protagonisten einer eigenen Erzählung oder Novelle abgeben könnte; oder um den unvergesslichen Berater des Wesirs mit seiner nie verheilenden Wunde an der linken Seite und den Schatzmeister Bakri, den es immerzu fröstelt: Ausgestattet mit unverwechselbaren Eigenheiten, hat jede Figur ihren Abgrund, in den uns Andric blicken lässt.

Und erst recht die Frauengestalten des Romans faszinieren mit ihren Eigenheiten, Marotten, Obsessionen und ihren herzergreifenden Versuchen, dem Unglück zu entrinnen, das durch die rauen Verhältnisse, die lebensfeindlichen Traditionen, die Macht der Männer über sie verhängt ist. Wenn Andric distanziert von all den traurigen Frauen verschiedener Schichten und Nationalitäten berichtet, glaubt man manchmal, einen Hauch von patriarchalem Dünkel zu verspüren; aber es ist nicht Andric, der sich über das Leid dieser Frauen erhebt, es sind die von ihm ohne romantische Verbrämung gezeigten Verhältnisse, die aus ihnen jene geduckten und leidensbereiten oder, wie im Falle Anna von Mitterers, auf überspannte Weise aufbegehrenden Wesen machen. Es ist einmal gesagt worden, dass im vielbändigen Werk von Ivo Andric keine einzige glückliche Frau ihren Auftritt habe, aber das spricht nicht gegen einen Autor, der den Frauen das Recht auf Glück abgesprochen hätte, sondern für den unerbittlichen Blick, den er auf die Gesellschaft, in der sie lebten, geworfen hat. Gibt es gar keine Hoffnung im Werk von Ivo Andric? In seiner Nobelpreisrede hat er gesagt: "Ich wäre sehr glücklich, könnte ich durch meine Bücher ein Brückenbauer zwischen Ost und West sein." Er hat diese Hoffnung nur in einem zweifachen Konjunktiv auszudrücken vermocht. Aber der Konjunktiv ist ja die Möglichkeitsform. (Karl-Markus Gauß, Album, 14.8.2016)

Karl-Markus Gauß ist ein österreichischer Schriftsteller. Zuletzt erschien von ihm "Der Alltag der Welt. Zwei Jahre und viele mehr" (Zsolnay, 2015).

  • Ivo Andric wurde in Travnik geboren, lebte aber nie dort. Die erste Zeit verbrachte er mit seiner Mutter in Sarajevo und dann, sehr bald, in Visegrad.
    foto: picturedesk

    Ivo Andric wurde in Travnik geboren, lebte aber nie dort. Die erste Zeit verbrachte er mit seiner Mutter in Sarajevo und dann, sehr bald, in Visegrad.


  • Ivo Andric im Jahr 1975.
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    Ivo Andric im Jahr 1975.

  • Ivo Andric,  "Wesire und Konsuln". Übersetzt von Hans Thurn und Katharina Wolf-Grießhaber. € 28,80 / 656 Seiten. Zsolnay- Verlag, Wien 2016
    cover: zsolnay

    Ivo Andric, "Wesire und Konsuln". Übersetzt von Hans Thurn und Katharina Wolf-Grießhaber. € 28,80 / 656 Seiten. Zsolnay- Verlag, Wien 2016

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