Wann und woran Herr und Frau Österreicher sterben

Die Lebenserwartung in Österreich steigt und steigt – aber je nach Bildungsabschluss in unterschiedlichem Ausmaß. Und länger leben heißt nicht länger gesund leben

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Analyse13. August 2016, 09:00

Die gute Nachricht: In den vergangenen 50 Jahren ist die Lebenserwartung kontinuierlich gestiegen. Die schlechte Nachricht: Nicht die gesamte Bevölkerung hat davon in gleichem Ausmaß profitiert.

Jedes Jahr seit 1970 hat die Statistik Austria die Lebenserwartung im Mittel um drei Monate nach oben korrigiert. Männer dürfen heute auf 78 Lebensjahre hoffen, Frauen auf 84. Vor 45 Jahren war noch ein Alter von 66 beziehungsweise 73 zu erwarten. So weit, so bekannt.

Der medizinische Fortschritt hat für alle ein längeres Leben gebracht, aber für manche ein noch längeres. Akademikerinnen und Akademiker leben länger als Pflichtschulabsolventinnen und -absolventen. Aber um wie viel länger? Wenn Sie hier Ihr Geschlecht und Ihr Alter angeben, errechnet die Anwendung, wie viele Jahre Sie noch erwarten dürfen – und wie viele Jahre es mit einem anderen Bildungsabschluss wären.

Daten für die bildungsspezifische Lebenserwartung stammen aus der Sterbetafel 2011/12

Wir sehen

  • Je höher die formale Bildung, desto höher die Lebenserwartung. Gemäß aktuellster Sterbetafel der Statistik Austria wird ein Hochschulabsolvent 82,8 Jahre alt, ein Pflichtschulabsolvent hingegen 75,5 Jahre. Derselbe Vergleich bei Frauen zeigt eine Lebenserwartungdifferenz von 85,2 Jahren gegenüber 82,3 Jahren. Die Unterschiede fallen deutlich geringer aus.
  • Unterschiede nach der Bildungskarriere: Ein 35-jähriger Akademiker wird mit einer Wahrscheinlichkeit von 72,5 Prozent mindestens 80 Jahre alt. Für Männer mit Pflichtschulabschluss liegt die Wahrscheinlichkeit bei 48 Prozent. Ähnliches gilt für Frauen: Eine 35-jährige Akademikerin erreicht mit 78,1-prozentiger Wahrscheinlichkeit ein Alter von 80 Jahren. Für Frauen mit Pflichtschulabschluss lag diese bei 70,6 Prozent.
  • In Jahren ausgedrückt heißt das: Im Mittel leben Akademiker sieben Jahre länger als Pflichtschulabsolventen, bei Frauen ist der Abstand mit 2 Jahren und 10 Monaten kleiner.

Wie hat sich das in den vergangenen Jahren verändert?

In den fünf Jahren zwischen der jüngsten und der vergangenen Sterbetafel der Statistik Austria (2011/12 vs. 2006/07) hat sich die Lebenserwartungsschere zwischen hoher und niedriger Bildung geöffnet. Akademiker und Pflichtschulabsolventen lagen bei der Wahrscheinlichkeit, das 80. Lebensjahr zu erreichen, vor zehn Jahren 20 Prozentpunkte auseinander, vor fünf Jahren waren es 24 Prozentpunkte. Bei Frauen hat sich die Schere von 4 auf 7,5 Prozentpunkte fast verdoppelt.

Woher kommen diese Unterschiede?

Eine Studie der Medizinischen Universität Graz führt die Differenzen auf das Gesundheitsverhalten zurück. Mit Fokus auf den sozioökonomischen Status (SES) einer Person – dieser umfasst neben Bildung auch Einkommen und Stellung im Job – haben die Mediziner im Groben vier wesentliche Bereiche festgemacht:

Menschen mit niedrigem SES ...

  • ... bewegen sich weniger
  • ... ernähren sich schlechter (weniger Vollkornprodukte, Obst und Gemüse)
  • ... rauchen häufiger
  • ... zeigen ein anderes Konsummuster für Alkohol. Sie sind entweder abstinent oder trinken in problematischem Ausmaß.
foto: stocksnap.io

Ein unterschiedliches Rollenverständnis von Männern und Frauen führe dazu, dass die Geschlechterunterschiede so ausfallen würden, sagt Studienautorin Éva Rásky: "Die Gesellschaft erwartet von Männern ein ganz anderes Gesundheitsverhalten als von Frauen."

Beeinflusst Bildung die Gesundheit – oder doch umgekehrt?

Der Zusammenhang zwischen Bildung und Gesundheit kann auch in die andere Richtung gedacht werden: Der Gesundheitszustand hat Einfluss auf die Bildungschancen.

"Es ist ein Zusammenspiel von vielen Faktoren. Einen eindeutigen Grund festzumachen, ist nicht möglich", sagt Johannes Klotz, Demograf bei der Statistik Austria.

Das schlechtere Gesundheitsniveau zeigt sich auch in der Anzahl der Jahre, die voraussichtlich in guter gesundheitlicher Verfassung gelebt werden. Schließlich heißt eine längere Lebenserwartung nicht, dass man immer gesund ist. Für die Gesamtbevölkerung liegt die Erwartung aktuell bei etwa 60 gesunden Lebensjahren. Geschlechterunterschiede gibt es kaum.

Dafür sind die Unterschiede zwischen Bildungsgruppen ausgeprägter. Grundsätzlich gilt wie bei der Lebenserwartung auch, dass alle zwischen 1981 und 2006 untersuchten Personen zusätzliche Jahre in Gesundheit gewonnen haben. Allerdings eben in unterschiedlichem Ausmaß, und Differenzen bleiben bestehen.

Um diese festzumachen, betrachten Forscher die Altersgruppe der 25- bis 84-Jährigen: Wie viele Jahre in dieser Zeitspanne verbringen Menschen mit unterschiedlichem Bildungsabschluss in guter gesundheitlicher Verfassung, und wie weit liegen die Bildungsgruppen auseinander?

Hohe Bildung: Matura, Hochschule. Mittlere Bildung: Lehre, Fachschule. Niedrige Bildung: Pflichtschule, keine formale Bildung.

In der beobachteten Altersgruppe verbringen höher gebildete Männer gemäß der Erhebung aus dem Jahr 2006 5,2 Jahre länger in guter Gesundheit als 1981, bei Frauen sind es sechs Jahre. Männer mit niedrigem Bildungsabschluss haben im gleichen Zeitraum 4,1 Jahre gewonnen, Frauen 4,6 Jahre.

Bei den Todesursachen lassen sich besonders bei Männern bildungsspezifische Unterschiede erkennen. Pflichtschulabsolventen erkranken etwa häufiger an Krankheiten der Verdauungsorgane oder der Atmungsorgane (Asthma, Bronchitis). Auch bei Lungenkrebs war die Sterberate überdurchschnittlich hoch.

Dass Herr und Frau Österreicher immer länger leben, lässt sich auch an dieser Visualisierung der Todesursachen in Zehn-Jahres-Intervallen ablesen. Sie zeigt im Überblick, welche Todesursachen in den vergangenen Jahren an Bedeutung zugelegt haben.

Wir sehen

  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in Österreich die Todesursache Nummer eins. Diese treten in erster Linie im Alter auf, bei Frauen später als bei Männern. Von den Todesursachen sind Herzinfarkte und Schlaganfälle jene, die am häufigsten zum Tod führen. Es sind mehr Frauen als Männer daran gestorben, weil sie bei den Älteren einen größeren Teil der Bevölkerung stellen. Bereinigt um den Alterseffekt, sind mehr Männer als Frauen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen verstorben.
  • Krebs ist die zweithäufigste Todesursachengruppe. Am häufigsten sind Lungen-, Darm-, Bauchspeicheldrüsenkrebs sowie Brust- und Prostatakrebs als Krebsarten identifiziert worden.
  • Die Säuglingssterblichkeitsrate ist in den vergangenen 40 Jahren drastisch gefallen.
  • Stirbt jemand zwischen dem 15. und dem 28. Lebensjahr, ist es in mindestens jedem zweiten Fall wegen einer Verletzung oder Vergiftung. Die meisten Tode gehen auf Unfälle (vor allem Verkehr) sowie Selbstmorde zurück.

Besser zu erkennen ist die Aufteilung der Todesursachen in Österreich anhand relativer Skalen. Die Schwankungen in den jüngeren Jahren gehen auf kleinere Fallzahlen zurück.

Wie aus einer anderen Untersuchung der Medizinischen Universität Graz hervorgeht, wäre einer von drei vorzeitigen Todesfällen wegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Krebs vermeidbar. Die Wissenschafter haben die Sterberaten in allen Bundesländern verglichen und das Potenzial auf Basis des jeweiligen Bundeslandes mit der niedrigsten Sterberate errechnet.

Präventionspotenzial im Osten und Süden

Demnach schöpfen vor allem Bundesländer im Osten und Süden Präventionsmöglichkeiten nicht aus: in Wien, Kärnten, der Steiermark und dem Burgenland. Wie wäre diese Lücke zu schließen? Die Studienautoren der Medizinischen Universität plädieren in ihrem Paper für Aktionspläne, um das Gesundheitsniveau von Menschen mit niedrigem Einkommen, schlechter beruflicher Stellung und niedrigem Bildungsniveau zu heben.

Die gute Nachricht: Die ausgearbeiteten Aktionspläne würden bereits vorliegen: etwa für mehr Bewegung oder eine bessere Ernährung.

Die schlechte Nachricht laut Studienautorin Éva Rásky: "Niemand setzt das, was in den Papieren steht, um."

Warum ist die bildungsspezifische Sterbetafel aus dem Jahr 2011/12 die Datenquelle?

Die bildungsspezifische Sterbetafel wird in einem fünfjährigen Intervall aktualisiert. Die jüngsten Daten sind aus diesem Jahr – die Publikation der Daten für 2016/17 soll in zwei Jahren erfolgen. Sie wird nicht jährlich veröffentlicht, weil es bei einer bildungsspezifischen Aufschlüsselung größere jährliche Schwankungen geben kann, die überinterpretiert werden könnten.

Wer sagt, woran jemand gestorben ist und klassifiziert die Todesursachen?

Bei jedem Sterbefall wird einer Totenbeschau durchgeführt. Im Rahmen dieser Totenbeschau wird die Todesursache von amtlich bestellten Totenbeschauärzten, Pathologen oder Gerichtsmedizinern im Totenschein angegeben. Diese Daten werden über das zentrale Personenstandsregister an die Statistik Austria übermittelt, wo sie mithilfe internationaler Regeln aufgearbeitet und veröffentlicht werden.

Wie wäre es mit etwas Transparenz?

Die Daten sind, soweit sie nicht in den Grafiken selbst verlinkt sind, hier abrufbar.

Warum das alles?

"Wann und woran Herr und Frau Österreicher sterben" ist Teil einer Serie des STANDARD, in der Daten zu wichtigen Stationen des Lebens aufbereitet werden. Diese vier Teile sind bereits erschienen:

"Wie viel verdienen Menschen wie Sie?"

"Wann heiraten Menschen wie Sie?"

"Wann gründen Menschen wie Sie eine Familie?"

"Wann und wie oft Ehen geschieden werden"