Start-ups zwischen Hype und harter Realität

12. August 2016, 09:00
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Die österreichische Start-up-Szene gilt als verschlafen, rar sind vor allem private Investoren. Das zu ändern wird nicht leicht sein

Wien – Kaum ein wirtschaftspolitisches Thema löst derzeit einen solchen Hype aus wie Start-ups. Jede Großstadt und jedes Industrieland verfügt inzwischen über eine eigene Strategie zur Förderung ambitionierter Jungunternehmen. In Österreich haben Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) und sein Vize Reinhold Mitterlehner (ÖVP) erst im Juni ein neues, 185 Millionen Euro schweres Unterstützungspaket vorgestellt. Die Frage ist, welchen Beitrag die Jungunternehmen zu Beschäftigung und Wirtschaftswachstum leisten, was also die lokalen Erfahrungen sind.

DER STANDARD hat sich dafür die Szene in zwei Städten, Wien und Boston, angesehen. Wien gilt im internationalen Vergleich als Nachzügler in puncto Start-ups, während Boston in Rankings regelmäßig unter den Top vier der globalen Destinationen landet. Was läuft anders, was gleich?

Aktive Szene

Die Spurensuche beginnt bei Daniel Cronin. Der 35-jährige frühere App-Entwickler hat mehrere Unternehmen in Österreich gegründet und ist aktuell bei Austrian Start-ups engagiert. Der Wiener Verein will Jungunternehmen bei praktischen Problemen, wie der Suche nach Büroräumen, aushelfen. Immer wieder heißt es, Österreich fehle es an unternehmerischem Geist und Risikobereitschaft.

Wenn man Cronin zuhört, bekommt man ein anderes Bild vermittelt. Er beschreibt eine bunte, aktive Start-up-Community in Österreich. Wie in Boston gibt es hier eine gute Infrastruktur. In beiden Städten existieren zahlreiche Gemeinschaftsbüroräume, in denen sich angehende Unternehmer einmieten können.

Genaue Zahlen zu Start-ups gibt es nicht, weil nur schwammige Definitionen existieren. In der Regel gilt in Österreich als Start-up ein junges Unternehmen, das schnelles Wachstum erzielen will und innovativ ist. Von den 40.000 Firmengründungen 2015 in Österreich waren laut staatlicher Förderbank AWS 1.000 Start-ups. Nimmt man eine Definition der Statistik Austria her, wonach ein Start-up zehn Prozent Umsatzsteigerung im Jahr und zehn Mitarbeiter aufweisen muss, sind die Zahlen bescheidener, dann gibt es 3.400 Start-ups im Land.

Weniger Gründungen in Österreich

Die Zahl der Jungunternehmen liegt unter dem europäischen Schnitt. Auch in Boston gibt es weit mehr Jungunternehmen. Neuere Studien wie jene von Jorge Guzman und Scott Stern vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) zeigen, dass die Zahl der Start-ups wenig über ihre Erfolgsrate und ihren Beitrag zur Beschäftigung aussagt; wichtiger als Quantität ist Qualität.

Die Rahmenbedingungen in Österreich, was öffentliche Förderungen betrifft, sind jedenfalls schon heute gut, sagt der Wiener Jungunternehmer Cronin. "Ich kenne wenige Länder, wo Start-ups in der Frühphase so viel Unterstützung bekommen." Das AWS sagte im vergangenen Jahr 225 Millionen Euro an Zuschüssen und Garantien für Start-ups zu. Die Wirtschaftsagentur Wien finanzierte Projekte in Höhe von 20 Millionen.

In Boston sind öffentliche Zuschüsse rar. Zu den größten Plattformen für die Unterstützung von Start-ups zählt in der US-Metropole Mass Challenge. Das Unternehmen stellt jedes Jahr hunderten von Start-ups Büroräume in einem alten Industriegebäude, Finanzierung auf Zeit und Beratung zur Verfügung. Mass Challenge gilt als einer der größten Start-up-Geburtshelfer der Welt. Die einzige nennenswerte öffentliche Förderungen besteht bei Mass Challenge aber daraus, dass man die Büros für die Start-ups gratis von der Stadt bekommt.

Problem bei privater Finanzierung

Anders sieht es dagegen bei der privaten Finanzierung aus. In Österreich sind Bankkredite für Jungunternehmer kaum zu bekommen und Risikokapitalgeber rar. Der US-Finanzdienstleister Pitch Book kommt auf Basis von Befragungen unter Investoren zum Ergebnis, dass im vergangenen Jahr private Risikofinanzierer Unternehmen in Wien etwas mehr als 31 Millionen Euro zur Verfügung gestellt haben. In Boston ist von über 2,6 Milliarden die Rede.

In den USA gibt es nicht nur mehr finanzkräftige Geldgeber, sie sind auch risikobereiter. Mass Challenge kann auf Förderungen von Großunternehmen wie Microsoft, IBM, Pfizer und Verizon in Millionenhöhe zurückgreifen. "Neben den privaten Geldgebern sind die hervorragenden Universitäten in der Umgebung der Hauptgrund dafür, dass Boston als ein Zentrum für Start-ups gilt", sagt Robby Bitting, der bei Mass Challenge für Marketing zuständig ist.

Programmiertes Scheitern

Hier liegen laut Experten die Schwachstellen an der neuen Offensive der Regierung zur Start-up-Förderung in Österreich. "Öffentliche Förderungen gibt es bereits, und irgendwo muss der Punkt kommen, wo private Geldgeber übernehmen", sagt Werner Hölzl vom Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo. Private Investoren zu animieren, ist schwierig. Als Teil ihres Hilfspaketes wollen SPÖ und ÖVP Start-ups bei Lohnnebenkosten helfen – das werde das Finanzierungsproblem nicht lösen, sagt Hölzl. Ein System an hervorragenden Universitäten wie in Boston und Umgebung, wo neben Harvard auch das MIT beheimatet ist, existiert in Wien nicht. "Viele Städte versuchen seit langem, so zu werden wie das Silicon Valley, und schaffen es nicht."

Nicht ganz klar ist auch, was Start-ups langfristig bringen. Umfassende Untersuchungen sind rar. Was es gibt, sind Studien, die zeigen, dass Start-ups mehr Beschäftigung kreieren als klassische Firmen. Bei der Wirtschaftskammer Wien heißt es, ein Start-up schaffe in den ersten zwei Jahren sieben zusätzliche Jobs – bei übrigen Unternehmen sind es 2,4. Doch die meisten der Start-ups verschwinden auch wieder vom Markt. Als Faustregel gilt, dass neun von zehn Neugründungen nicht auf Dauer überleben. "Start-ups sind wichtig. Zu glauben, die Rettung für Österreichs Wirtschaft liege bei ihnen, ist aber übertrieben", sagt Ökonom Hölzl. (András Szigetvari, 12.8.2016)

  • Nur ein Hype, oder können Start-ups das schwache Wachstum in Österreich beleben?
    foto: istock

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  • Gewaltige Unterschiede bei der Finanzierung (Grafik)
    grafik: der standard

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