Impulstanz: Mehr Qualität, weniger Experiment

11. August 2016, 16:59
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Am Sonntag geht nach vier Wochen das diesjährige Impulstanz-Festival zu Ende – wieder mit einer ausgezeichneten Bilanz: Besucherrekord, erfolgreiche Kooperationen mit Museen und etliche hervorragende Stücke inklusive

Wien – Wirkliche Investitionen in die Sicherheit, sagte Impulstanz-Intendant Karl Regensburger bei der Abschluss-Pressekonferenz des aktuellen Festivals, seien solche in "Kultur, Kunst und Bildung". Impulstanz, das noch bis kommenden Sonntag weitergeht, finanziert sich mittlerweile zu mehr als fünfzig Prozent selbst.

Das Gesamtbudget für 2016 beträgt 5,55 Millionen Euro. Davon kommen 2,7 Millionen von der Stadt Wien und vom Bund. An den Kassen wurden bisher 1,35 Millionen erwirtschaftet. Die EU steuert 700.000 Euro bei, der Rest kommt von Sponsoren und internationalen Foundations. Die Auslastung wird mit mehr als 98 Prozent angegeben, und die Gesamtbesucherzahl bei Performances, Social Events und Workshops beträgt vier Tage vor Festivalende 126.500, das sind um 2100 mehr als beim bisherigen Rekordfestival 2013.

Gezeigt wurden seit Mitte Juli ganze 65 Produktionen in rund 140 Vorstellungen. Das Workshopfestival im Arsenal brachte es in 255 Kursen auf rund 44.000 besuchte Kurseinheiten. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Die Bevölkerung will Festivals wie Impulstanz, und sie besucht Kunst in ihren vielfältigen Formen überhaupt gern – trotz des aggressiven Bombardements der Unterhaltungsindustrie.

Dem Publikum sollte seine Offenheit für Kunst gedankt werden, indem ihm die besten Arbeiten angeboten werden. Deswegen rückt die Frage nach der Qualität von Kunst heute wieder ganz nach vorn. Dabei geht es natürlich nicht um "Schönheit" oder technische Virtuosität, sondern darum, wie tiefreichend und treffend die einzelnen Werke gearbeitet sind und welche Statements sie hinsichtlich unserer Gegenwart, deren Voraussetzungen und Aussichten abgeben.

Dafür sollten Künstlerinnen und Künstlern wieder mehr Freiheit bekommen. Die Neigung gewisser Förderer, zeitgenössische Kunstwerke nur passend zu spezifischen Vorgaben zu finanzieren, passt weniger zur Idee der Freiheit von Kunst als vielmehr zu jener ihrer Zweckeinbindung. Demokratisch ist das nicht.

Kunst und Tanz

Zu den Maximen des Impulstanz-Festivals gehört nach wie vor der Pluralismus der Gegenwartschoreografie. Überdies baut das Festival seine 2013 begonnene Zusammenarbeit mit Wiener Museen aus. Die Begegnung zwischen bildender Kunst und Tanz war diesmal im Mumok wie im Leopold Museum mitzuverfolgen. Durchaus zur Zufriedenheit beider Seiten, wie es heißt. Die präsentierten Arbeiten zeigten aber auch, dass es künftig noch mehr kuratorische Betreuung für die Tanzschaffenden geben sollte, für die Museumsräume zuweilen nicht leicht zu bewältigen sind.

Das Highlight im Leopold Museum war eindeutig das in Kooperation mit Berlinde De Bruyckere entstandene Solo Sibylle von Rumeu Runa, und im Mumok stach Peter Stamers und Frank Willens’ On Truth and Lie in an Extra-Moral Sense hervor. Die neue Workshop-Serie visual arts X dance war als Pilotveranstaltung zu verstehen. Bei einer nächsten Auflage wird sich hoffentlich auch die eine oder andere öffentliche Aktivität in den Museen ausgehen.

Auf den Bühnen überzeugten Maguy Marin mit BiT im Volkstheater und Anne Teresa De Keersmaeker mit dem Trio Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Chistoph Rilke. Weiters Xavier Le Roys Untitled in seiner Theater- und Museumsversion, Ivo Dimchevs Operville und Meguri von Ushio Amagatsu. Besonders stark unter den österreichischen Produktionen waren Chris Harings Candy’s Camouflage (die Theaterversion) und Willi Dorners Duett one im Museum Leopold. Als außergewöhnliches Erlebnis erwies sich – auch für Sehende mit Augenbinde – Simon Mayers Sons of Sissy mit Hörbeschreibung.

Bei der Jungchoreografen-Reihe [8:tension] stachen das Solo Vox der Französin Aline Landreau sowie Soil Girl des norwegischen Trios Ingeleiv Berstad, Kristin Rygg Helgebostad und Ida Wigdel besonders hervor. Auffällig bei Impulstanz 2016 waren die seltenen innovativen Positionen. Darin spiegelt sich ein allgemeiner Trend. Am ehesten betrat das Pu blikum noch bei Mårten Spångberg bisher wenig bekanntes Terrain. Oder bei Dana Michels hinreißend trashigem Solo Mercurial George, das am Freitag noch einmal im Odeon zu sehen ist.

Zum Abschluss zeigt Impulstanz unter anderem noch The blind Poet der belgischen Needcompany am Samstag im Volkstheater und am Sonntag Goodbye von Michikazu Matsune im Schauspielhaus. (Helmut Ploebst, 11.8.2016)

  • In ihrem Solo "Mercurial George" setzt sich die Kanadierin Dana Michel mit den Unsicherheiten der afrokanadischen Kultur auseinander. Am Freitag ist das Stück noch einmal zu sehen.
    foto: jocelyn michel

    In ihrem Solo "Mercurial George" setzt sich die Kanadierin Dana Michel mit den Unsicherheiten der afrokanadischen Kultur auseinander. Am Freitag ist das Stück noch einmal zu sehen.

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