Notaufnahme in Hietzing: Wenn der Notfall eine Farbe hat

Reportage12. August 2016, 05:30
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Im Farbleitsystem rot eingestufte Patienten werden sofort untersucht, andere müssen bis zu zwei Stunden warten

Wien – Ein Schreien gellt durch die Gänge. Im Wartezimmer der Notaufnahme im Krankenhaus Hietzing sitzt eine junge Frau, Anfang 20. Warum sie so schreit, wissen die Sanitäter nicht. Zwischen tiefer Verzweiflung und großen Schmerzen scheint alles möglich. Sie weint, bis ihr ein Sanitäter einen Becher Wasser reicht. Dann beruhigt sie sich für ein paar Minuten. Eine Psychose, wie sich später herausstellen wird, die Ärzte und Pfleger noch den ganzen Abend auf Trab hält.

Von dem heißen Sommertag bekommen Primar Moritz Haugk und sein Team kaum etwas mit. Vielleicht, dass der Andrang geringer ist als sonst in den späten Nachmittagsstunden. Denn eine Notaufnahme in Wien ist auch ein Auffangbecken für jene Krankheiten, die der Hausarzt betreuen könnte – hätte er um diese Zeit noch offen. Neben den Selbsteinweisern muss Hietzing eine bestimmte Anzahl an Rettungszufahrten betreuen.

foto: der standard/regine hendrich
Primar Moritz Haugk hat die Zentrale Notaufnahme in Hietzing neu organisiert. Er ist zufrieden.

Ob Zeckenbisse oder Fieber, Bauchschmerzen oder Atemnot, das ist das "tägliche Brot" der Notfallambulanz. Doch konzipiert ist die Station auch für die Stabilisierung kritisch Kranker. Unfälle kommen nur selten, "außer es verirrt sich wer", erklärt der großgewachsene Primar und betritt den Stützpunkt.

Die Zentrale Notaufnahme in Hietzing gilt als Vorzeigeprojekt der Umstrukturierungen im Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV). Wenn Notfälle zuerst hier versorgt werden, sparen sich andere Stationen Nachtdienste. Wer sich die angespannte Situation an den Wiener Gemeindespitälern genauer ansehen will – im KAV findet die zweite Streikabstimmung innerhalb eines Jahres statt –, wird an Haugk verwiesen. Der Internist hat die Station vor etwa einem Jahr übernommen und neu strukturiert. Der Pavillon wurde umgebaut – aus der "Baracke", wie die alte Station intern hieß, wurde eine moderne Ambulanz. Auch wenn der 42-Jährige das Wort Vorreiter nicht so gerne hört, weist er darauf hin, dass für seinen Bereich die neuen Dienstzeitmodelle ein Vorteil seien, die Vorgaben der Generaldirektion wurden umgesetzt und von seinen Ärzten auch angenommen. Keine Selbstverständlichkeit, in den umliegenden Pavillons in Hietzing sind weitaus kritischere Töne zu den neuen Arbeitszeiten zu hören. Doch Haugk betreffen als Primar die geänderten Dienstzeiten nur am Rande.

foto: der standard/regine hendrich
Fragen über Fragen: Danica Vesely geht nach dem Ausschlussprinzip vor.

Danica Vesely kann eher mitreden. Die Internistin gehört zum fixen Team der Notfallaufnahme. Am Vormittag sollen fünf, tagsüber sechs und abends vier Ärzte anwesend sein, unterstützt werden sie von sechs Krankenpflegern. Vesely ist an diesem Tag 12,5 Stunden im Dienst. Sie schnappt sich eine Patientenakte und ruft einen Ende Zwanzigjährigen auf. Der Mann klagt über Bauchkrämpfe, er leidet unter Morbus Crohn, einer chronischen Darmerkrankung. Unter Schmerzen erzählt er seine Krankengeschichte. Die Ärztin hört zu und nickt. Die roten Ohrgehänge wackeln im Takt. "Warum kommen Sie in die Notfallaufnahme?", auf einer Spezialambulanz wäre er besser aufgehoben. Ein Umzug, seine Kinder, die Arbeit. Vesely nickt wieder.

Jeder. Immer. Alles

Die Arbeit der Internistin hat etwas Detektivisches. Sie fragt nach, macht sich Notizen und geht nach dem Ausschlussprinzip vor. Sie muss innerhalb kürzester Zeit die Krankengeschichte verstehen, damit das "Gefährliche vom Tisch ist", wie sie sagt. So wie bei dem Morbus-Crohn-Patienten, der immer wieder sein Medikament verlangt, aber nicht schlüssig erklären kann, warum er hergekommen ist. Für Vesely ist der Fall klar: Er ist nicht kooperativ, Ärztehopping ist das Falsche, er braucht eine dauerhafte Behandlung. Je konzentrierter die Mitte 30-Jährige ist, desto schmäler wird ihr Mund, ihre dunklen Haare – Pferdeschwanz und Stirnfransen – verstärken den Eindruck.

Vor Schichtwechsel ruft sie noch den nächsten Patienten auf. Der Mann ist mit der Rettung gekommen. Er klagt über Atemnot und ein Druckgefühl in der Brust. Sein Redebedürfnis scheint das nicht zu bremsen. "Seit wann haben Sie die Beschwerden?", fragt Vesely. Der Ende 50-Jährige erzählt von einem Opernbesuch: "Dass der endlich stirbt und nicht weitersingt, habe ich mir gewünscht. Damit ich endlich an die frische Luft komme." Vesely wünscht das keinem.

foto: der standard/regine hendrich
Blut abnehmen, Zugang legen – diese Routinetätigkeiten übernehmen in der Notfallambulanz Studenten oder das Pflegepersonal.

Notfallmediziner müssen schnelle Entscheidungen treffen. Ihr Motto lautet: Jeder. Immer. Alles. Daher Fragen über Fragen, bis die Internistin weiß, wie sie mit den Patienten verfahren soll, ob sie bleiben müssen oder nach Hause dürfen. 15 Betten gibt es in der Notaufnahme. Sie werden meist nur über Nacht gefüllt, die Patienten werden am nächsten Tag auf eine andere Station überwiesen. "Je heikler die Erkrankung ist, desto näher am Stützpunkt wird der Patient untergebracht", erklärt Haugk seine Station. Dort sind Monitore zur Überwachung der Patienten angebracht. "Bei einem Dreisternalarm sind wir sofort da", sagt Vesely, die sich durch die Geräusche rundherum kaum beirren lässt.

Warten ist in der Notfallambulanz ein gutes Zeichen. Denn bei der Erstuntersuchung wird jedem Patienten eine Farbe zugewiesen. Ein roter Patient muss sofort von einem Arzt untersucht werden, ein blauer kann bis zu zwei Stunden auf die Untersuchung warten. Die Vorentscheidung hilft, den Ansturm zu bewältigen. "Damit der Schnupfen nicht vor dem Herzinfarkt drankommt", fasst Vesely das Schema zusammen.

Glaubt man einem Pfleger der Station, sind 90 Prozent der Fälle blau und grün. 30.000 Patienten kommen jährlich in die Notfallambulanz in Hietzing, manchmal sind es 140 am Tag. Die unterschiedliche Zusammensetzung der Fälle mache den Dienst für Vesely erst interessant. Denn so kann sie "vom Obdachlosen bis zur feinen Lady" alle behandeln.

foto: der standard/regine hendrich
Vesely muss in ihrer 12,5-Stunden-Schicht viele Patienten untersuchen.

Die Frau mit der Panikattacke wird mit dem Rat entlassen, eine Psychotherapie zu machen, der Mann mit der Sonnenbrille, der es so eilig hat, weil er zu seinem Flug muss, wird mit einer Infusion versorgt – er versucht dennoch mit den Ärztinnen zu flirten –, die Frau, die vom Augenarzt mit einer möglichen Herzmuskelentzündung überwiesen wurde, kann gehen, der Verdacht hat sich bei der Sonografie nicht bestätigt.

Verschwundene Patientin

Aber: Bei Brustschmerzen und Atemnot ist die Bandbreite groß. Von Panikattacke bis Herzinfarkt ist alles möglich. Veselys Aufgabe ist, das abzuklären. Der Opernfan muss zum Herzultraschall. Deutet sein Blutbefund auf eine Lungenembolie hin, muss er auch noch eine Computertomografie über sich ergehen lassen. Doch die wird nicht mehr Vesely anordnen, sondern die nächste Kollegin.

Die Untersuchungsräume sind nur durch Vorhänge getrennt. Die schreiende Frau aus dem Wartezimmer wird im Rollstuhl hereingefahren. Sie ist kaum zu beruhigen. Zuerst spricht sie nur türkisch, dann wieder einwandfrei deutsch. Als ihr die Krankenschwester Blut abnehmen will, droht sie ihr mit einer Handbewegung, sie umzubringen. Sie soll in die Psychiatrie verlegt werden. Doch bevor noch die Sanitäter für den Transport gerufen werden, ist sie aus dem Wartezimmer verschwunden. (Marie-Theres Egyed, 12.8.2016)

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