Filmfestival Locarno: Das Leid verdrängter Erinnerungen

11. August 2016, 16:14
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Eine große Anzahl von Regisseurinnen im Wettbewerb ist in Locarno eine Selbstverständlichkeit. Die Filme von Milagros Mumenthaler und Angela Schanelec erzählen von fragmentierten Biografien

Die Erinnerung ist ein Katalog von einzelnen Momenten, die man wie aus einem Fotoalbum immer wieder hervorholen kann. In diesen Augenblicken fallen Vergangenheit und Gegenwart zusammen. Doch für den, der meint, dass etwas so gewesen sei wie in der Erinnerung, kann diese schnell zur Einbildung werden.

foto: filmfestival locarno
Spurensuche an einem See, der in der Vergangenheit liegt: Die Argentinierin Milagros Mumenthaler kehrt mit ihrem zweiten, wehmütigen Spielfilm "La idea de un lago" nach Locarno zurück.

In La idea de un lago der argentinischen Filmemacherin Mila gros Mumenthaler, in Locarno im internationalen Wettbewerb zu sehen, ist ein solcher Augenblick in einer einzigen Aufnahme festgehalten. Die Fotografin Inès (Carla Crespo) ist schwanger und möchte vor der Geburt ihres ersten Kindes einen Bildband beenden, in dem sie ihre eigene Kindheit festhält – und abschließt. Doch vom Vater, von dem seit der Militärdiktatur jede Spur fehlt, besitzt sie nur eine einzige Aufnahme, entstanden während des jährlichen Sommerurlaubs im Süden. Sie zeigt ein kleines Mädchen und einen schlaksigen Mann, der es zärtlich an der Hand hält, am Ufer eines Sees.

La idea de un lago, Mumenthalers zweiter Spielfilm nach dem vielbeachteten Debüt Abrir puertas y ventanas, erweist sich als doppelte Spurensuche, bei der Erinnern und Verdrängen zusammenfallen: Während ein DNA-Test für Inès und den Bruder endgültige Gewissheit bringen soll, will die Mutter den Tod des ge liebten Mannes nicht akzeptieren. Eine sanfte Wehmut ist diesem Film eingeschrieben, die aber nie zur Traurigkeit gerät. Das verhindern so großartige Momente wie jener, in dem ein grasgrüner Renault 4 zu Neil Diamonds Song Sung Blue im See treibt, in den eine erwachsene Frau nach Jahrzehnten wieder als Mädchen eintaucht.

Noch um ein Jahr länger als für Mumenthaler hat es für Angela Schanelec gedauert, bis sie ihren nächsten Film drehen konnte. Sechs Jahre nach Orly präsentiert die deutsche Autorenfilmerin mit Der traumhafte Weg erneut eine verstörende, in kühler Strenge inszenierte Arbeit. Ein Engländer und eine Deutsche lernen einander in Griechenland in den Achtzigern kennen und lieben, doch die Wege trennen sich, Kenneth muss zur todkranken Mutter heimkehren, Theres geht nach Berlin. Dort verlässt dreißig Jahre später eine Schauspielerin (Maren Eggert) ihren Mann: "Deine Liebe hilft mir nicht."

Der traumhafte Weg stellt mehr Fragen, als er Antworten gibt, doch genau diese – in Locarno bei Pu blikum und Kritik auf Ablehnung stoßende – Rätselhaftigkeit macht diesen Film zu einer Herausforderung, der zu stellen es sich unbedingt lohnt. Schanelecs hochkonzentrierte Erzählung offenbart Brüche, wie sie sich auch in den Biografien ihrer Figuren finden. Wie bei Mumenthaler gibt es auch hier die Leerstellen des Lebens, die aber mit Erinnerungen nicht mehr aufzufüllen sind.

Dass in Locarno Filmemacherinnen nicht nur im Wettbewerb, in dem knapp die Hälfte der Beiträge von Regisseurinnen stammt, besonders stark vertreten sind, sondern auch in den Nebenschienen, beweist auch Caroline Deruas mit ihrem erstaunlichen Langfilmdebüt L’Indomptée, der ebenfalls eine Brücke zu La idea de un lago schlägt: Zwei junge Frauen erhalten ein Kunststipendium für die Villa Medici in Rom und beziehen dort – Erstere mit Mann und Kind, Letztere allein – für ein Jahr Quartier. Doch während die Schriftstellerin ihr Werk nicht zu Ende bringt, verschwindet die Fotografin zusehends aus ihren eigenen Bildern. Deruas verknüpft Schauplatz und Figuren zu einem dichten Netz an Beziehungen und Abhängigkeiten, vor der Geschichte der ehrwürdigen Villa. Die Vergangenheit schickt auch hier ihre Geister in die Gegenwart. (Michael Pekler, 11.8.2016)

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