Lukas mit den starken Beinen

Video11. August 2016, 15:56
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Mit Lukas Weißhaidinger beginnen am Freitag die Leichtathletikbewerbe der Olympischen Spiele. Er wiegt 138 Kilogramm. Der Diskus, den er wirft, ist zwei Kilogramm schwer. "Viele schauen nur auf die zwei Kilogramm ", sagt Trainer Gregor Högler. Er tut das nicht

Gregor Högler steht im Leichtathletikstadion der Olympischen Spiele und mustert Lukas Weißhaidinger. Sein Blick wandert von oben nach unten und wieder hinauf. 197 Zentimeter, auf die sich 138 Kilogramm verteilen – Weißhaidinger, der sich gerade fürs Training aufwärmt, ist ein stattlicher Mann, viele sagen, ein Riegel, ein Knecht. Trainer Högler sagt, dass sein Schützling ideale Voraussetzungen mitbringt, um Diskus zu werfen. Weißhaidinger, 24 Jahre alt, könne "wirklich einer werden, der ganz vorn mitwirft". Er stehe erst am Anfang, das große Ziel seien die Olympischen Spiele 2020 in Tokio.

Der Anfang ist Rio 2016, der Anfang ist heute, Freitag. Da wirft Weißhaidinger dreimal um den Einzug ins Finale der besten zwölf, das am Samstag stattfindet. Ebenfalls am Freitag ist Österreichs Siebenkämpferin Ivona Dadic, vor kurzem EM-Dritte, im Einsatz, auch ihr Bewerb geht am Samstag zu Ende. Andrea Mayr läuft am Sonntag Marathon, die übrigen Leichtathletikbewerbe mit österreichischer Beteiligung steigen nächste Woche: 5000 Meter (Jennifer Wendt), Hürdensprint (Beate Schrott), Zehnkampf (Dominik Distelberger).

Zwölfter der Weltrangliste

Weißhaidinger ist nach seinen bisherigen Saisonleistungen einiges zuzutrauen, der Oberösterreicher hat sich international etabliert. In der Weltrangliste liegt er auf Rang zwölf, noch mehr als jene 65,58 Meter, die er heuer in Ried geworfen hat, war wohl der Sieg im Juni beim Meeting in Madrid wert. Dort kam er auf 64,42 Meter, zog sich aber auch einen Bruch des rechten Mittelfußknochens zu. Das war kein kleiner Schock, Weißhaidinger ließ sicherheitshalber die EM im Juli in Amsterdam aus und sollte in Rio, hofft Högler, "wieder voll belastbar sein".

Gregor Högler ist nicht nur Trainer, sondern auch Vizepräsident des österreichischen Verbands (ÖLV), aber kein klassischer Funktionär, sondern einer, der selbst aktiv war. Der 44-Jährige aus Wien holte im Speerwurf von 1993 bis 2010 vierzehn Meistertitel, seit 1999 hält er den ÖLV-Rekord (84,03 m), er war WM- wie EM-Zehnter und Olympiateilnehmer (Sydney 2000). Als Diskus-Trainer hat er sich schon um Gerhard Mayer gekümmert, den WM-Achten 2009. Mayer brachte "nur" 112 Kilogramm auf die Waage, da erregten seine Leistungen schon Aufsehen, und Högler wurde vom deutschen Weltmeister und späteren Olympiasieger Robert Harting gefragt: "Wie schaffst du das, dass einer, der so wenig wiegt, so weit wirft?" Das war, sagt Högler, "das schönste Kompliment, das mir je einer gemacht hat".

"Der Luky muss mit den Beinen werfen"

Hinter dem Diskuswerfen, das in Österreich also fast schon Tradition hat, steckt Überlegung. Högler sagt, dass von Weißhaidingers Gewicht "sehr viel in den Beinen steckt. Deshalb darf er nicht zu viel mit den Armen machen – der Luky muss mit den Beinen werfen." Mit den Beinen werfen? Högler: "Der Luky hat so starke Haxen, dass ich den Motor schön von unten aufziehen kann." Den Motor von unten aufziehen? Högler: "Wenn der Luky mit seinen 138 Kilogramm nach vorn steigt, und der Diskus geht mit, dann fliegt er weit. Die Frage ist, ob es dem Luky gelingt, den Diskus zu treffen." Den Diskus treffen? Högler: "Wenn der Luky nach links steigt, und der Diskus fliegt nach rechts, dann wird er nicht weit fliegen."

Viele Zuschauer, Laien, aber auch Experten, haben vor allem den Diskus im Blick. Wann fliegt er los? Fliegt er geradeaus? Wie weit fliegt er? Viele schauen, wie und wohin sich die zwei Kilogramm schwere Scheibe bewegt. Högler schaut lieber auf die Bewegung des 138 Kilogramm schweren Werfers. Denn wenn sich Weißhaidinger richtig bewegt, bewegt er auch den Diskus richtig. "Wir rotieren und steigen nach vorn. Das heißt, wir reden von Translation. Ich rede aber auch von Trägheit. Ich schau mir an, was genau sich drehen muss, damit wir die meiste Geschwindigkeit nach vorn rausbekommen."

"Skype-Training"

Man kann es heraushören – Högler, der Maschinenbau studiert hat, ist ein Techniker, ein Tüftler. Das macht sich auch im Training bemerkbar. Weißhaidinger kann nicht immer zu Högler in die Südstadt kommen, Högler nicht immer zu Weißhaidinger nach Taufkirchen an der Pram. Also hat sich der Werfer daheim eine eigene kleine Halle mit einem Wurfkreis gebaut, die Halle ist nur zehn Quadratmeter groß, aber Weißhaidinger kann ein Schiebetor öffnen und hinauswerfen. Er wirft dann meistens unter der Aufsicht seines Heimtrainers Josef Schopf, er kann aber auch zwei Kameras installieren, und dann sieht auch Högler zu, obwohl er in der Südstadt in seinem Büro sitzt. "Skype-Training" nennt er das. "Ich sehe jeden Wurf auf dem Bildschirm, ich nehme die Würfe auf und kann so gleich auch Standbilder machen."

weisshaidinger2010
Training.

Wenn der Trainer Högler den Diskuswerfer Weißhaidinger mustert, sei es via Skype auf dem Bildschirm, sei es, wie jetzt, im Olympia-Stadion von Rio, sieht er nicht nur die starken Haxen, nicht nur den Riegel, den Knecht. Er sieht auch eine Technik, die vielleicht noch nicht möglich ist, aber irgendwann möglich sein sollte. Er sieht Würfe, weite Würfe. Rio de Janeiro ist erst der Anfang. (Fritz Neumann aus Rio de Janeiro, 12.8.2016)

  • Gregor Högler war ein Werfer, ist ein Tüftler, ein Techniker.
    foto: apa/georg hochmuth

    Gregor Högler war ein Werfer, ist ein Tüftler, ein Techniker.

  • Bewegt Lukas Weißhaidinger seine 138 Kilogramm richtig, dann bewegt er auch den zwei Kilogramm schweren Diskus richtig. In Rio ist dem 24-Jährigen durchaus einiges zuzutrauen, sein großes Ziel ist aber Tokio 2020.
    foto: apa/expa/roland hackl

    Bewegt Lukas Weißhaidinger seine 138 Kilogramm richtig, dann bewegt er auch den zwei Kilogramm schweren Diskus richtig. In Rio ist dem 24-Jährigen durchaus einiges zuzutrauen, sein großes Ziel ist aber Tokio 2020.

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