Hans Weigel: Die vergessene Instanz der österreichischen Literatur

12. August 2016, 08:00
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Der österreichische Schriftsteller und Theaterkritiker starb am 12. August vor 25 Jahren

Fragt man heute einen Dreißigjährigen nach Hans Weigel, wird man ungläubig angesehen und erhält meist die Antwort: Nie gehört! Und doch war Hans Weigel in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die maßgebende Instanz in kulturellen, vor allem literarischen Belangen in Österreich.

Er stammte aus einer wohlsituierten, gut integrierten jüdischen Familie; sein Vater Eduard war um die Jahrhundertwende aus dem böhmischen Markt Eisenstein in die Hauptstadt der Monarchie gekommen, diente sich in der Glasfabrik Stölzle zum Prokuristen und Direktor empor, heiratete 1903 Regine Fekete, deren Eltern aus dem ungarischen Gyon stammten. Julius Hans – ein typisches Kind der Vielvölkermonarchie – absolvierte die Volksschule in der Albertgasse und das Beethovengymnasium im ersten Wiener Bezirk – für ihn eine "verlorene Zeit": "Ich habe dieser Schule nichts zu verdanken als verschwendete Vormittage vom Herbst 1918 bis zum Frühjahr 1926. Was immer ich in diesen acht Jahren profitiert habe, habe ich mir neben der Schule oder gegen die Schule angeeignet", vermerkte er in seiner posthum von seiner Styria-Lektorin Elke Vuijca bei der Literaturedition Niederösterreich herausgegebenen Autobiografie "In die weite Welt hinein", die bis zu seiner Flucht vor den Nationalsozialisten in die Schweiz reicht.

Sein Vater wollte, dass sein Sohn ein kaufmännisches Studium anstreben sollte. Hans inskribierte Jus in Hamburg, studierte ein Semester eifrig, belegte auch Vorlesungen für Philosophie, Psychologie, einige über russische Literatur und Musik. Er besuchte viele Theater- und Konzertaufführungen. Am Ende des Semesters zog es ihn nach Berlin. Er suchte nach einer Stelle in einem Verlag, um Literatur mit dem Kaufmännischen zu verbinden, und fand sie als "Vorzimmer-Angestellter" im Frühjahr 1927 bei der Wochenzeitschrift "Die literarische Welt" für monatlich 28 Mark. Dort schnupperte er Literatenluft, wenn er den damals bekannten Autoren wie Ernst Toller, Walter Hasenclever, Joachim Ringelnatz, Felix Braun oder Hugo von Hofmannsthal die Tür öffnete und sie anmeldete.

Ein Jahr lang schrieb er Adressen, Aufforderungen für Inserate, betreute das Mahnwesen und bearbeitete Einzelbestellungen. Vor allem aber tauchte er in das rege Kulturleben der deutschen Metropole ein. Zurückgekehrt nach Wien, verbrachte er zwei Jahre "Aschenputtel-Dasein" im Paul-Zsolnay-Verlag in den Abteilungen Herstellung und Vertrieb. Seine Eltern finanzierten ihm einen einjährigen Aufenthalt in Paris, wo er einige Gelegenheitsarbeiten schrieb, sich selbst jedoch als "literarischen Spätzünder" und die Jahre 1932/33 als "vergeblichen Versuch und voll Ratlosigkeit" bezeichnete.

Erste Bekanntschaft mit der Bühne machte er 1932, als er den Gründern der Wiener Opernproduktion bei der Organisation half, Brecht/Weills "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" mit Weills Frau Lotte Lenya am Raimundtheater herauszubringen. Auch stand er darin zum ersten und einzigen Mal in der stummen Rolle des Tobby auf einer großen Bühne.

Kabarett und Kleinkunst

In den letzten fünf, sechs Jahren vor Hitlers Einmarsch in Österreich blühten Kabarett und Kleinkunst in den Kellern der Wiener Cafés. Hans Weigel schrieb für alle, hießen sie nun Lieber Augustin, ABC (Alsergrund-Brettl-City), Die Stachelbeere, KIK (Kleinkunst im Kino) oder – als bekanntestes – "Literatur am Naschmarkt" mit seinen literarischen und antifaschistischen Nummern, das es bis zum Einmarsch der Nationalsozialisten auf 22 Programme brachte und schon bald den Beinamen "Burgtheater der Kleinkunst" erhielt.

Den Sprung auf die großen Bühnen Wiens gelang Weigel mit einem Nestroy-Couplet zu Otto Premingers Josefstadt-Inszenierung von "Einen Jux will er sich machen" im Frühherbst 1934. Damit war der Grundstein gelegt für Weigels lebenslange Beschäftigung mit dem Dichter, zog ihn doch Leopold Lindberg zu Nestroy-Bearbeitungen während seiner Schweizer Emigration hinzu. In all seinen Jahren schrieb Weigel immer wieder Couplets zu Nestroy-Sücken für viele deutschsprachige Bühnen; den Höhepunkt bildeten die Nestroy-Spiele von Maria Enzersdorf, die er zusammen mit Elfriede Ott 1983 gründete. Viele dieser Stücke waren von ihm bearbeitet worden. Die Spiele bestanden weit über seinen Tod hinaus bis 2012.

Auch andere Wiener Theater beauftragten Weigel vor dem Krieg mit Texten und Bearbeitungen, vor allem das Theater an der Wien unter der Direktion von Arthur Hellmer. Waren es anfangs nur Liedtexte wie bei "Axel an der Himmelstür" mit dem Wiener Debüt von Zarah Leander, die den "Schmachtfetzen" "Gebundene Hände" zu einem großen Erfolg machte, und Gemeinschaftsarbeiten, so endete Weigels Tätigkeit am Theater an der Wien mit seiner Bearbeitung von "Madame Sans-Gêne" nach Victorien Sardou und Ėmile Moreau als Eröffnungspremiere der Spielzeit 1937/38.

Flucht in die Schweiz

Eine Woche nach Hitlers Einmarsch in Österreich konnte Hans Weigel über das Deutsche Reich in die Schweiz fliehen. Aufgrund der restriktiven Schweizer Asylgesetze erhielt er kaum Arbeitgenehmigungen und brachte sich und seine Frau Gertrude, geborene Ramlo, die er im Oktober 1937 geheiratet hatte und von der er 1951 schuldhaft geschieden wurde, mit Schwarzarbeit und unter zahlreichen Pseudonymen mit den verschiedensten literarischen Tätigkeiten wie Kurzgeschichten oder Lektoraten mehr schlecht als recht durch.

In den Monaten April bis November 1940 verfasste Weigel den Roman "Der grüne Stern", eine Satire auf jegliche Art von Faschismus und die Verführbarkeit von Menschen, der unter dem Pseudonym P. Q. Varus im Herbst 1943 als Abdruck in regelmäßigen Folgen in der Basler "Arbeiter Zeitung" erschien. Vorerst für die Schublade entstanden Novellen wie "Das himmlische Leben", umfangreichere Werke wie das autobiografische Manuskript "Peter und Alfred", das erst nach seinem Tod unter dem Titel "Niemandsland" herausgegeben wurde; und Stücke wie "Barabbas oder der fünfzigste Geburtstag", "Angelica", die "Herrin des Broadway" und "Fräulein Lohengrin" sowie für Paul Burkhard das Opernlibretto zu "Bunbury" und mehrere Stückbearbeitungen.

Als eines der ersten kehrte das Ehepaar Weigel bereits im Juni 1945 in seine Heimat zurück. Naturgemäß knüpfte Weigel an seine Vorkriegsverbindungen an. Rudolf Steinboeck, sein Freund aus den Tagen der Kleinkunst, war als Nachfolger von Heinz Hilpert Direktor des Theaters in der Josefstadt geworden. Er nahm "Barabbas" an, die Premiere am 28. 1. 1946 war ein großer Erfolg. Das Stück wurde noch vor Weihnachten im Ibach-Verlag gedruckt, der auch kurz später die bezaubernde, fantasievolle Novelle "Das himmlische Leben" herausbrachte. "Barabbas" wurde an mehreren Theatern nachgespielt. Weigels satirischer Roman "Der grüne Stern" erschien ebenfalls 1946 zum ersten Mal als Buch im Wiener Verlag. Durch diese frühen Nachkriegsaktivitäten wurde Weigel sehr rasch zu einem in Wien bekannten Autor, der schon recht bald bei Zeitungen und Zeitschriften mit Kommentaren und Kritiken mitarbeitete.

Ingeborg Bachmann

Am 5. September 1947 wurde Weigel von der einundzwanzigjährigen Kärntner Studentin der Philosophie, Psychologie und Germanistik Ingeborg Bachmann interviewt. Sie verstanden sich auf Anhieb. Als er 1948 seine nach New York emigrierten Eltern besuchte, übernahm Bachmann für ihn notwendige Alltagstätigkeiten: Sie führte fällige Überweisungen durch, schickte ihm nicht nur Post nach, sondern auch sehnsuchtsvolle Briefe, die in seinem Nachlass in der Wienbibliothek erhalten sind. Die intensive Beziehung dauerte bis zu Weigels zweiter Ehe 1951 mit der Schauspielerin Elvira Hofer, die 1964 geschieden wurde. Den Niederschlag fand die Beziehung mit Ingeborg Bachmann in Weigels aus der Sicht einer Malerin geschriebenen und 1951 erschienenen Roman "Unvollendete Symphonie".

In diese Jahre fielen seine intensiven Bemühungen um die jungen österreichischen Literaten. Um ihn scharten sich junge Autoren von A wie Ilse Aichinger bis Z wie Harald Zusanek. Obwohl es zu dieser Zeit in Wien noch andere Mentoren gab, war er der wichtigste und bekannteste. In seiner "Café-Raimund-Runde" erzog er die Jungen zu Kollegialität, Fairness, Neidlosigkeit, gegen Ellbogentechnik, berufliche Intrigen, blinde Erfolgssucht und las deren Manuskripte, zeigte Unstimmigkeiten auf, ermunterte sie, besprach ihre Zweifel, erteilte Ratschläge, spornte sie an und setzte sich für die Werke seiner Schützlinge bei Verlagen und in Zeitungsartikeln ein, wenn sie ihn durch Können und Talent überzeugten, sodass bald der Spruch umging: "Es ist fast unmöglich, von Hans Weigel nicht gefördert zu werden." Er hielt Schule und machte Schule!

Weigel begann seine Kritikerlaufbahn kurz nach seiner Heimkehr mit Theaterberichten im "Turm" und ein Jahr später mit Kritiken im "Neuen Österreich", später auch in vielen anderen in- und ausländischen Medien. Seine Kritiken waren subjektiv, sehr kritisch, ironisch, wortgewandt, für manche verletzend, gleich Hinrichtungen, oft aber auch euphorisch. Durch eine gar nicht so bösartige Anmerkung über Käthe Dorsch handelte er sich von ihr vor dem Café Raimund arge Beschimpfungen und einige Ohrfeigen ein: Sie wurde zu einer geringen Strafe verurteilt, er auch über die Grenzen hinaus durch den Medienrummel noch bekannter. Erst 1962 zog Weigel sich als Kritiker zurück, um die zwanzig meistgespielten Komödien Molières mit großem Erfolg – der Sprache Molières in deutschen Alexandrinern folgend – zu übersetzen.

Brecht-Boykott

Im Kalten Krieg sahen sowohl Friedrich Torberg als auch Hans Weigel den Kommunismus als menschenverachtendes antidemokratisches System, das ideologisch-imperialistische Expansionsbestrebungen verfolgte. Wer immer sich dem Kommunismus näherte oder ihn gar vertrat, wurde von ihnen bekämpft. Nachgesagt wurde ihnen, dass sie über zehn Jahre hinweg die Aufführungen von Brecht-Stücken an den großen Bühnen Wiens verhindert hätten. Weigel wehrte sich gegen diese vehementen Vorwürfe: Weder er noch Torberg seien als Journalisten – die zwar wortstark gegen Kommunisten und Brecht-Aufführungen argumentierten – in der Lage gewesen, Aufführungen an den großen Wiener Theatern zu verhindern; so viel Einfluss auf die Spielplangestaltung hätten sie nicht gehabt. Der sogenannte "Brecht-Boykott" wurde durch die außergewöhnliche und intensive Inszenierung von Brechts "Mutter Courage" 1963 am Wiener Volkstheater mit der überragenden Dorothea Neff in der Titelrolle und in der Regie von Gustav Manker beendet.

1962 lernte Hans Weigel Elfriede Ott näher kennen. Es sollte daraus eine lebenslange Verbindung entstehen. Er wurde Otts Lebensmensch. Ihr half er, eine zusätzliche künstlerische Dimension als Diseuse weit über die Grenzen Österreichs hinaus zu erlangen, indem er Chansons und die dazu gehörende Musik in den Bibliotheken und Antiquariaten Wiens suchte, ihre Programme zusammenstellte und selbst mit ihr – seine Zwischentexte vortragend – auftrat. Mit ihm zusammen gründete Elfriede Ott 1983 die Maria Enzersdorfer Nestroy-Spiele, die über Weigels Tod hinaus für knapp dreißig Jahre Bestand hatten.

Von 1974 bis 1992 – dem Jahr nach seinem Tod – erschien jedes Jahr ein Weigel-Buch im Styria-Verlag, viele im feuilletonistischen Ton gehalten. Gekannt, geschätzt, geehrt, da er immer wieder in allen Medien mit seinen Werken und Kommentaren vertreten war, wurde er im Laufe all der Jahre zu einer auch streitbaren Institution kultureller Belange. Die Jungen können mit seinem Namen nichts anfangen, wissen von seiner Größe, seinen Bemühungen um eine österreichische Nachkriegsliteratur nichts. Seine Übersetzungen werden noch fallweise zu Neuinszenierungen herangezogen; befasst sich jemand mit dem Wiener Theater der Nachkriegszeit bis 1962, dann kommt er an den Kritiken von Torberg und Weigel ebenso wenig vorbei wie Karl-Kraus-Interessierte an Weigels Biografie "Karl Kraus oder die Macht der Ohnmacht"; Weigel kann durch die unzähligen Beiträge in in- und ausländischen Medien als österreichischer Zeitzeuge von Zuständen, Gegebenheiten, Tagesaktualitäten und Betrachtungen in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts angesehen werden; er wurde geliebt, bewundert und missverstanden, unter- und überschätzt, angefeindet und mit Ehrungen überschüttet. (Wolff A. Greinert, 12.8.2016)

Wolff A. Greinert, geb. 1944 in Wien, promovierte nach Studien in Wien und Paris in Theaterwissenschaft, zwei Jahre Regieassistenz an der Deutschen Oper in Düsseldorf, bis zu seiner Pensionierung Manager in der österreichischen Papierindustrie. Seit 1999 freier Schriftsteller.

  • War eine Instanz im österreichischen Literaturbetrieb: Hans Weigel.
    foto: apa/kuenstlerbuero

    War eine Instanz im österreichischen Literaturbetrieb: Hans Weigel.

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