Frühe Industriefotografie zeigt "Kolonialisierung" im Habsburgerreich

13. August 2016, 14:00
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Schau mit Aufnahmen von 1855 bis 1879 im Wiener Photoinstitut Bonartes läuft bis 14. Oktober

Wien – Gewissermaßen die Entwicklung einer Art "Kolonie" innerhalb des Habsburgerreichs dokumentieren mehrere Fotobände, die u. a. der österreichische Fotografie-Pionier Andreas Groll Mitte des 19. Jahrhunderts im heutigen Rumänien aufgenommen hat. Eine Ausstellung im Wiener Photoinstitut Bonartes zeigt nun diese bedeutenden Beispiele früher Industriefotografie im kultur- und sozialhistorischen Kontext.

Erstaunlich sind nicht nur die Bilder selbst, die zwischen 1855 und 1879 im Banat – einer historischen Region, die heute in Rumänien, Serbien und Ungarn liegt – aufgenommen wurden, sondern auch ihre Entstehung: Groll besuchte die damals am Südost-Rand der Monarchie gelegene Gegend nämlich im Auftrag eines Unternehmens, dem vom damals nahezu zahlungsunfähigen Staat 1854 quasi die gesamte wirtschaftliche Erschließung des Gebiets der "Banater Domäne" übertragen wurde.

Einzigartige "Private Public Partnership"

Dieser Deal beinhaltete für die von französischen und österreichischen Bankiersfamilien getragene "k. k. privilegierte österreichische Staats-Eisenbahn-Gesellschaft" (StEG) auch den Ausbau der Infrastruktur in und in Richtung der Region, wo bereits seit Ende des 18. Jahrhunderts Erze und Kohle abgebaut wurden. Diese frühe Form des "Private Public Partnership" war für das Habsburgerreich einzigartig, wie die Kulturhistorikerin Monika Faber und der Kurator der Schau "Bildpolitik der Ingenieure. Fotokampagnen der k. k. privilegierten österreichischen Staats-Eisenbahn-Gesellschaft 1855-1879", Martin Keckeis, erläuterten.

1858 reiste Groll, dessen Bilder den Kern der Schau bilden, zum ersten Mal ins Banat – vordergründig um eine Art "Image-Band" anzufertigen, der den Aktionären ihr Investment näher bringen sollte, und zu PR-Zwecken. Die Aufnahmen wurden etwa auf der Weltausstellung 1862 in London gezeigt. Dabei ging es allerdings nicht nur darum, mit der neuen Technologie der Fotografie die Segnungen der Industrialisierung und den technischen Fortschritt durch die Erschließung mit der Eisenbahn festzuhalten. Unter den insgesamt 118 bisher bekannten Bildern, die Groll von seinen Fotokampagnen mitbrachte, sind auch Aufnahmen von der ortsansässigen Bevölkerung oder ursprünglicher Industrieanlagen.

Kaum soziales Engagement

Zwar arbeiteten in den neu errichteten Fabriken vor allem "Kolonisten", also zugezogene Arbeiter aus Süddeutschland oder anderen Teilen der Monarchie. Den Unternehmenseigentümern war allerdings auch "die kulturhistorische Bedeutung" des von ihnen angestoßenen Wandels auf die ursprüngliche Bevölkerung klar, wie der Wirtschaftshistoriker Keckeis erklärte. Ein vor allem für das damalige Österreich "fortschrittlicher Gedanke", hielt Faber fest. Trotz dieses Bewusstseins zeichnete sich das Unternehmen, das in der Region laut Keckeis "Herr über die gesamte Wertschöpfungskette, von der Forstwirtschaft bis zur Fertigung ganzer Lokomotiven, war", jedoch nicht unbedingt durch übermäßiges soziales Engagement aus.

Das Wirken der StEG reichte aber weit über das Banat hinaus. So wurden auch in Wien Lokomotiven hergestellt und ebenso fotografisch dokumentiert, außerdem baute man beispielsweise eine Donaubrücke bei Stadlau. Neben den Aufnahmen von Andreas Groll geben auch Bilder anderer Fotografie-Poiniere, die im Auftrag des Unternehmens arbeiteten, Einblicke, welche Herausforderungen das Ablichten von Szenarios abseits der Porträt-Fotografie zu dieser Zeit mit sich brachte. Im Rahmen der bis 14. Oktober laufenden Ausstellung werden im Photoinstitut Bonartes auch einschlägige Vorträge stattfinden, zudem wird heute, Mittwoch, Abend im Rahmen der Eröffnung ein von Faber und Keckeis herausgegebenes Buch präsentiert. (APA, 13.8.2016)


Ausstellung
"Bildpolitik der Ingenieure – Fotokampagnen der k. k. privilegierten österreichischen StaatsEisenbahn-Gesellschaft 1855-1879" von 11. August bis 14. Oktober 2016 im Wiener Photoinstitut Bonartes, Seilerstätte 22, 1010 Wien.

Besichtigung der Ausstellung gegen Voranmeldung unter info@bonartes.at oder telefonisch unter 01/2360293-40.

Gleichnamige Publikation von Monika Faber und Martin Keckeis (Hg.), Fotohof edition, 55 Seiten.

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    cover: fotohof edition
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