Trump nach Gewaltaufruf unter Verbalbeschuss

10. August 2016, 17:28
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Wenn Hillary Clinton einmal im Weißen Haus sitzt, hilft nur das Recht auf Waffenbesitz, sagt Trump – Clinton spricht von "beiläufiger Anstiftung zur Gewalt"

Einmal mehr dreht sich alles um Donald Trump. Einmal mehr redet sich der Kandidat nach einer verbalen Entgleisung damit heraus, dass man ihn falsch verstehe und auch bewusst falsch verstehen wolle. Einmal mehr schiebt er den "liberalen" Medien die Schuld in die Schuhe, einmal mehr muss sein Kandidat um die Vizepräsidentschaft, Mike Pence, einen Scherbenhaufen zusammenkehren. Diesmal geht es um Sätze, in denen viele einen allenfalls notdürftig bemäntelten Aufruf zur Gewalt gegen seine politische Gegnerin Hillary Clinton sehen.

Ins Rollen kam die Lawine mit einer Kundgebung des Immobilienmagnaten in Wilmington, einer Kleinstadt im Bundesstaat North Carolina, am Dienstagabend. Trump sprach davon, dass eine Präsidentin Hillary Clinton wohl das Second Amendment aushebeln würde, den zweiten Zusatzartikel zur Verfassung, der Privatbürgern das Recht auf Waffenbesitz garantiert. Eine Präsidentin Clinton, orakelte er, würde Juristen an den Obersten Gerichtshof berufen, die dieses Recht empfindlich einschränken würden. "Wenn sie sich erst ihre Richter aussuchen kann, gibt es nichts mehr, was ihr tun könnt, Leute. Obwohl, es gibt ja das Second Amendment, Leute, vielleicht lässt sich doch etwas tun, ich weiß es nicht", fügte er dann an.

Im Kontext der amerikanischen Dauerdebatte über Sinn und Unsinn des Waffentragens lassen sich Trumps Worte nicht anders deuten, als dass er für den Fall eines Clinton-Sieges der Gewalt das Wort redet. Chiffriert zwar, aber doch unzweideutig.

Clinton warf Trump daraufhin vor, einmal mehr eine Grenze überschritten zu haben. "Seine Bemerkung gestern war nur eine weitere in einer langen Reihe von beiläufigen Bemerkungen, mit denen Donald Trump eine Linie überschritten hat." Diese "beiläufige Anstiftung zur Gewalt" sei ein weiterer Beweis, dass er nicht für das Präsidentenamt tauge.

Gewalt "gegen den Diktator"

Bereits im Sommer 2009, als die Tea-Party-Bewegung eine Revolte gegen das Establishment ausrief, hatten die Aggressivsten der Rebellen von einem Autokraten Barack Obama gefaselt und sich auf die Verfassung berufen, um den "Diktator" aus dem Weißen Haus "zu vertreiben". Das Second Amendment besteht aus einem einzigen Satz: "Da eine wohlorganisierte Miliz für die Sicherheit eines freien Staates notwendig ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden."

Das mit der Miliz habe Trump im Sinn gehabt, daran habe er angeknüpft, sagt nun Chris Murphy, Senator aus Connecticut, der zu den eifrigsten Fürsprechern strengerer Waffengesetze zählt. "Nehmt dies nicht als politischen Ausrutscher, es handelt sich um eine Attentatsdrohung", twitterte der Demokrat.

Gabby Giffords, frühere Kongressabgeordnete, der ein geistig verwirrter Schütze während einer improvisierten Bürgersprechstunde in Arizona eine Kugel in den Kopf jagte und die Jahre brauchte, um wieder sprechen zu lernen, warnt vor unabsehbaren Folgen. Verantwortungsvolle, mental stabile Menschen würden Trumps Rhetorik sicher nicht wörtlich nehmen, sagt sie. "Doch seine Worte könnten wie ein Magnet wirken für jene, die Ruhm im Infamen suchen." Elizabeth Warren, neben Bernie Sanders die Lichtfigur der Linken, sieht einen Macho auf der Verliererstraße. Trump, polemisiert die Senatorin, stoße Morddrohungen aus, "weil er ein erbärmlicher Feigling ist, der nicht damit umgehen kann, dass er gegen ein Mädchen verliert".

Kein weichgespülter Radikal-Kandidat

Im konservativen Lager wieder um hält sich die Zahl derer, die sich schützend vor den polternden Milliardär stellen, in überschaubaren Grenzen. Auch deshalb, weil sich der 70-Jährige offenbar als unbelehrbar entpuppt. Hatten republikanische Strategen darauf gehofft, nach dem Wahlparteitag im Juli einen weichgespülten Donald Trump zu erleben, so sehen sie sich inzwischen eines Besseren belehrt. Sie wollten ihn gern vergessen, den Rüpel, der den Zwischenruf eines Demonstranten einmal mit den Worten bedachte, er würde dem Mann gern einen Faustschlag verpassen und dann zusehen, wie er den Saal auf einer Trage verlasse. Der Brandredner, der von Gewalt fantasiert – nach dem Willen der Parteigranden sollte das Kapitel eigentlich abgehakt sein. Und nun setzt er noch eins drauf.

Pence, die Nummer zwei im Gespann mit Trump, steht also auch ziemlich allein auf weiter Flur, wenn er die verklausulierte Drohung wegzuerklären versucht. Der Kandidat habe doch nur gesagt, dass Schusswaffen in den Händen gesetzestreuer Bürger Amerikas Gemeinden sicherer machten, behauptet dessen Vize. Und dass Leute, die dieses Grundrecht zu schätzen wüssten, Gehör finden sollten. (Frank Herrmann aus Washington, 10.8.2016)

  • Donald Trump baut auf einen guten Draht zur amerikanischen Waffenlobby. Beim republikanischen Parteitag im Juli in Cleveland posierten deren Mitglieder für ihn. Mit einer Bemerkung, die als Aufruf zu Gewalt gegen Hillary Clinton verstanden wird, könnte er nun aber zu weit gegangen sein.
    foto: apa / afp / getty images / spencer platt

    Donald Trump baut auf einen guten Draht zur amerikanischen Waffenlobby. Beim republikanischen Parteitag im Juli in Cleveland posierten deren Mitglieder für ihn. Mit einer Bemerkung, die als Aufruf zu Gewalt gegen Hillary Clinton verstanden wird, könnte er nun aber zu weit gegangen sein.

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