"Faust"-Premiere: Revue der bebenden Herzen und rollenden Kugeln

11. August 2016, 17:08
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Regisseur Reinhard von der Thannen erntete für seine auf imposante Bilder angelegte Arbeit durchaus auch Skepsis

Salzburg – Willkommen, bienvenue, welcome – zu bestaunen sind Inszenierung, Bühnenbild und Kostüme der Marke Reinhard von der Thannen. Willkommen, bienvenue zu einer Revue der riesenbunten Opernideen, zu einem Spiel mit Dimensionen, Farben und Epochen auch, die sich (durch Kostüme aus unterschiedlicher Zeit) gerne überlagern. Willkommen also zu einem Abend schließlich, der die Cinemascope-Bedürfnisse des Festspielhauses gründlichst zu stillen sucht.

Da wäre jenes Zentralauge, durch das Schicksale einherschreiten. Es erinnert an das gute alte ORF-Logo und hat vor sich eine zweigeteilte Showtreppe, die allerdings nicht Alexander Wrabetz, der frisch gekürte alte Intendant in Siegespose herabschreitet. Es ist Méphistophélès, dann Marguerite – oder auch ein gar seltsames Völkchen: Letzteres besteht quasi aus tanzenden Außerirdischen, die engagiert wurden, sich im Sinne des Musicals Cabaret verschminken zu lassen. Willkommen, bienvenue, welcome.

Jener, um den es geht, Faust, überrascht als glatzköpfiger Gelehrter aus sehr ferner Zeit, als man noch dachte, einfach so Gold erschaffen zu können. Auf einem Fauteuil – verzweifelt verrenkt – posierend, ist der Halskrausenträger anfangs umgeben von schwarzen Raben und Papierstößen. In dieser Szene zeigt Glanztenor Piotr Beczala, dass er den samtigen Charme seiner Stimme auch gestalterisch in den Dienst einer existenziellen Grenzsituation zu stellen vermag. Ein Augenblick, in dem in die Seele einer Figur eingetaucht wird. Zudem erstrahlt das faustische Timbre – auch in diesem Raum – in voller Pracht.

Selbst Beczala – wie die letztlich ganze oberflächenelegante Angelegenheit – fällt später in klischeehafte Operngesten zurück; präzise Figurengestaltung bleibt nur aufblitzenden Momenten vorbehalten. Wenn etwa Méphistophélès (respektabel als eine Art manipulativer Impresario aus Gounods Zeit: Ildar Abdrazakov) und Faust einander immer ähnlicher werden, bis sie mit zwei Damen auf einem Bettchen sitzen und es fast zu einer Partnerverwechslung kommt (Faust ist kurz Marthe näher als Marguerite), ergibt das eine Situationskomik, die von Arbeit mit den Figuren zeugt.

Wie tief es niveaumäßig – bis zum grellen Flair einer Wurstelprater-Ästhetik – hätte gehen können, zeigt Reinhard von der Thannen ja ebenfalls. Kollektiv besungene Kriegsromantik (gut: der Philharmonia Chor) sucht er mit einem herabschwebenden Riesenskelett zu relativieren, das nach seinem "Knochen-Shuffle" gen Himmel entschwebt. Recht peinlich.

Durchaus tolle Sänger

So wird das Herumschieben von schwarzen Riesenkugeln, das Herumwerfen von Kirchtürmen (Méphistophélès und Faust) und das kurze Hereinschweben einer riesigen Margeritenblüte noch fast zum "diskreten" Teil dieser Inszenierung, deren Sänger zum Teil Exzeptionelles zeigten.

Maria Agresta (als Marguarite) glänzt durch eine sicher geführte, die Töne ansatzlos zelebrierende angenehme Stimme, die nur kurz offenbart, welch Schwere dieser Partie innewohnt. Herausragend ebenfalls Alexey Markov (als Valentin), gut und solide Tara Erraught (als Siébel), Paolo Rumetz (als Wagner) und Marie-Ange Todorovitch (witzig als Marthe).

Die Wiener Philharmoniker unter Dirigent Alejo Pérez legen die süffige Partitur über weite Strecken nobel an. Gounods Charme der französischen Romantik birgt kein besonderes Geheimnis, folglich wird auch keines instrumental gelüftet. Doch intensiv erblühen hätten die kantablen Linien und Stimmungen schon noch dürfen. Zwischendurch wirkte es jedoch so matt, als hätten die Akkorde die Schultern traurig hängen lassen.

Applaus schließlich aber für alle – auch für Regisseur Reinhard von der Thannen, wiewohl er doch auch einiges an Unmutsäußerungen hinnehmen musste. Er ist somit der erste Opernregisseur, der heuer signifikant ausgebuht wurde, auch wenn sein Stil durchaus in die diesjährige Wohlfühloase Salzburg – mit ihrer dominanten Dekorationsästhetik – passt. Eigentlich seltsam. (Ljubiša Tošić, 11.8.2016)

  • Die seltsame Liebesgeschichte geht ihrem letalen Ende entgehen: Tenor Piotr Beczala (als Faust) und Maria Agresta (als Marguerite) sind die vokalen Glanzlichter der Aufführung von Gounods "Faust".
    foto: apa/barbara gindl

    Die seltsame Liebesgeschichte geht ihrem letalen Ende entgehen: Tenor Piotr Beczala (als Faust) und Maria Agresta (als Marguerite) sind die vokalen Glanzlichter der Aufführung von Gounods "Faust".

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