Kampf um die Quellen des libyschen Wohlstands

11. August 2016, 05:30
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Westliche Länder verlangen von Milizen Übergabe der Ölanlagen an anerkannte und UN-gestützte Einheitsregierung

Tripolis/Kairo – Rivalisierende Milizen aus Bengasi haben sich zu Wochenbeginn bewaffnete Auseinandersetzungen um das Naga-Ölfeld im Sirtebecken südlich von Zillah geliefert. Die Mineralölanlage, ein Joint Venture mit einer kanadischen Firma, musste bereits vor längerer Zeit stillgelegt werden. Im Mai hatten Truppen von General Khalifa Haftar, die loyal zur Regierung in Tripolis stehen, sie übernommen. Auch der "Islamische Staat" (IS) hat schon versucht, sie anzugreifen. Letzte Woche hatten Einheiten von Haftar gedroht, den Ölhafen von Zueitina zu attackieren.

Die Nationale Ölgesellschaft (NOC) appellierte daraufhin in einer Mitteilung ihres Vorsitzenden Mustafa Sanalla an alle Seiten, alles zu unterlassen, was die Infrastruktur beschädigen könnte, und die Angestellten der NOC ungestört arbeiten zu lassen. Am Mittwoch verlangten sechs westliche Länder – Deutschland, Spanien, Frankreich, Italien, England und die USA – in einer gemeinsamen Erklärung, dass alle Öleinrichtungen unverzüglich in die Hände der legitimen nationalen Autorität, das heißt der international anerkannten und von den Vereinten Nationen gestützten Regierung der Nationalen Einheit in der Hauptstadt Tripolis, übergeben werden müssten.

Dem libyschen Ölreichtum droht nicht nur Gefahr von den Jihadisten des IS, sondern auch von anderer Seite. Das Öl ist aber ein wichtiger Grund für das militärische Engagement der westlichen Länder im Anti-IS-Kampf – und auch der Schlüssel im Machtpoker der beiden rivalisierenden Regierungen.

Riesige Reserven

Libyen hat mit 48 Milliarden Fass die größten Erdölreserven Afrikas. Nach dem Zerfall des Landes 2013 in zwei gegnerische Machtblöcke hat sich auch die NOC gespalten. Anfang Juli haben der West- und der Ostteil zwar beschlossen, wieder gemeinsam zu arbeiten, doch bis jetzt ist es bei der Absichtserklärung geblieben.

International anerkannt ist die Filiale der NOC in Tripolis, wo auch Premier Fayez al-Serraj seinen Sitz hat. Sie hat sich Ende Juli mit Ibrahim Jadran, dem Chef der Ölinstallationsgarden, darauf verständigt, dass drei blockierte Häfen in Zentrallibyen – darunter Zueitina – mit einer kombinierten Kapazität von 860.000 Fass pro Tag wiedereröffnet werden sollen.

Jadran, der die Serraj-Regierung unterstützt, erhielt dafür laut Schätzungen lokaler Medien 200 Millionen US-Dollar (180 Millionen Euro). Mit dem Geld sollen Gehälter beglichen und er für seine Loyalität entschädigt werden.

Die NOC hofft, die Ölexporte von derzeit rund 300.000 Fass pro Tag bis zum Jahresende auf 900.000 zu erhöhen, verglichen mit dem Rekord von 1,78 Millionen im Jahr 2008. Branchenexperten glauben aber nicht, dass diese Erhöhung gelingen wird. Zum einen, weil zuerst umfassende Reparaturarbeiten nötig sind, aber vor allem, weil General Haftar und die Regierung in Tobruk ihren Widerstand angemeldet haben.

Jeder Tanker, der einen dieser Häfen ohne Erlaubnis aus Tobruk anlaufen wolle, werde mit schweren Waffen unter Feuer genommen, lautete die unverhohlene Drohung Haftars, auf die die westlichen Länder jetzt reagiert haben.

Die Erhöhung der Ölexporte ist eine entscheidende Voraussetzung, damit die UN-gestützte Regierung ihren Aufgaben nachkommen kann. Als Folge von Produktionseinbruch und Preisverfall sind die Staatseinnahmen, die zu 98 Prozent aus Ölexporten kommen, massiv geschrumpft. Tripolis und Tobruk haben getrennte Budgets, beide mussten drastische Sparmaßnahmen ergreifen.

Laut Weltbank hat die Regierung in Tripolis auf die Reserven der Nationalbank zurückgegriffen, sie schrumpften von 120 Milliarden auf 70 Milliarden US-Dollar. Die rivalisierende Regierung in Tobruk leiht sich derweil Geld bei der Zentralbank. (Astrid Frefel, 11.8.2016)

  • Löschfahrzeuge auf dem Weg zum libyschen Ölterminal Es Sider. Immer wieder geraten Libyens Öleinrichtungen unter Beschuss.
    foto: reuters

    Löschfahrzeuge auf dem Weg zum libyschen Ölterminal Es Sider. Immer wieder geraten Libyens Öleinrichtungen unter Beschuss.

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