Filmstart von "Jason Bourne": Ein Virus aus dem eigenen Stall

Rezension11. August 2016, 09:00
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Matt Damon kehrt ein weiteres Mal als amnesiegeplagter Held auf die Leinwand zurück. Ob er will oder nicht, der Ex-Agent muss in Bewegung bleiben. Ein Routinejob auf allen Ebenen

Wien – Mit Jason Bourne ist die Sache ein klein wenig paradox. Seit er sich 2002 in "The Bourne Identity" erstmals über Verfolger wunderte und noch mehr über die eigene Körperkraft, kennen wir ihn als geplagten Menschen, der sein Passbild neu zusammensetzen muss. Vor allem die von Paul Greengrass inszenierten Sequels, "The Bourne Supremacy" (2004) und "The Bourne Ultimatum" (2007), die hinsichtlich frenetisch montierter Action Maßstäbe gesetzt haben, ließen den gedächtnislosen Kämpfer als einen typischen Post-9/11-Helden erscheinen.

foto: upi

Das Puzzle wurde zwar nie fertig, aber Bourne hat inzwischen dazugelernt und kann zumindest auf seine Fähigkeiten vertrauen. Nach dem Intermezzo "The Bourne Legacy" nun wieder in der Originalbesetzung mit Matt Damon und in der Regie Greengrass': Der Name ist in "Jason Bourne" wie bei dem Agenten mit gleichlautenden Initialen endgültig als Marke gefestigt. Er steht zwar für keine stabile Identität, aber für ein bewegliches Cluster aus Action- und Thrillermotiven. Im dramatischen Sinne aufzulösen gibt es da nur noch wenig. Es geht einfach darum weiterzumachen, immer weiterzulaufen. Stillstand ist inzwischen der einzige Feind.

Der Auslöser der Bewegung gerät da fast zur Nebensache. Nicky Parsons (Julia Stiles), einst Bournes Kollegin, hackt sich ins Netzwerk der CIA und lädt ein paar Geheimoperationen mit blumigen Namen herunter. "Could be worse than Snowden", heißt es daraufhin in der Zentrale in Langley. Die Jagd wird eröffnet. Der vierschrötige CIA-Chef (Tommy Lee Jones) aktiviert seinen kaltblütigsten Lakaien (Vincent Cassel). An deren Seite durchkreuzt Alicia Vikander als ambitionierte Computerspezialistin das Spiel, da sie als Erste erkennt, dass die Operation neben der offiziellen Ebene auch auf einer persönlichen geführt wird. Bourne wiederum ist deshalb interessiert, weil ihm die Daten mehr über seine Vergangenheit und das Schicksal seines Vaters verraten könnten.

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Im Unterschied zu dem einigermaßen grob geschnitzten Verschwörungsszenario, das auf die Motivationen der Figuren nicht eben viel Zeit verschwendet, bewährt sich "Jason Bourne" bei den Set-Pieces mit solider Qualität. Eine Verfolgungsjagd, die inmitten des von Demonstranten gut gefüllten Syntagma-Platzes in Athen beginnt und sich dann über mehrere Vehikelwechsel hügelauf-, hügelabwärts zieht, orchestriert Paul Greengrass wie ein erfahrener Dirigent, der auch im Gewusel die Übersicht nicht verliert.

Dies freilich ist man von dem Briten schon gewöhnt, was wiederum dazu passt, dass "Jason Bourne" über weite Strecken wie ein Best-of-Album wirkt, das routiniert Standards abruft, aber keine eigene Linie entwickelt. Die einzige Ausnahme ist die Anbindung an staatliche Überwachungsskandale. Die CIA versucht gerade einen prominenten Social-Media-Guru für sich einzuspannen. Die Durchdringung realer Schauplätze (und Menschen) mit digitaler Technologie ist in "Jason Bourne" aber schon ohne dessen Hilfe sehr effektiv. Es findet sich kaum eine Szene, in der nicht ein fremdes Ohr zuhört oder sich ein Auge Einblick verschafft. Jason Bourne, so könnte auch das Virus heißen, das die Lücken des Systems aufzeigt. (Dominik Kamalzadeh, 11.8.2016)

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