Michael Phelps: Eine andere Figur, eine andere Zeit

11. August 2016, 05:48
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Michael Phelps schwimmt seit 2004 in einer eigenen Dimension und erweitert in Rio seine Titelsammlung. Er begeistert, nützt sich aber auch ab. Heuer will er wirklich aufhören. Was dann? Mark Spitz steht 44 Jahre nach München noch immer am Beckenrand

Im Olympics Aquatic Stadium spielt die Musik, und sie spielt auch noch um Mitternacht. Die Schwimmbewerbe in Rio beginnen zu einer Zeit, die brave Sportlerinnen und Sportler üblicherweise schon in ihren Betten sieht, und sie dauern fast bis in den nächsten Tag hinein. Gegen zwei der großen Bösewichte dieser Welt, das Fernsehen und Amerika, hat der gute Sport keine Chance. Nutznießer der Prime-Time-Übertragungen ist das IOC, das von den TV-Anstalten Unsummen kassiert, Nutznießer sind die wenigen Stars, die zwar während der Spiele ihre Sponsoren nicht herzeigen dürfen, aber nach den Spielen überhäuft werden.

Der Superstar ist Michael Phelps (31). Am Dienstag hat er in einem tollen Rennen über 200 Meter Delfin sein 20. Olympiagold gewonnen, dem kurz darauf in der Kraulstaffel über 4 x 200 Meter das 21. folgte. Phelps setzte sich auf die Leine, die seine Bahn von der nächsten trennt, wie auf einen Thron und jubelte. Olympia ist seine Bühne, die erste Woche der Spiele gehört ihm, seit 2004. Doch bei aller Begeisterung ist im Publikum eine gewisse Ermüdung festzustellen. Phelps selbst war auch schon mehrmals müde und pausierte monatelang, nach London 2012 ist er gar offiziell zurückgetreten – um eineinhalb Jahre später ein Comeback zu geben.

Doch wer wollte Phelps übelnehmen, dass er tut, was er am liebsten tut und am besten kann? "Ich schaue nicht mehr auf Rekorde oder auf meine Medaillensammlung", sagte er jüngst. "Es ist einfach so, dass ich jeden Moment, jede Sekunde im Wasser wirklich genieße."

Kantersieg im Wasser

Den sportlichen Vergleich mit seinem berühmten Landsmann Mark Spitz hat "The Baltimore Bullet" längst für sich entschieden, 2008 in Peking wurde Spitz gleich doppelt überholt. Zunächst hatte Phelps, der schon 2004 in Athen sechs Olympiatitel gewonnen hatte, sein Konto flott auf zehn Titel aufgestockt und sich damit vor Spitz, dem zweimaligen Olympiasieger von 1968 (Mexiko) und siebenmaligen Olympiasieger von 1972 (München) auf Rang eins der ewigen Bestenliste katapultiert. Dann brachte er in Peking vier weitere Erfolge ins Trockene, damit hatte er bei einem einzigen Anlass acht Goldmedaillen gewonnen, eine mehr als Spitz in München.

An Land kommt Michael Phelps mit seinem langen Oberkörper und den in der Relation kurzen Beinen ungelenk daher. Auf festem Untergrund geriet er immer wieder ins Schleudern. Einmal wurde er wegen Trunkenheit am Steuer verhaftet, dann wieder fuhr er ohne Führerschein. Anfang 2009 wurde er vom US-Schwimmverband für drei Monate suspendiert, nachdem er beim Konsum einer Wasserpfeife fotografiert worden war. Damals sprang sogar ein Sponsor (Kellogg's) ab, Amerika ist Amerika. 2014 die nächste Alkofahrt, 132 km/h statt der erlaubten 72, Phelps hatte 1,4 Promille und bekam 18 Monate auf Bewährung.

Mehr Medaillen als Österreich

Eine seiner beiden Schwestern begleitete ihn in ein Suchtberatungszentrum in Arizona, es war der 5. Oktober 2014, seit diesem Tag hat er "keinen Schluck mehr getrunken". Nach 45 Tagen verließ er das Zentrum wieder, seither sieht er sich "auch als Mensch", zuvor hatte er sich "nur als Sportler gesehen". Der Mensch hat gemeinsam mit dem Model Nicole Johnson seit Mai einen Sohn, und Phelps freut sich schon jetzt darauf, mit Boomer Robert "schwimmen zu gehen". Ansonsten hat Phelps nicht viel zu sagen, man hört und liest oft über ihn, dass er "nichts hergibt".

Zumindest in finanzieller Hinsicht muss man sich weder um Michael Phelps noch um Boomer Robert sorgen. Das Phelps-Vermögen wird auf 60 Millionen US-Dollar geschätzt, sein aktuelles Jahreseinkommen, da gehen die Angaben auseinander, auf fünf bis zwölf Millionen. Verbrieft ist, dass Phelps von einer bunten Firmenpalette, von Speedo, Visa, Omega, Subway, Under Armour, Louis Vuitton, Procter & Gamble, Hilton Hotels, HP, Powerbar, Head and Shoulders, gesponsert wird.

21 Olympiasiege – damit hat dieser eine Mann in der Geschichte der Sommerspiele eine Goldene mehr geholt als Österreich (20, inklusive Kunstbewerbe) in den vergangenen hundert Jahren. Da wäre es schon eine große Überraschung, wenn die Menschheit, bevor sie die Erde zerstört, einen noch Erfolgreicheren hervorbringt. Es gefällt ihm, "nichts außer essen, schlafen und schwimmen zu tun". Am 13. August, dem letzten olympischen Schwimmtag, will er trotzdem zurücktreten.

Michael Phelps und Mark Spitz sind oft miteinander verglichen worden. In den meisten Vergleichen hat Phelps die Nase vorn. Dafür hatte Spitz seinerzeit unter seiner Nase einen Schnurrbart. Mittlerweile sind Schwimmer längst im Gesicht und am Körper glattrasiert, auf dass sie im Wasser schneller vorankommen. Die Zeiten haben sich geändert. Spitz hatte nach den Spielen 1972 im Alter von nur 23 Jahren seine Karriere beendet, um seine Popularität zu versilbern, was ihm im Sport schwergefallen wäre.

Kantersieg an Land

Dreht man in Brasilien den Fernseher auf, führt an Mark Spitz kein Weg vorbei, und in den USA ist es ähnlich. Von einem Sender wird er interviewt, für den anderen analysiert er, beim dritten ist er zu Gast in einer Talkshow. Der überaus eloquente, mittlerweile 66-jährige Kalifornier wird hin und her gereicht und lebt nicht schlecht davon, dass er sich 44 Jahre nach München immer noch am Beckenrand aufhält.

Viel liegt schon hinter, aber viel liegt auch vor Michael Phelps, ein halbes Leben, vielleicht sogar ein neues. (Fritz Neumann aus Rio, 10.8.2016)

  • Michael Phelps sammelt in Rio de Janeiro noch unverdrossen Goldene ein. Sein Blick gilt aber schon der Zeit, da er ohne seine Lieblingsbeschäftigung auskommen muss.
    foto: apa/bureau

    Michael Phelps sammelt in Rio de Janeiro noch unverdrossen Goldene ein. Sein Blick gilt aber schon der Zeit, da er ohne seine Lieblingsbeschäftigung auskommen muss.

  • Mark Spitz hat noch immer viel zu sagen, etwa in der brasilianischen Marineakademie, wo ihm US-Außenminister John Kerry lauschte.
    foto: reuters/stapleton

    Mark Spitz hat noch immer viel zu sagen, etwa in der brasilianischen Marineakademie, wo ihm US-Außenminister John Kerry lauschte.

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