Ö1-Hörspielstudio "Die 40 Tage des Musa Dagh": Europa – "Hure des Todes"

10. August 2016, 17:12
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Die Stimmen der christlichen Vermittler klingen wohlig-mildtätig im Gegensatz zu den harschen Tönen der muslimischen türkischen Regierung

Die Redaktion des Ö1-Hörspiel-Studios hat für ihre Sommerserie im Archiv gegraben und eine 1967 produzierte Fassung von Franz Werfels Roman "Die 40 Tage des Musa Dagh" ausgewählt. Ein weiter Blick zurück. Ein damals noch unbekannter Michael Haneke verantwortete die Dramatisierung. Das 1933 erstmals erschienene Buch handelt vom Genozid am armenischen Volk im türkisch-syrischen Grenzgebiet 1915.

In acht Teilen präsentiert das Hörspiel-Studio das Werk immer dienstags um 21 Uhr, mit Einleitung und Kontext versehen. Dabei mag erstaunen, wie geräuscharm diese von angespannter Diplomatie, Kriegsmanövern und entsetzlichem Leid handelnde Erzählung auditiv abgebildet wurde.

Man kann "Die 40 Tage des Musa Dagh" wohl noch zu den "Worthörspielen" zählen, sogenannte Hörspiele der Innerlichkeit, die in ihrer Konzentration auf die Sprache und auf Sprechweisen prägend für die Nachkriegszeit waren.

Es sind auch bei Werfel nur "key sounds", die sich in die prononciert sprechenden Schauspielerstimmen mischen – darunter als Erzähler Paul Hoffmann, der spätere Burgtheaterdirektor.

Die Stimmen der christlichen Vermittler klingen dabei wohlig-mildtätig im Gegensatz zu den harschen Tönen der muslimischen türkischen Regierung.

Manche Sätze in einem Streitgespräch zwischen Pastor Lepsius und Scheich Ahmed, in dem Letzterer seine ablehnende Haltung dem Westen gegenüber bekräftigt, könnten auch aus der Gegenwart gegriffen sein: "Ganz Europa ist die Hure des Todes", "Siehst du nicht den Finger Gottes?!", "Die Knechte Europas rauben unserem Volk die Religion." Online abrufbar bis 16. August auf oe1.orf.at. (Margarete Affenzeller, 11.8.2016)

  • Das Ohr vor dem ORF-Funkhaus in der Wiener Argentinierstraße.
    foto: apa/georg hochmuth

    Das Ohr vor dem ORF-Funkhaus in der Wiener Argentinierstraße.

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