Grigory Sokolov: ...und die Zeit steht still

10. August 2016, 16:43
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Der Pianist triumphiert im Festspielhaus

Salzburg – Das Große Festspielhaus ausverkauft bis zum letzten zusätzlichen Podiumsplatz. Die Saalbeleuchtung heruntergedämpft bis fast zur absoluten Dunkelheit. Die Aufforderung vom Band, nicht länger zu telefonieren, der letzte Widerhall der schnöden Welt… Dann hebt Grigory Sokolov, nach gewohnt knappem Diener, an zu spielen. Die künstliche Dunkelheit wird der natürliche Träger des klingenden Lichts, das mit jedem einzelnen Tastenanschlag stärker strahlt.

Dabei tut der Mann nichts. Grigory Sokolov deutelt nicht "gestaltend" an den Stücken herum, will weder mit kunstfertiger Anschlagsdifferenzierung noch mit kundiger Phrasierung auf sich selbst aufmerksam machen. Wenn Sokolov Klavier spielt, füllt sich der Begriff "absolute Musik" mit neuer Bedeutung: So und nicht anders! Da ist einer, der erkennt, spürt, versteht, was der Komponist mit dem jeweiligen Stück gemeint hat. Das Wunder ereignete sich diesmal anhand von Schumanns Arabeske op.18 und der Fantasie C-Dur op. 17 sowie Chopins Nocturne H-Dur op. 32/1 und As-Dur op. 32/2 und der Sonate für Klavier Nr. 2 b-Moll op. 35. Erhellend und atemberaubend.

Die Wiederkehr des scheinbar so weltzugewandten Themas im zweiten Teil der Fantasie, sein alsbaldiges ständiges Zerrieben-Werden und Zu-sich-Finden; seine Wiederkehr im dritten Teil – und dessen Verdämmern im Überirdischen – all das ließ staunen. Ebenso aus einem Guss bei vielfältigster Differenzierung in Klangfarbe, Tongebung und Phrasierung waren die Variationen der Arabeske. Herzstück des Konzerts war freilich der Marche funèbre, das Herzstück von Frederic Chopins b-Moll Sonate. Mit der Wucht eines ausgewachsenen Symphonieorchesters im Beethoven-Modus schlägt Grigory Sokolov quasi stampfenden Schrittes die wechselnden Bassakkorde aus hartem Fels, lässt die scheinbar pathetische Melodie in den verschiedenen Lagen sich aufbäumen und zusammensinken. Und dann der ungeschützte Überstieg aus der schmerzenden Gegenwart in die heile Welt zauberhaftester Erinnerungen im Trio.

Wurde die Rückkehr in die Realität je so schmerzhaft empfunden? Jeder grollende Triller ist da eine existentielle Bedrohung, die im absurden Flirren des Presto-Finales kein Gegengewicht findet. Aber dafür gibt Sokolov ja immer einen ausgewachsenen Werkblock an Zugaben: Damit sich sein Publikum wieder einkriegt. (Heidemarie Klabacher, 10.8.2016)

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