Universitäten: Forschung und Lehre = wirtschaftlicher Erfolg

Kommentar der anderen10. August 2016, 17:15
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Die Gleichung ist einfach: Haben die Universitäten keine hochwertigen Kernkompetenzen, dann gestaltet sich auch die wirtschaftliche Verwertbarkeit von Wissen schwierig. Vor den Spin-offs muss zuerst einmal ein Netz aus Fähigkeiten gesponnen werden

Medienberichten von der Präsentation des Wirtschaftsberichts 2016 war der Ruf nach mehr Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft zu entnehmen. Es gäbe genug Grundlagenforschung, aber die Umsetzung in wirtschaftlichen Erfolg funktioniere nur bedingt. Ein Beispiel dafür sei die geringe Zahl an Spin-offs, also an Unternehmensgründungen durch an Universitäten tätige Forscher. Diese sollten besonders gefördert werden.

Allerdings zeigen viele Studien – auch der Forschungs- und Technologiebericht der Bundesregierung – eine intensive Zusammenarbeit zwischen Universitäten und Wirtschaft in gemeinsamen Forschungsprojekten, nicht zuletzt ein Verdienst jahrelanger finanzieller Förderbemühungen der Regierung. Aufholbedarf gibt es bei der wirtschaftlichen Verwertung von Forschungsergebnissen durch die Universitäten selbst, zum Beispiel durch Einnahmen aus der Patentierung von Forschungsergebnissen oder eben durch Unternehmensgründungen. Wie kann man diese steigern (so dies ein gesellschaftlicher Wunsch ist)?

Die Verfechter der "Unternehmerischen Universität" werfen mit zahlreichen Beispielen um sich, wie "wirtschaftlich" erfolgreiche Universitäten in den USA wie zum Beispiel das MIT und Stanford ihre Technologietransfer- und Spin-off-Aktivitäten organisieren, und empfehlen sie zur Nachahmung. Dabei vergessen sie empirische Studien, die die enge Beziehung zwischen Topforschung und wirtschaftlicher Verwertung unterstreichen – je besser die Forschung (und Lehre), desto besser das wirtschaftliche Potenzial.

Laut dem ohne Umfragen auskommenden (bibliometrischen) Ranking der Universität Leiden zählen etwa ein Viertel aller Publikationen von MIT und Stanford zu den weltweit meistzitierten Artikeln. Die bestgereihte Volluniversität Österreichs, die Uni Wien, kommt bloß auf zirka ein Siebtel. Stanford und MIT publizieren nicht nur "bessere", sondern auch mehr Artikel – dreimal so viele wie die Uni Wien (so viel zum Thema "genug Grundlagenforschung"). Auch sonst hinkt der Vergleich: Das MIT hat ein Budget von über drei Milliarden US-Dollar oder etwa 85 Prozent des gesamten österreichischen Universitätsbudgets; Stanford verfügt gar über 5,5 Milliarden US-Dollar (oder 150 Prozent des hiesigen Uni-Budgets).

Das heißt nicht, dass es in Österreich nicht gute Forscher gäbe – Stichwort IST Austria, exzellente Akademie der Wissenschaften und Universitätsinstitute wie jenes von Professor Zeilinger -, aber ihr Anteil und die Bedingungen für Forschung in Österreich bleiben hinter jenen Ländern zurück, aus denen die meisten der vielzitierten Spin-off-Beispiele stammen.

Kurz: Wer Spin-offs will, muss zuerst das Qualitätsgerüst der Universitäten neu spinnen. Oder: Wenn die Kernfunktionen der Universitäten wie Forschung und Lehre unter ihrem Potenzial bleiben, ist auch das wirtschaftliche Potenzial gering.

Was ist zu tun? Dazu ist es leider notwendig, ausgetretene Pfade der Diskussion um die Reform der Universitäten zu beschreiten. Fünf Ansatzpunkte, die sich mehr oder weniger alle in der Innovationsstrategie 2020 der Bundesregierung finden, liegen auf der Hand:

· Erstens, Einführung einer qualitativ hochwertigen gemeinsamen Ganztagesschule, die möglichst vielfältige Talente an die Hochschulen bringt.

· Zweitens, eine Trennung der Budgets von Lehre und Forschung. Die Mittel für die Lehre können so aufgrund einer Studienplatzfinanzierung vergeben werden, die die in manchen Fächern hohe Lehrbelastung mit ausreichend Zeit für Forschung in Einklang bringt. Dies impliziert Zugangsregelungen für die Universitäten (wie an den Topunis in den USA und den Fachhochschulen und Kunstunis in Österreich).

· Drittens, das Budget für die Forschung sollte dann nach strikten Qualitätskriterien vergeben werden, mit Spielraum zur Adressierung gesellschaftlicher Herausforderungen. Die derzeitige Budgetzuweisung im Rahmen der Leistungsvereinbarungen führt in der Regel zu einer Gleichverteilung zwischen den Forschenden.

· Viertens, die Universitäten brauchen Karriere- und Organisationsstrukturen, die für die talentiertesten Forschenden attraktiv sind, Stichwort klare Karriereperspektiven und flache Hierarchien.

· Fünftens, mehr Geld. Im Vergleich mit den USA – die regelmäßig als glorreiches Beispiel für das wirtschaftliche Potenzial der Universitäten herhalten müssen – geben wir pro Studierenden gerade 60 Prozent aus, oder 1,5 gegenüber 2,5 Prozent des BIP.

Woher soll das Geld kommen? Mit hoher Qualität erspart man sich vielleicht auch Förderungen: Während Österreich Unternehmen Geld gibt, um mit Universitäten zu kooperieren, zahlen Unternehmen dem Massachusetts Institute of Technology 40.000 Dollar, um eine Frage stellen zu dürfen. (Jürgen Janger, 10.8.2016)

Jürgen Janger ist Referent am österreichischen Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo). Er beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen Innovation und Bildung, wie z. B. der Auswirkung von Hochschulorganisation und -finanzierung auf die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft.

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