Rio-Übertragungen: Die gnadenlose Mittelmäßigkeit des Nationalismus

Kommentar der anderen10. August 2016, 17:15
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Anmerkungen zu den ORF-Übertragungen der Olympischen Spiele in Rio

Verstehen Sie Koreanisch? Wenigstens Chinesisch? Nein, auch nicht? Dann entsprechen Sie nicht dem Kundenprofil von ORF Sport+, das einem jeden Morgen ein Potpourri des vorangegangenen Olympiatages anbietet: Rio 2016: News Channel. Die versprochenen Nachrichten bestehen aus einem Fünfsekundenclip einer sportlichen Entscheidung und einem einminütigen Interview mit den Medaillengewinnern, so als sei Reden wichtiger als Schießen, Schwimmen, Segeln. Diese Interviews werden nicht übersetzt, was vielleicht auch besser so ist, denn die Fragen beschränken sich auf einen vorgestanzten Dreiklang: "Wie fühlen Sie sich?" (Antwort: "happy"), "Wie haben Sie es geschafft? (Antwort: "hard work") und "Was sagen nun Ihre Freunde und Verwandten?" (Antwort: "they are happy"). Als sollte der Beweis erbracht werden, dass das Sportinterview die überflüssigste aller medialen Formen ist.

Wer dieser pixelgewordenen Dummheit entkommen will, muss umschalten auf ORF eins, wo einem die Höhepunkte des Tages zum Frühstück versprochen werden, allerdings erst ab neun Uhr (offensichtlich frühstückt Wrabetz spät). An dem Tag, an dem Michael Phelps zur ultimativen olympischen Legende wurde, zeigte der ORF nach einem kurzen Galopp durch die verschiedenen erfolgreichen Qualifikationen und bedauerlichen Niederlagen der österreichischen Sportlerinnen und Sportler eine Wiederholung des Viertelfinales im Tennis und machte es besonders spannend, indem die Moderatorin zu Beginn verkündete, leider sei das heimische Doppel Oliver Marach / Alexander Peya ausgeschieden. Danach begann eine ungekürzte Ausstrahlung eines mittelmäßigen Spiels.

Wohlgeformte Knie

Ich weiß nicht, wie lange der gemeine Bürger frühstücken soll, aber nach zwanzig Minuten, da stand es 4:1 für die Gegner, musste ich an die Arbeit und schaltete aus. Michael Phelps gewann seine zwanzigste Goldmedaille in 1:53:36. Das dauerte somit unwesentlich länger als die Tennispause nach jeweils zwei Spielen, während der die Zuschauer zum morgendlichen Kaffee mit einer ausgiebigen Studie wohlgeformter Knie beglückt werden.

Der Wettkampf von Phelps, so berichten seriöse Nachrichten, sei immens spannend gewesen, mit dem allerletzten Schmetterlingsschlag habe er den bis dahin führenden Japaner Masato Sakai um den Wimpernschlag von vier Hundertstel Sekunden abgefangen. Das habe ich leider verpasst. Was in die Annalen eingehen wird, haben nur jene Österreicher gesehen, die mitten in der Nacht Fernsehen schauen. Was morgen schon vergessen sein wird, wurde hingegen als Höhepunkt des Tages präsentiert. Wenn das kein Beweis ist, dass blinder Nationalismus stets zu Mittelmäßigkeit führt, in diesem Fall zu peinlichem Provinzialismus. (Ilija Trojanow, 10.8.2016)

Ilija Trojanow (Jahrgang 1965) ist Schriftsteller, Übersetzer und Verleger. Er lebt in Wien. Zuletzt erschienen: "Meine Olympiade. Ein Amateur, vier Jahre, 80 Disziplinen". S. Fischer, Frankfurt am Main 2016.

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