Mordprozess: Der "Sklave" und der tödliche Handtaschengurt

10. August 2016, 14:26
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Ein 35-Jähriger hat im Oktober seine Frau erdrosselt, die die Scheidung wollte. Er sagt, er habe sie aus Wut über Demütigungen getötet

Wien – "Ich habe mich geopfert für meine Kinder und meine Frau", rekapituliert Nehat H. sein Leben. Wie groß die Liebe zur Gattin war, ist schwer zu beurteilen – der 35-Jährige erdrosselte sie am 7. Oktober und muss sich daher mit einer Mordanklage vor dem Geschworenengericht unter Vorsitz von Nina Steindl verantworten.

Dass er seine Frau getötet hat, bestreitet der Unbescholtene nicht. Aber: "Ich bin wirklich kein Mörder", beteuert er.

Die Geschichte begann romantisch. Im Jahr 2006 lernte er die Frau über einen Freund kennen. "Mir war sofort klar, sie werde ich heiraten." Ein Jahr später taten sie das, bald kam die gemeinsame Tochter zur Welt.

Erste Probleme 2010

Allzu lange hielt das Glück nicht. Im Jahr 2010 gab es die ersten Probleme, sie eröffnete ihm, einen Liebhaber zu haben. "In der Slowakei ist das für eine Frau normal", rechtfertigte sie sich, behauptet der Angeklagte.

"Ich habe mich dann eine Woche nicht gemeldet, dann ist sie wiedergekommen", erzählt er weiter. "Sie hat gesagt, sie habe die Beziehung beendet und wir sollten den Deckel darauf lassen und nie mehr darüber reden."

"Es war eine wirklich gute Beziehung, aber ich war nicht viel daheim", gesteht H. ein. Der Grund: Er arbeitete als Kellner in einem großen Wiener Bierlokal, teilweise doppelte Schichten. Inklusive Trinkgeld kam er auf über 4000 Euro im Monat.

Häuser in der Slowakei

Er gab es für die Familie aus. Unter anderem für zwei Häuser in der Slowakei, jeweils komplett neu eingerichtet. "Als wir aus dem ersten Haus umgezogen sind, wollte sie nichts mitnehmen. Allein das Badezimmer hat 10.000 Euro gekostet."

Sie blieb mit den mittlerweile drei Töchtern großteils in ihrem Heimatland, er pendelte. Im Mai 2015 überraschte sie ihn und verlangte die Scheidung. Er vermutete einen neuen Liebhaber, dürfte auch nicht ganz falsch gelegen sein. Denn einmal riss er aus Zorn die Tür der Waschmaschine ab, als er ein Leintuch mit fremden Spermaflecken waschen wollte.

Offen bleibt, ob er die Scheidung wollte. Der Angeklagte sagt: Ja, er wollte aber Gerechtigkeit – die Aufteilung des Vermögens und die gemeinsame Obsorge für die Kinder. Irgendwann durfte er nicht einmal die Kinder sehen, behauptet er, beziehungsweise nur gegen Geld: "Damit ich mit meinen Töchtern in den Prater durfte, hat sie 2500 Euro in bar verlangt. "

Autounfall vorgetäuscht

Allerdings dürfte der von Timo Gerersdorfer Verteidigte ziemlich aufdringlich gewesen sein: Teilweise sind ein Dutzend SMS pro Tag belegt, auf Whatsapp sperrte die Frau ihn. "Sie hat nur manchmal reagiert", sagt der Angeklagte. Einmal sandte er ihr das Bild eines Autowracks und behauptete, einen Unfall gehabt zu haben. "Ich wollte nur wissen, ob ich noch wichtig für sie bin", begründet er.

Am 6. Oktober besuchte sie ihn in Wien, da am nächsten Tag ein Termin bei ihrem Scheidungsanwalt anstand. Den Unterhalt für die Kinder wollte er zahlen, für sie nicht. "Du wirst alles verlieren. Frauen haben in Österreich sehr viele Rechte", soll sie gesagt haben.

Am nächsten Tag kam sie gegen zehn Uhr in die Wohnung, die Situation eskalierte. Sie bestand auf Unterhalt, kündigte an, sich von dem Geld eine Brust-OP und ein Auto zu leisten, versprach: "Mein Freund wird auch von deinem Geld leben!"

Esel, Sklave, Weichei

"Irgendwann wollte ich einfach weg", erzählt H. weiter. "Ich habe meine Handtasche und mein Handy geholt, sie ist vor mir gestanden", sagt er unter Tränen. "Sie hat mich weiter wüst beschimpft. Ich bin ein Esel, ihr Sklave, ein Weichei und schlecht im Bett." Sie verriet auch, dass sie während der Beziehung mehrere Liebhaber gehabt hatte und auch die Kinder möglicherweise nicht von ihm seien.

Dann habe sie ihn in den Finger gebissen und ihm einen Tritt gegeben. "Ich war wirklich nicht ich. Ich habe meine Handtasche genommen, die auf dem Wäscheständer gelegen ist, habe ihr den Gurt um den Hals geschlungen und zugezogen."

So fest, dass sie praktisch sofort bewusstlos wurde. "Ich war außer Kontrolle." Erst als sich ihr Gesicht verfärbte, habe er aufgehört. "Wach auf, verdammt", habe er gesagt, versucht, ihr Wasser einzuflößen. Dann rief er aufgeregt die Rettung, die ihm Anweisungen zur Wiederbelebung gaben. Vergeblich.

"Wollte, dass sie still ist"

"Warum haben Sie das gemacht?", will Vorsitzende Steindl wissen. "Das frage ich mich bis heute." Schließlich gibt er zu, er habe seiner Frau wehtun, sie aber nicht töten wollen. "Es war diese Wut." Auf Nachfrage von Beisitzerin Beate Matschnig wiederholt er: "Ich wollte, dass sie endlich still ist. Und ihr zeigen, dass ich kein Weichei bin."

Mutter und Schwester der Toten bestätigen, dass sich die Ehe in den letzten Monaten verschlechtert habe. Und sie sagen, H. habe seine Frau verprügelt und sei kontrollsüchtig gewesen. Allein: Das wissen sie nur vom Hörensagen – von ihrer Verwandten. Eine Geschworene stellt auch die durchaus berechtigte Frage, wie er kontrollsüchtig gewesen sein soll, wenn er ständig gearbeitet habe.

Die Entscheidung zwischen Mord, Totschlag oder absichtlicher schwerer Körperverletzung mit Todesfolge werden die Geschworenen am Donnerstag treffen. (Michael Möseneder, 10.8.2016)

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