Rihanna in Wien: Laxes Workout mit der Sternenkriegerin

10. August 2016, 14:10
121 Postings

Der barbadische Weltstar Rihanna war in der Wiener Stadthalle zu Gast. Mit ihrem neuen Album "Anti" und einer zuweilen hölzernen Playback-Show schöpft die 28-Jährige Kraft aus der Verweigerung. Sie kann es sich leisten

Wien – In der Kunst, so weiß man, ist die Negation ein mitunter belebendes Element. Erst die Verweigerung des Bestehenden öffnet den Blick für etwas Neues. Die auf der Karibikinsel Barbados geborene Sängerin Robyn Rihanna Fenty, kurz Rihanna, noch kürzer Riri, ist unlängst 28 geworden. Und nach 200 Millionen verkauften Tonträgern, 14 Nummer-eins-Hits, acht Grammy Awards und einem geschätzten Jahreseinkommen von 75 Millionen US-Dollar kann selbst ein Superstar es sich leisten, ein bisschen gegen den Strich zu bürsten. Doch dazu gleich.

Rihanna startete ihre Karriere Anfang der Nullerjahre unter den Fittichen des New Yorker Musikpaten Jay Z. Nach zwei erfolgreichen Alben im Reggae-Pop-Dancehall-Bereich hatte das "brave Mädchen" von der Insel ihren absehbaren Britney-Spears-Moment: Mit dem Album "Good Girl Gone Bad" (2007) bewies sie sich, ihrem Management und der ganzen Welt, dass sie es ja eh faustdick hinter den Ohren hat. Soll heißen: dem Sex nicht ganz abgeneigt ist.

Zwar mag die Welt unter Riris Umbrella – Ella – eh, eh, eh vielleicht schon damals ein wenig anders ausgesehen haben; den Gesetzen des Showbiz folgend kultivierte sie ihren Gold-, Lack- und Lederpop zwischen Gangstarap und Großraumdisco dennoch über fünf weitere Erfolgsalben. Standesgemäß gaben zuletzt EDM-Helden wie Calvin Harris und David Guetta ihren Hitsenf aus der Elektronikkonserve dazu.

rihannavevo

Nach vier Jahren musikalischer Absenz ("Unapologetic" erschien 2012) hätte man sich also eher anderes erwartet. Zum Beispiel eine ultimative Sommerhit-Schleuder in Kollaboration mit Kygo, dem Wunderwuzzi des Tropical House. Aber weit gefehlt. Im Jänner veröffentlichte Rihanna "Anti" und überraschte damit Fans wie Musikkritik einhellig. Es ist ein Album, auf dem sich Rihanna musikalisch dekonstruiert, indem sie aus dem Fundus schwarzer Musik der 60er-, 70er- und 80er-Jahre schöpft und dies mit verschleppten, großteils schwer zu tanzenden Dubstep-Bässen unterlegt.

Das Formatradio kann sich an derart neu zusammengewurstelte Klänge nur schwer gewöhnen. Für das Wiener Konzert ihrer "Anti"-Welttournee bedeutete das Stadthalle statt Stadion. Finanziell läuft freilich auch so alles super. Untergebene, per Instagram- und Snapchat-Grüßen gefügig gehaltene Superfans nehmen "Anti" mit Zungenkuss. Mit einem Elektronikkonzern als Großsponsor im Rücken ließ sich das Risiko für ein solches Experiment – es könnten ja ein paar Mille weniger hereinkommen – dann auch gleich noch gegen null reduzieren.

Tanzende Tusken-Räuber

Also munter drauflos, könnte man meinen. Der Haken: Riri ist auch mit ihrer neuen Show so richtig "Anti". Das ist optisch okay: Die ganz in Weiß und Erdtönen gehaltene, reduzierte Bühnen- wie Kostümausstattung folgt einer Mischung aus Star Wars, Rocky und Robin Hood. Im Boxermantel einziehend, wechselt Rihanna die Kapuzencapes wie Unterhosen. Flankiert wird sie von tanzenden Tusken-Räubern oder androgynen Gestalten in schwarzen Glitzertaucheranzügen.

Ansonsten herrscht Zurückhaltung. Auch im Publikum. Denn als ob es nicht reichte, dass der Veranstalter aufgrund der nicht zu leugnenden Terrorgefahr das Tragen längerer Halsketten untersagt hatte, wurde per Dekret von Königin Rihanna auch das Spielen von "Pokémon Go" verboten. Zum Dank formt Rihanna statt Fingerherzchen grantige Illuminaten-Pyramiden und spart bei explizit Sexuellem. Ein bisschen hölzernes Popogewackel zum neuen einschlägigen Song "Work", bei "We found love" streichelt sie das, was sie in früheren Interviews vollmundig "she" nannte, fast schon pflichtschuldig.

rihannavevo

Musikalisch gibt es über weite Strecken ganz offensichtliche, das heißt ohne Mikrofon vorgetragene Playback-Unterhaltung. Fast alle älteren Hits werden nur kurz angeteasert oder wie beim an sich großartigen "Man down" vom Deejay zu Brei gemischt. Erst nach gut einer Stunde kommt Rihanna dort an, wo sie offenbar in Zukunft hingehören will: Mit "Diamonds", "Four five seconds" und dem schönen, neuen 6/8-Takt-Soul-Schunkler "Love on the brain" wechselt Rihanna von Scheißdrauf zu Zeigauf – entrückt gestikuliert sie dabei im bodenlangen Mantel, das Gesicht hinter tellergroßen Sonnenbrillen versteckt.

Es ist dieser eine Moment des Glam, mit dem die neue Rihanna ihr selbstverständlich nicht enttäuschtes, aber dann doch ein wenig irritiertes Publikum entlässt. Mit einer Show, die man nicht gesehen haben muss, sagt uns Rihanna, dass man sie in Zukunft ganz bestimmt wieder sehen will. Man könnte ja etwas verpassen. (Stefan Weiss, 10.8.2016)

  • Auf der "Anti"-Tour von Rihanna herrscht absolutes Foto- und "Pokémon Go"-Verbot. Der ziemlich unspektakulären Show kommt diese Aufnahme von den diesjährigen Billboard-Awards am nächsten.
    foto: reuters/mario anzuoni

    Auf der "Anti"-Tour von Rihanna herrscht absolutes Foto- und "Pokémon Go"-Verbot. Der ziemlich unspektakulären Show kommt diese Aufnahme von den diesjährigen Billboard-Awards am nächsten.

Share if you care.