Mehr als 10.000 Menschen harren in griechischen Registrierzentren aus

10. August 2016, 14:01
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Völlig überfüllte Lager: Athen will Migranten auf das Festland bringen – Streit um geplantes Flüchtlingslager in Mailand – 16.000 minderjährige Flüchtlinge in Italien

Athen/Mailand – Die Registrierzentren auf den Inseln der Ostägäis sind restlos überfüllt: Am Mittwoch wurden erstmals 10.000 Menschen in den Zentren gezählt, teilte der Flüchtlingskrisenstab in Athen mit. Es gibt jedoch nur Unterbringungsmöglichkeiten für 7.450 Menschen. Als Anfang April der EU-Türkei-Flüchtlingspakt in Kraft trat, harrten auf diesen Inseln 6.232 Menschen aus.

Athen plant aus diesem Grund, Migranten aus den Inseln der Ostägäis zum Festland zu bringen, wie die Deutsche Presse-Agentur aus Regierungskreisen am Mittwoch erfuhr. Wegen des gescheiterten Putsches in der Türkei zögern griechische Asylrichter, Menschen dorthin zurückzuschicken, berichtete die griechische Presse.

Das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei sieht einen Flüchtlingstausch vor: Die EU schickt Flüchtlinge und andere Migranten, die illegal in Griechenland eingereist sind, zurück in die Türkei. Für jeden zurückgeschickten syrischen Flüchtling darf seit dem 4. April ein anderer Syrer aus der Türkei legal und direkt in die EU einreisen. Bisher sind aber weniger als 500 Menschen auf diese Weise zurück in die Türkei geschickt worden. Im Juli kamen täglich knapp 60 neue Migranten aus der Türkei, berichtete das UNO-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR).

Streit um geplantes Zeltlager in Mailand

Auch in Italien spitzt sich die Lage wieder teilweise zu. Nachdem die Schweizer Behörden in den vergangenen Wochen Hunderte illegal eingereiste Menschen im Tessin aufgegriffen und an der Grenze zurückgewiesen hatten, will die italienische Stadt Mailand Zelte für die 3.300 Flüchtlinge aufstellen, die sich in der lombardischen Hauptstadt aufhalten.

Die Möglichkeit einer Unterbringung in Zelten werde mit der Präfektur geprüft, da es keine freien Plätze in den Flüchtlingseinrichtungen mehr gebe, sagte der Mailänder Bürgermeister Giuseppe Sala. Dies bedeute nicht, dass Mailand in ein "Zeltlager" ungewandelt werde, reagierte der im Juli gewählte Bürgermeister auf Kritik von Rechtsparteien.

Über 400 Migranten sind in einem Flüchtlingslager unweit des Mailänder Hauptbahnhofes eingepfercht, in dem es eigentlich nur Schlafmöglichkeiten für 100 Personen gibt. Dabei handelt es sich vor allem um Migranten aus Eritrea, Äthiopien, Somalia und dem Sudan, darunter viele Minderjährige, die allein unterwegs sind. Sie wollen nach Deutschland weiterreisen, doch die Schweizer Grenze ist für sie gesperrt.

Kritik an italienischer Regierung

Der Präsident der Lombardei, Roberto Maroni, kritisierte die Regierung von Matteo Renzi scharf. "Die Regierung hat im Umgang mit der Flüchtlingsproblematik komplett die Führung verloren", kommentierte der Lega-Nord-Politiker. Er beanstandete, dass in Mailand vor allem Wirtschaftsmigranten und keine Flüchtlinge eintreffen. Diese sollten aus Italien ausgewiesen werden. "Renzi wandelt Mailand in das größte Flüchtlingslager Europas um", kritisierte das für Einwanderungsfragen zuständige Mitglied des lombardischen Regionalrats, Simona Bordonali.

Die Regierung in Rom sucht inzwischen fieberhaft nach weiteren Migrantenunterkünften. Circa 145.000 Migranten beherbergt Italien zurzeit, und die Zahl könnte wachsen. Das Innenministerium macht Druck auf die Vereinigung der italienischen Gemeinden (ANCI), damit 25 Flüchtlinge pro 1000 Einwohner aufgenommen werden. Wegen des "Notstands" im Süden verlangt Innenminister Angelino Alfano, Gemeinden in ganz Italien müssten Tausende weitere Plätze bereitstellen, unter anderem in leeren Kasernen oder Turnhallen.

Der Chef der ausländerfeindlichen Oppositionspartei Lega Nord, Matteo Salvini, wehrt sich heftig dagegen. Die Regierung müsse dafür sorgen, dass die Flüchtlingsboote schon vor der Abfahrt in Libyen gestoppt würden. Daher seien Abkommen zwischen der EU und der libyschen Regierung dringend notwendig.

16.000 minderjährige Flüchtlinge in Italien

Zudem wächst in Italien die Sorge wegen der großen Zahl minderjähriger Flüchtlinge, die ohne Begleitung durch Erwachsene im Land eintreffen. Über 16.000 Minderjährige werden in Italiens Flüchtlingseinrichtungen betreut, 14.400 erreichten unbegleitet das Land, geht aus Angaben des Kinderschutzwerks "Save the Children" hervor.

"Sie sind im Durchschnitt zwischen 15 und 17 Jahre alt. Immer häufiger treffen in Italien auch Kinder von neun und zehn Jahre ohne Eltern ein", berichtete die Sprecherin von "Save the Children", Giovanna Di Benedetto. Während die Zahl der in Italien eingetroffenen Migranten 2016 gegenüber dem Vergleichszeitraum 2015 nicht gestiegen ist, ist jedoch die Zahl der eingetroffenen Minderjährigen gewachsen.

Bei Kindern, die mit Eltern auf Sizilien landeten, handelt es sich oft um Neugeborene, oder um Kinder, die maximal zwei oder drei Jahre alt sind. Oft kommen Babys auch an Bord der Rettungsschiffe zu Welt. Ein großer Anteil der minderjährigen Migranten stammen aus Gambia, Eritrea, Nigeria, Guinea, Somalia und der Elfenbeinküste, berichtete "Save the Children".

Viele Teenager tauchen unter

Die Regierung in Rom bemüht sich jetzt verstärkt um die Einrichtung von Flüchtlingszentren für Minderjährige. Dies sei wichtig, um ihnen besonderen Schutz und Unterstützung zu sichern, verlautete es aus dem Innenministerium in Rom.

Viele Teenager verschwinden nach wenigen Tagen aus den Flüchtlingseinrichtungen, in denen sie untergebracht werden. Allein 2015 tauchten 6.135 Minderjährige unter. Sie versuchen auf eigene Faust, Freunde und Angehörige in anderen europäischen Ländern zu erreichen, berichteten Experten. Sie seien dabei großen Gefahren ausgesetzt.

Laut Experten würden vor allem Teenager aus Ägypten, Somalia und Eritrea untertauchen. Viele von ihnen würden angeben, sie seien volljährig, obwohl sie es nicht seien, um weiterreisen zu können. Sie suchen sofort nach Schwarzarbeit, um ihren Schleppern das Geld für die Reise nach Italien zurückzahlen zu können. Die Behörden befürchten, dass viele minderjährige Mädchen auf dem Strich landen.

Wer in den Jugendeinrichtungen für Flüchtlinge bleibt, muss sich auf eine lange Wartezeit gefasst machen, bis er internationalen Schutz erhält. Minderjährige Flüchtlinge genießen in Italien zwar automatisch den Schutz, den die 1989 verabschiedete UNO-Konvention für Kinderrechte vorsieht. Bis sie identifiziert werden und Asylstatus erhalten, kann es aber lange dauern. (APA, red, 10.8.2016)

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