Kein Land ist so sehr gegen einen EU-Beitritt der Türkei wie Österreich

10. August 2016, 14:01
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Generell gilt: Je höher der Anteil türkischer Migranten, desto stärker die Ablehnung eines Türkei-Beitritts

Die politischen Nachwehen des Putschversuchs in der Türkei haben mittlerweile weite Teile Europas erfasst. Aus vielen EU-Staaten kommt völlig zu Recht harsche Kritik an den massenhaften Entlassungen und Verhaftungen durch die AKP-Regierung. Ebenso werden AKP-freundliche Demonstrationen in vielen Städten Europas mit großer Skepsis beäugt.

In Österreich ist dieser Konflikt auf die diplomatische Ebene übergeschwappt, nachdem der türkische Außenminister Österreich als Zentrum des Rassismus in Europa bezeichnet hat. Zudem haben Regierung wie Opposition dazu aufgerufen, die Beitrittsverhandlungen zwischen EU und Türkei auf Eis zu legen.

Tatsächlich nimmt Österreich bei der Ablehnung eines Türkei-Beitritts innerhalb der EU eine Spitzenposition ein. Zwar sind die jüngsten Daten dazu nicht mehr ganz neu (sie stammen aus dem Jahr 2010), doch ist kaum anzunehmen, dass die Stimmungslage sich seither stark zum Positiven geändert hätte. (Generell ist die öffentliche Meinung über weite Strecken meist recht stabil, große Schwankungen innerhalb kurzer Zeit sind eher die Ausnahme.)

Die erste Grafik zeigt den Saldo aus Zustimmung und Ablehnung bezüglich eines EU-Beitritts der Türkei. Fast alle Balken befinden sich links der Nulllinie. Das bedeutet, dass es kaum Länder in der EU gibt, wo mehr Menschen einen EU-Beitritt der Türkei befürworten als ablehnen. Positivere Einstellungen findet man gehäuft in den osteuropäischen Staaten, die 2004 und 2007 beigetreten sind, etwa in Rumänien, Ungarn, Slowenien, Litauen und Polen.

Am skeptischeren Ende der Skala liegen wenig überraschend Länder, die ein traditionell konfliktreiches Verhältnis zur Türkei haben, wie Griechenland und Zypern. Aber auch in Deutschland und eben Österreich gibt es hauptsächlich ablehnende Haltungen zu einem möglichen Türkei-Beitritt.

Auf den ersten Blick erschließt sich kein dominantes geografisches, kulturelles oder ökonomisches Muster, das die Unterschiede zwischen den Ländern gut erklären kann.

Doch haben mehrere Studien gezeigt, dass der Anteil an Einwohnern mit (türkischem) Migrationshintergrund in einem Land einen Einfluss auf die Einstellung zur EU-Mitgliedschaft der Türkei (oder anderer Kandidatenländer) hat (siehe etwa hier, hier und hier).

Die zweite Grafik bestätigt diese Annahme. Auf der x-Achse sehen wir den Anteil der Bevölkerung mit Geburtsland Türkei (OECD-Daten, leider nur für 18 Länder verfügbar), auf der y-Achse den Saldo aus der ersten Grafik. Eine ganz ähnliche Darstellung dieses Zusammenhanges findet sich schon in der auch oben verlinkten Studie des Wiener Wirtschaftswissenschafters Gökhan Saz.

grafik: laurenz ennser-jedenastik

Es tritt ein recht deutlicher negativer Zusammenhang zutage (r = –0,60). Je mehr türkischstämmige Einwohner, desto ausgeprägter die Ablehnung eines EU-Beitritts der Türkei. Der Zusammenhang ist gleich stark, wenn man statt der in der Türkei geborenen Bevölkerung jene mit türkischer Staatsbürgerschaft heranzieht (hier gibt es von Eurostat immerhin Information zu 25 Ländern, die Korrelation bleibt bei r = –0,60).

Natürlich kann dieser Faktor beileibe nicht die gesamte Variation in der Haltung zu einem Türkei-Beitritt erklären. Vor allem in den Ländern, wo der Anteil an türkischstämmigen Migranten niedrig ist, gibt es noch immer große Unterschiede, etwa zwischen Griechenland und Ungarn. Hier muss man natürlich Besonderheiten mancher Einzelfälle berücksichtigen: langandauernde Konflikte wie in Griechenland und Zypern oder etwa die große autochthone türkische Minderheit in Bulgarien.

Wiewohl diese Daten also keine kausalen Schlüsse erlauben, weisen sie dennoch darauf hin, dass die öffentliche Meinung zu einem möglichen EU-Beitritt der Türkei nicht notwendigerweise von ökonomischen Interessen (etwa der Stärke der Handelsbeziehungen) oder geografischen Bedingungen (Nachbarschaft) allein geprägt wird, sondern womöglich auch eine Reaktion auf das Ausmaß an Zuwanderung aus der Türkei darstellt. (Laurenz Ennser-Jedenastik, 10.8.2016)

Anmerkung: Der Beitrag wurde nachträglich um Verweise auf bestehende Studien ergänzt, die den Zusammenhang zwischen dem Anteil türkischstämmiger Migranten und der Einstellung zur EU-Mitgliedschaft der Türkei empirisch demonstrieren.

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