Missbrauch in Australiens Flüchtlingslager enthüllt

10. August 2016, 15:24
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Geheime Akten zeichnen ein Bild der Grausamkeit. Internationalen Banken wird Komplizenschaft vorgeworfen

Mehr als 8000 Seiten interne Dokumente der australischen Einwanderungsbehörde stellte die britische Tageszeitung "Guardian" am Mittwoch ins Internet. Die meist von Wärtern und Angestellten im Flüchtlingslager Nauru verfassten "Vorfallberichte" zeichnen ein Bild der Grausamkeit. Fälle von Suizidversuchen, Selbstverstümmelungen, körperliche Angriffe auf die Asylsuchenden – alles wird in bürokratisch trockenem Ton geschildert.

Einer der Wärter soll nur gegen sexuelle Gefälligkeiten längere Duschzeiten erlaubt haben. Mehr als die Hälfte der 2116 Protokolle bezieht sich auf Vorfälle mit Minderjährigen. Aufseher sollen Kinder geschlagen oder sexuell missbraucht haben. Auch erwachsene Asylbewerber werden diverser Vergehen beschuldigt. Premier Malcolm Turnbull kündigte an, die Vorwürfe zu überprüfen.

Auch mit positivem Bescheid keine Weiterreise

Australien interniert auf der Insel Nauru und auf Papua-Neuguinea Flüchtlinge, die über das Meer nach Australien gelangen wollten. Selbst wenn ihr Antrag auf Schutz akzeptiert wird, dürfen sie nicht nach Australien.

Die Praxis wird international stark kritisiert, aber von der Mehrheit der australischen Bevölkerung unterstützt. Auch Politiker in Europa sehen die sogenannte "Pazifische Lösung" als Vorbild. Österreichs Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) etwa hatte gemeint, Europa müsse von Australien lernen. Der österreichische Botschafter in Canberra warnte Kurz daraufhin in einem Schreiben vor den dem Inselmodell – DER STANDARD berichtete.

Finanzhäuser unter Druck

Die neuesten Meldungen dürften den Druck auf internationale Finanzinstitute und Investoren erhöhen, ihre Geschäftsbeziehung zur spanischen Ferrovial aufs Eis zu legen. Der Infrastrukturgigant ist seit Jahresbeginn im Auftrag der australischen Regierung für den Betrieb der Lager verantwortlich. In einer Analyse des australischen Human Rights Law Centre (HRLC) und der Menschenrechtsorganisation No Business in Abuse (NBIA) werden 22 vorwiegend europäische Finanzhäuser gewarnt, durch eine kommerzielle Beziehung zu Ferrovial würden sie ein System unterstützen, das auch von den Vereinten Nationen als rechtswidrig verurteilt werde.

Ferrovial hatte den Vertrag im Mai mit der Akquisition der australischen Firma Broadspectrum übernommen. NBIA hat nun Finanzhäuser wie Deutsche Bank, RBS, HSBC, Goldman Sachs, BNP Paribas und Citigroup aufgefordert, jegliche Geschäftsbeziehungen mit Ferrovial einzustellen, bis sich das Unternehmen aus dem Lagergeschäft zurückziehe und die Asylsuchenden nach Australien gebracht werden.

Vertrag soll nicht verlängert werden

Dabei hatten die Spanier bereits bestätigt, den im Februar 2017 auslaufenden Vertrag mit der Regierung nicht erneuern zu wollen. Doch das reiche nicht. "Schon ein einziger Tag des Geschäfts mit Menschenrechtsverletzungen ist genug", sagt NBIA.

Ferrovial, Aktionäre und Banken sollten die Warnungen ernst nehmen. "Die Faktenlage zeigt: Es ist möglich, dass sich individuelle Vertreter von Ferrovial der kriminellen Verantwortung wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit aussetzen", sagt Diala Shamas, Expertin für Menschenrechte und Konfliktlösung an der Stanford Law School in New York, dem STANDARD. Laut der Direktorin von NBIA, Shen Narayanasamy, seien viele von Ferrovials Banken und Investoren alarmiert gewesen, als sie über die Situation in den Lagern unterrichtet wurden. "Die meisten Finanzinstitute erkennen, dass eine Beteiligung an groben Menschenrechtsverletzungen nicht nur ethisch und moralisch unvertretbar ist. Sie ist auch schlecht fürs Geschäft."

Der Ruf ist in Gefahr

Eine Firma habe von "wirtschaftlichem Selbstmord" gesprochen, den Ferrovial begehe. "Die Gefahr ist die Vernichtung des Rufs", so Narayanasamy. Der Markt könnte zum Schluss kommen, dass "eine Firma zu unethisch sei". Berichten zufolge soll die Norwegische Zentralbank, die an Ferrovial beteiligt ist, das Risiko erkannt und den Fall an die dafür zuständige staatliche Kommission weitergeleitet haben.

Für Ferrovial selbst ist das Geschäft mit den australischen Internierungslagern einträglich. Es steuert den Großteil des Gewinns von Broadspectrum bei. (Urs Wälterlin aus Canberra, 10.8.2016)

  • Demonstration im Oktober 2015 in Sydney gegen die australische Flüchtlingspolitik.
    foto: reuters / david gray

    Demonstration im Oktober 2015 in Sydney gegen die australische Flüchtlingspolitik.

  • Bild aus Nauru aus dem Dokumentarfilm "Chasing Asylum".
    foto: chasing asylum

    Bild aus Nauru aus dem Dokumentarfilm "Chasing Asylum".

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