Türkei-Konflikt: NBA-Profi Kanter von Familie verstoßen

9. August 2016, 18:10
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Weil sich Enes Kanter zur Gülen-Bewegung bekennt und heftige Kritik an der autoritären Regierung Erdoğans äußerte, erhielt der 24-Jährige auch Morddrohungen: "Heute habe ich meine Familie, die ich 24 Jahre lang Mutter, Vater, Bruder/Schwester nannte, und all meine Verwandten verloren"

Oklahoma City – Der politische Konflikt in der Türkei mündet für Basketballspieler Enes Kanter vom NBA-Klub Oklahoma City Thunder in einem leidvollen Familiendrama. Weil sich Kanter offen als Anhänger des Erdoğan-Gegners Fethullah Gülen positioniert hat, haben sich seine Eltern und seine Geschwister nun von ihm distanziert.

"Heute habe ich meine Familie, die ich 24 Jahre lang Mutter, Vater, Bruder/Schwester nannte, und all meine Verwandten verloren", schrieb Kanter in einem Brief, den er via Twitter veröffentlichte. "Mein eigener Vater wollte, dass ich meinen Nachnamen ändere. Die Mutter, die mich gebar, hat mich verstoßen. Die Geschwister, mit denen ich aufwuchs, kennen mich nicht mehr. Meine Verwandten wollen mich nicht mehr sehen."

Kanter hält dennoch weiterhin zu Gülen, den der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan für den Militärputsch im Juli verantwortlich macht. "Ich habe meine Mutter, meinen Vater, meine Geschwister, meine gesamte Sippschaft für den Weg des werten Predigers (Gülen, Anm.) geopfert", schrieb Kanter.

Keine Zurückhaltung

Kanter hatte das autoritäre Regime Erdoğans heftig kritisiert und dafür zahlreiche Morddrohungen erhalten, die er auch auf Twitter öffentlich machte. Die Situation in der Türkei hatte er mit der Zeit der Weimarer Republik vor Adolf Hitlers Machtübernahme verglichen und mehrere Zeitungsartikel geteilt, in denen Gülen jede Verantwortung für den Putschversuch abstreitet und die Anschuldigungen der Regierung scharf zurückweist.

Enes Kanters trauriger Brief auf Twitter.

Wegen seiner politischen Haltung wurden Kanter bereits in jüngerer Vergangenheit große Türen in der Türkei zugestoßen. 2015 wurde er nicht in den Kader der türkischen Basketball-Nationalmannschaft für die Europameisterschaft einberufen. Teamchef Ergin Ataman hatte die Entscheidung mit angeblich fehlendem Interesse Kanters begründet. Der Center soll zwei Anrufe Atamans nicht beantwortet haben.

Dabei hatte Kanter immer wieder betont, gern für die Türkei spielen zu wollen. An der spielerischen Qualität eines starken NBA-Spielers kann es wohl kaum gelegen haben. "Die Rechtfertigungen", sagte Kanter, "für diese Entscheidung sind überhaupt nicht überzeugend. Es gibt nur einen einzigen Grund: Ich wurde wegen meines Glaubens und meiner politischen Ansichten ausgeschlossen." (vet, 9.8.2016)

  • Baskebtall-Profi Enes Kanter stellt sich gegen diktatorische Tendenzen in der Türkei: "Mein eigener Vater wollte, dass ich meinen Nachnamen ändere."
    foto: reuters/smith

    Baskebtall-Profi Enes Kanter stellt sich gegen diktatorische Tendenzen in der Türkei: "Mein eigener Vater wollte, dass ich meinen Nachnamen ändere."

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