Pogba-Transfer: Im Bazar des Wahnsinns

9. August 2016, 18:01
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Der Franzose Paul Pogba hat einen neuen Rekord aufgestellt, er ist Manchester United 105 Millionen Euro wert. Der Fußballmarkt dreht offensichtlich völlig durch, es ist mit weiteren Bestmarken und Auswüchsen zu rechnen

Manchester/Wien – Landung im Privatjet, Weiterfahrt im rot-schwarzen Protzboliden, Vorstellung im Hochglanzvideo, schon die Ankunft des nun teuersten Fußballers der Welt verlief standesgemäß. Und Paul Pogba kündigte sofort die Großtaten mit Manchester United an, die irgendwie die irrwitzige Ablösesumme in Höhe von gut 105 Millionen Euro rechtfertigen könnten.

"Ich beende das, was ich hier angefangen habe", sagte der 23-Jährige, der einen Fünfjahresvertrag unterschrieb und im Erfolgsfall noch einmal fünf Millionen Euro extra kostet, im Vereins-TV des englischen Rekordmeisters. Seine Rückkehr ins Old Trafford, das er 2012 im Streit mit Teammanager-Legende Sir Alex Ferguson verlassen hatte, sei schließlich "Schicksal". Daran müsse man glauben.

"Er ist einer der besten Fußballer der Welt", sagte Teammanager José Mourinho fast schon lapidar in der knappen Stellungnahme des Klubs. So gut, dass er teurer sein durfte als Gareth Bale (27/ Wales), der vor drei Jahren für 100,76 Millionen zu Real Madrid ging, und Cristiano Ronaldo (31/ Portugal), der die Königlichen 2009 läppische 94 Millionen kostete?

"Er ist schnell, erzielt Tore, und er liest das Spiel besser als viele Spieler, die sehr viel älter sind", sagte Mourinho, der zuvor schon die Ausnahmespieler Zlatan Ibrahimovic (Paris St. Germain / ablösefrei) und Henrich Mchitarjan von Borussia Dortmund (42 Millionen) zu den Red Devils gelockt hatte: "Mit seinen 23 Jahren hat er die Chance, zum Herzen dieses Klubs zu werden. Für die nächste Dekade und darüber hinaus."

Leichte Zweifel

Der Druck auf Pogba, er trägt die Rückennummer sechs, könnte also kaum größer sein. Die Erwartungshaltung ist riesig. Wie der junge Franzose damit umgehen kann, hatte sich allerdings wenig vielversprechend bei der EURO 2016 erst vor ein paar Wochen gezeigt.

Beim Turnier in seinem Heimatland wirkte Pogba gehemmt. Dem angehenden Superstar, der bei Juventus eine starke Saison gespielt hatte, gelang im Scheinwerferlicht wenig. Im verlorenen Finale (0:1) machte nicht er den Unterschied, sondern Portugals No-Name-Stürmer Eder, dessen Marktwert bei fünf Millionen Euro liegen soll. Pogba, der 275.000 Pfund pro Woche (knapp 330.000 Euro) verdienen soll, war United das 21-Fache wert. Eine detaillierte Aufstellung für Neidhammel und Steuerbehörden: 330.000 (Euro) mal 52 (Wochen) mal fünf (Jahre) ergeben knapp 86 Millionen Fixum. Ob Pogba zusätzlich Weihnachts- und Urlaubsgeld bekommt, konnte nicht geklärt werden, aber Erfolgsprämien sind natürlich nicht inkludiert.

Die Entscheidung für Manchester könne für die Entwicklung Pogbas ein wichtiger Schritt sein, sagte Mourinho. "Wenn man der beste Spieler der Welt werden will und nach Barcelona oder Madrid geht, kommt man in Schwierigkeiten", sagte der Portugiese mit Blick auf die Superstars Lionel Messi und Ronaldo: "Ich denke nicht, dass die anderen beiden großen Jungs dich auf dieses Level kommen lassen."

Das Level der Ablösesummen, die inzwischen durch den neuen, erst im nächsten Jahr fälligen Mega-TV-Deal der Engländer erreicht wurde (jedes Spiel der Premier League ist 13 Millionen Euro wert), kennt derweil keine Grenzen. Auch um Pogba zu stoppen, zahlte Lokalrivale Manchester City mit Ex-Bayern-Coach Pep Guardiola am Dienstag 55 Millionen Euro für John Stones an den FC Everton. Ein Abwehrspieler, der erst 22 Jahre alt ist und bei der EURO genau null Minuten für England im Einsatz war.

Fenster offen

Juventus hatte zuvor schon, in freudiger Erwartung der United-Millionen für Pogba, 94 Millionen Euro für den Argentinier Gonzalo Higuain an den SSC Napoli überwiesen. 50 Millionen zahlte Manchester City für den deutschen Nationalspieler Leroy Sané von Schalke. 45 Millionen kostete Granit Xhaka (von Borussia Mönchengladbach zum FC Arsenal). Und noch ist das Transferfenster längst nicht geschlossen, bis 31. August ist der Bazar geöffnet. Real Madrid hat zum Beispiel bisher nicht groß zugeschlagen. Die Königlichen gelten nicht nur diesbezüglich als durchaus ehrgeizig und ambitioniert. (sid, red, 9.8.2016)

  • Paul Pogba wurde mit Juventus Turin viermal hintereinander italienischer Meister. Mit Manchester United soll der Franzose Ähnliches erreichen. Natürlich in England.
    foto: reuters/stefano rellandini

    Paul Pogba wurde mit Juventus Turin viermal hintereinander italienischer Meister. Mit Manchester United soll der Franzose Ähnliches erreichen. Natürlich in England.

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