Achter gut, alles gut

10. August 2016, 06:39
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Wenn die Königsdisziplin im Rudern entschieden ist, wird Österreich vielleicht an der Goldmedaille mitnaschen. Titelverteidiger und eine eigene Marke ist der Deutschland-Achter

Horst Nussbaumer steht an der Lagune Rodrigo de Freitas im Herzen von Rio de Janeiro und zählt österreichische Seen auf. "Weissensee, da waren die Deutschen. Hallstätter See, da waren die Holländer. Silvretta Stausee, da waren die Briten." Einige der wichtigsten Rudernationen also hatten ihre Flaggschiffe zur Olympia-Vorbereitung nach Österreich geschickt. Und wenn nun in Rio die Entscheidung in der Königsdisziplin fällt, rudert Österreich da und dort gewissermaßen mit.

Wir sind Achter, ein bisserl halt. "Wenn es Gold wird, habt ihr einen kleinen Anteil", sagt Dag Danzglock, der deutsche Verbands-Vizepräsident, der sich auf der Tribüne nahe der Ziellinie zu Nussbaumer gesellt hat. "Aber wenn es nur Silber wird, gehört euch das ganz allein." Für den Deutschland-Achter, das ist herauszuhören, wäre der zweite Platz ein Misserfolg, er ist mehr als nur das Aushängeschild des DRV, er ist eine eigene Marke, eine eigene GesmbH sogar. Ungefähr zwanzig Riemenruderer (und ein Steuermann) fungieren quasi als Genossenschafter und legen über ein ausgeklügeltes Punktesystem selbst fest, wie die Sponsoren- und Fördergelder eingesetzt und verteilt werden.

Wer sich letztlich nicht für die Achter-Besatzung qualifiziert, muss über ein kleineres Boot seine Chance suchen und damit zurechtkommen, dass ihm dann weit weniger Aufmerksamkeit zuteilwird. Im deutschen Rudern dreht sich alles um den Achter. "Achter gut, alles gut", sagt DRV-Vize Danzglock, "das ist bei uns ein gängiges Sprichwort. Aber natürlich kommt da und dort manchmal Neid auf." Der Verband hat keinen eigenen Hauptsponsor, der Achter ist laut Danzglock "die einzig vermarktbare Bootsgattung". Zwei, drei Medaillen erwartet der DRV in Rio, neben dem Männer-Achter ist vor allem mit einem Frauen-Vierer zu rechnen.

Wiederholung

Der Deutschland-Achter hat eine eigene Homepage (deutschlandachter.de), einen eigenen Hauptsponsor (Wilo, einen Pumpenhersteller), einen eigenen Stützpunkt (Dortmund), einen eigenen Trainer. Der legendäre Ralf Holtmeyer (60) hat das Boot nach einem vielbejammerten achten Platz bei den Spielen 2008 (Peking) übernommen. Holtmeyer hatte den Achter schon einmal, 1988, zu einem sehr überraschenden Olympiasieg geführt, nach Peking sollte sich die Geschichte wiederholen.

Und tatsächlich, der Achter kam nicht nur rasch wieder auf Kurs, sondern legte eine schier unglaubliche Siegesserie hin. Die Deutschen blieben fünf Jahre lang ungeschlagen, sie wurden 2009, 2010 und 2011 Weltmeister, 2012 in London holten sie Olympiagold. Erst bei der WM 2013 ist es den Briten gelungen, die Deutschen endlich wieder zu besiegen. In der Olympiade vor Rio entwickelte sich ein packendes Duell der beiden Rudergroßmächte – mit drei EM-Titeln für Deutschland und drei WM-Titeln für Großbritannien.

Rio? Da sollte man vielleicht auch die Holländer auf der Rechnung haben, sie lagen zuletzt überraschend auf dem Rotsee in Luzern voran – und sie haben, nicht zu vergessen, auf dem Hallstätter See trainiert. Die USA könnten ebenfalls mitmischen, ganz ohne Vorbereitung in Österreich wäre das aber schon eine Überraschung.

Eigenartiger Modus

In den zwei Vorläufen feierten die Briten einen sehr souveränen und die Deutschen einen recht souveränen Sieg. Beide stiegen direkt ins Finale (Samstag) auf, wohingegen die fünf übrigen Nationen im Hoffnungslauf am Mittwoch um die restlichen vier Finalplätze streiten. Unter dem Strich bedeutet das, dass nach den drei Rennen, die in den Endlauf münden, ein einziges Boot auf der Strecke geblieben ist. Dieser eigenartige Modus geht darauf zurück, dass die Teilnehmerzahl möglichst gering bleiben soll.

Bis zu den Spielen 2020 (Tokio) wird sich ohnedies einiges ändern. Der Ruderweltverband (Fisa) ist vom IOC angehalten, die Männer-Frauen-Quote (derzeit ca. 60:40) auf 50:50 zu bringen. In Tokio werden sich demnach weniger Männer und mehr Frauen in die Riemen legen. Für viele europäische Nationen, in denen Frauensport im Vergleich mit Überseenationen seit jeher zu kurz kommt, bedeutet das eine Herausforderung. ÖRV-Präsident Nussbaumer will Frauenrudern gezielt forcieren, auch mit dem vermehrten Einsatz von Trainerinnen. Ein gutes Abschneiden der Kärntnerin Magdalena Lobnig, die im Einer als Dritte ihres Viertelfinales das Semifinale erreichte, wäre ein Glücksfall. Nicht wenige trauen Lobnig eine Medaille zu, sie hat heuer in Brandenburg den EM-Sieg gefeiert, dort waren die Bedingungen (Wind, Welle) ähnlich wie in Rio.

Nussbaumer, der dreimal selbst olympisch ruderte, ist seit drei Jahren Präsident und stolz darauf, dass der ÖRV erstmals seit 2004 wieder bei Spielen vertreten ist. Österreich wird auch in absehbarer Zeit auf Einer, Zweier, maximal Vierer setzen. Kleines Land, kleine Boote. Ein Österreich-Achter ist eine Illusion – trotz all der schönen Seen im Land. (Fritz Neumann, 9.8. 2016)

  • Der deutsche Achter ist nicht nur das Aushängeschild, er ist eine eigene Marke. Die olympische Silbermedaille wäre bereits eine Niederlage.
    foto: reuters/barria

    Der deutsche Achter ist nicht nur das Aushängeschild, er ist eine eigene Marke. Die olympische Silbermedaille wäre bereits eine Niederlage.

  • Verbandspräsident Horst Nussbaumer möchte Frauenrudern forcieren, Magdalena Lobnig ist schon forciert und im Halbfinale.
    foto: apa/neubauer

    Verbandspräsident Horst Nussbaumer möchte Frauenrudern forcieren, Magdalena Lobnig ist schon forciert und im Halbfinale.

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