Erdoğan bei Putin: Verhaltene Wiederaufnahme des Dialogs

9. August 2016, 17:49
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Präsidententreffen dient der Positionsannäherung in Syrien

Mit einem Handschlag begann am Dienstag das Treffen des russischen Präsidenten Wladimir Putin und seines türkischen Amtskollegen Tayyip Erdogan. Vor wenigen Wochen wäre diese Geste, ja selbst der Besuch Erdogans noch undenkbar gewesen. Zu groß schienen die politischen Differenzen, insbesondere die unterschiedlichen Ansichten zu Syrien, zu groß schien auch der Ärger Moskaus über den Abschuss eines Su-24-Kampfjets über Syrien im vergangenen November durch türkische Abfangjäger.

Vergessen ist die Affäre im Kreml nicht: Der Besuch zeuge von der Wiederaufnahme des Dialogs nach der Verschlechterung der Beziehungen durch ebenjenen Abschuss, deutete Putin gleich in seiner Begrüßung auf den wunden Punkt.

Doch die strategischen Interessen wiegen schwerer als gekränkte Eitelkeiten. "Wir haben heute die Möglichkeit, in kleinem und großem Kreis den ganzen Komplex unserer Beziehungen zu erörtern, darunter die Wiederherstellung unserer wirtschaftlichen Verbindungen und die Zusammenarbeit bei der Terrorbekämpfung", sagte Putin.

Beide Staatschefs erinnerten daran, dass Putin nach dem Militärputsch als einer der Ersten bei Erdogan angerufen habe, um ihm seine Unterstützung zuzusichern. Russland sei stets gegen verfassungsfeindliche Umstürze, "das ist unsere prinzipielle Haltung", sagte Putin; wohl auch in Anspielung auf die Ukraine.

Erdogan seinerseits betonte, welche Bedeutung Putins Anruf für die Erwärmung der bilateralen Beziehungen gehabt habe. Gleich zu Beginn der Pressekonferenz nannte er Putin gleich zweimal seinen "teuren Freund". Er sei bereit, die bilateralen Beziehungen nicht nur auf das alte Niveau, sondern sogar in neue Höhen zu heben, betonte Erdogan, während Putin eher kühl konterte, dass selbst das Erreichen des Vorkrisen-Niveaus mit "harter Arbeit" verbunden sei.

Russland ist offenbar bereit, Erdogans Wunsch nach einem Auftauen der eingefrorenen wirtschaftlichen Beziehungen nachzukommen; sowohl die Energiepartnerschaft als auch die Rückkehr der Touristen stellte Putin seinem Gast in Aussicht.

Keine Einigung zu Syrien

Die wichtigste Frage in der künftigen Zusammenarbeit blieb aber vorläufig unbeantwortet: Noch haben die Staatschefs keine Einigung über die Syrien-Thematik erzielt, wo beide Länder zuletzt gegensätzliche Positionen vertraten. "Für Russland ist es wichtig, die Türkei in Syrien zu neutralisieren", die türkische Hilfe für die bewaffneten Rebellen in Aleppo habe Russland in eine schwere Lage versetzt, sagte der Moskauer Politologe Fjodor Lukjanow dem STANDARD.

Russland setzt bei dem Thema, das am Dienstagabend im Beisein der Außenminister Sergej Lawrow und Mevlüt Çavusoglu weiter erörtert werden sollte, auf ein Entgegenkommen der Türkei. Als Gegenleistung könnte Moskau Erdogan anbieten, die ihn böse reizende Unterstützung der Kurden aufzugeben. (André Ballin aus Moskau, 10.8.2016)

  • Vor wenigen Wochen noch undenkbar: Der russische Präsident Wladimir Putin empfing am Dienstag seinen türkischen Amtskollegen TayyipErdoğan.
    foto: apa/afp/alexander nemenov

    Vor wenigen Wochen noch undenkbar: Der russische Präsident Wladimir Putin empfing am Dienstag seinen türkischen Amtskollegen TayyipErdoğan.

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