Rätsel um den Piltdown-Fälscher vermutlich gelöst

10. August 2016, 11:26
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Vermeintlicher Sensationsfund vor mehr 100 Jahren war nach neuen, aufwendigen Analysen das Werk eines Einzeltäters

Liverpool/Wien – Er war von Beginn an einer der Hauptverdächtigen, wobei "von Beginn an" nicht ganz richtig ist: Zunächst vergingen mehr als 40 Jahre, ehe der Betrug als solcher aufflog: Erst 1953 konnten Forscher des British Museum beweisen, dass jene Fossilien, die 1908 im englischen Dorf Piltdown in der Grafschaft Sussex ausgegraben und Ende 1912 als Sensationsfund präsentiert worden waren, Fälschungen waren.

Rund um 1900 waren einige spektakuläre Vormenschenfunde gemacht worden, die eindeutig "präneandertaloid" waren. Besonders spektakulär waren 1891 die Entdeckung des Java-Menschen und 1907 eines Unterkiefers in Deutschland, der dem Homo heidelbergensis den Namen gab. In Großbritannien hingegen blieb die Suche nach Fossilien von Vorfahren des modernen Menschen erfolglos.

Eoanthropus dawsoni

Dann aber tauchten in Piltdown unverhofft alte Knochen auf: die Fragmente eines Schädels und eines Unterkieferknochens, deren Alter von damaligen britischen Forschern auf bis zu eine halbe Million Jahre geschätzt wurden. Der Fund erhielt den Namen Eoanthropus dawsoni (etwa "Dawsons Mensch der Morgenröte"), zu Ehren seines Entdeckers Charles Dawson, eines britischen Rechtsanwalts und Amateurarchäologen.

In den Monaten und Jahren danach erschienen mehr als 500 wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Veröffentlichungen über den Piltdown-Menschen. Deutsche und französische Forscher meldeten aufgrund ihres Wissens um die Neandertaler-Anatomie von Beginn an Zweifel an der Aussagekraft der Fossilien an. Doch ihnen wurde die Untersuchung der Originalknochen lange verwehrt. Die Bedeutung des Piltdown-Menschen blieb 40 Jahre lang umstritten, ehe letztlich die Fälschung aufgedeckt werden konnte.

Mögliche Verdächtige

Nachdem dann klar war, dass es sich nur um den Schädel eines mittelalterlichen Menschen und den bearbeiteten Unterkiefer eines Orang-Utans handelte, der zudem mit einem Schimpansenzahn und anderen Details "verfeinert" worden war, stellten sich zwei andere Fragen: Wer steckte hinter der Fälschung, und was waren die Tatmotive?

Neben Dawson kamen eine ganze Reihe von Personen in Frage: Arthur Smith Woodward etwa, Geologie-Kustos des British Museum, der den Fund präsentierte; der Jesuit und Geologe Teilhard de Chardin, der mit Dawson 1912 noch einen Fund in der Gegend machte; aber auch der Schriftsteller Arthur Conan Doyle, der damals 15 km von der Fundstelle entfernt wohnte.

Doyle veröffentlichte 1912 (!) den Roman "The Lost World", in dem Fälschung in der Paläontologie ein zentrales Thema ist. Dort heißt es unter anderem: "If you are clever and know your business you can fake a bone as easily as you can a photograph." Das machte ihn natürlich auch zu einem Verdächtigen.

Die Lösung des Rätsels

Zum 100. Geburtstag der "Entdeckung" im Dezember 2012 hatte der prominente britische Paläoanthropologe Chris Stringer versprochen, dass er diese Rätsel um den Piltdown-Menschen endgültig lösen wolle. Und vier Jahre später scheint ihm das nun gemeinsam mit Isabelle De Grote (Uni Liverpool) und einem Forscherteam gelungen zu sein. Die Wissenschafter haben die Knochen mit aufwendigen Verfahren neu untersucht und kamen im Fachblatt "Open Science" der Royal Society zu zwei Haupterkenntnissen.

Zum einen dürften die Fälschungen allein auf den Entdecker der Knochen, den Rechtsanwalt und Hobbyforscher Charles Dawson zurückgehen. Das würden die ganz ähnlichen Bearbeitungen der verschiedenen Funde nahelegen, wie die Forscher um Stringer und De Groote schreiben. Und sie warten zum anderen mit einem plausiblen Tatmotiv auf: Der ehrgeizige Hobbyforscher Dawson wollte unbedingt Mitglied der Royal Society werden, was ihm womöglich auch gelungen wäre, wenn er nicht schon 1916 gestorben wäre. (tasch, 10.8.2016)

  • Der angebliche Sensationsfund fand auch Eingang in die Malerei: In John Cookes Gemälde von 1915 diskutieren zeitgenössische Experten die Bedeutung des Piltdown-Schädels. Dass der Rechtsanwalt und Hobbyforscher Charles Dawson (stehend, zweiter von rechts) den Fund gefälscht hatte, kam erst Jahrzehnte später ans Licht.
    foto: geological society of london

    Der angebliche Sensationsfund fand auch Eingang in die Malerei: In John Cookes Gemälde von 1915 diskutieren zeitgenössische Experten die Bedeutung des Piltdown-Schädels. Dass der Rechtsanwalt und Hobbyforscher Charles Dawson (stehend, zweiter von rechts) den Fund gefälscht hatte, kam erst Jahrzehnte später ans Licht.

  • Der Schädel von Piltdown, bestehend aus einem alten Menschenschädel und einem Orang-Utan-Kiefer.
    foto: natural history museum/ap/dapd

    Der Schädel von Piltdown, bestehend aus einem alten Menschenschädel und einem Orang-Utan-Kiefer.

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