Marie Chouinard: Ein Lustgarten als Feuchtpräparat

9. August 2016, 17:08
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Die Kanadierin arbeitet sich, noch bis Mittwoch in Wien zu sehen, an Hieronymus Bosch ab

Wien – Sie bleibt ganz bei sich selbst. Die kanadische Choreografin Marie Chouinard (61) ist eine Expertin für Gärten der Sinnlichkeit, in denen die Tänzerinnen und Tänzer oft viel Haut zeigen dürfen. Daher war es nur eine Frage der Zeit, bis Hieronymus Boschs Gemälde Der Garten der Lüste (um 1500) ihr unter die Augen kam und zuflüsterte: Marie, vertanze mich. Sie hat's getan, das Resultat ist jetzt bei Impulstanz im Volkstheater zu sehen.

Mit Hieronymus Bosch: The Garden of Earthly Delights, uraufgeführt vor knapp einer Woche im niederländischen 's Hertogenbosch, dem Geburtsort des Malers, liefert Chouinard ein Stück, das wie ein Feuchtpräparat diverser Tanzspektakel der 1980er-Jahre anmutet: ein Bühnenzauber, der mit einer Behauptung von Tiefgang daherkommt, aber aus Oberfläche und Prätention besteht.

Abtasten von Motiven

Dementsprechend hat sich Marie Chouinard nicht die Mühe gemacht, auf das Triptychon des Meisters der überbordenden Vorstellungskraft näher einzugehen. In drei Akten, die erst den Mittelteil als irdisches Paradies, danach die Hölle und schließlich den Garten Eden thematisieren, wird gescannt, was auf den drei Bildern zu sehen ist. Dieses Abtasten der zahlreichen Motive zeigt sich einerseits in der Großprojektion des Gemäldes auf einer zentralen Leinwand im Bühnenhintergrund und auf zwei Tondi (runden Bildern) links und rechts des Proszeniums. Und andererseits im Versuch einer "Übersetzung" in Tanzbilder.

Da hat die Choreografin bereits versäumt, auf das Gemälde der beiden Außenflügel einzugehen, die zusammen den Herrgott bei der Erschaffung der Erde zeigen. Sie lässt es zwar projizieren, aber sie besitzt nicht die künstlerischen Mittel, sich mit der Bedeutung des von Bosch in Schwarz-Weiß dargestellten dritten Schöpfungstags auseinanderzusetzen. "Ipse dixit, et facta sunt: ipse mandavit, et creata sunt", steht über dem Motiv zu lesen: "Er (selbst) sprach, und sie wurden gemacht: Er (selbst) gebot, und sie wurden geschaffen."

Die Menschen sind noch abwesend, Gott aber bastelt seine Welt im "Reagenzglas" einer Kristallkugel. Wie der Darstellung zu entnehmen ist, experimentiert er noch, und dieses Experiment setzt sich im inneren Triptychon fort. Dieses enthält fantastische Architekturen, die halb biologisch, halb gebaut wirken. Hier erst erscheinen menschliche Figuren, allerlei Getier und die ethische Ambivalenz alles Lebendigen.

Nach dem verpatzten Einstieg findet Chouinard in ihren drei Akten nur die Möglichkeit, Boschs Menschenkonstellationen nachzustellen und in ihrer Nachstellung abzuwandeln. Im ersten Akt hat das noch eine gewisse Berechtigung, aber schon in der choreografischen Übersetzung des Höllen-Flügels vermag sie nur noch leeres Remmidemmi auf die geduldige Bühne zu werfen. Darunter leiden die zehn Tänzerinnen und Tänzer am meisten. Sie wirken hier wie zum Scheitern verdammte Schausteller in einer billigen Parodie auf Boschs Inferno. Die wahre Hölle zeigt sich in der Art, wie die Choreografin in diesem zweiten Akt unbeabsichtigt ihre Compagnie verpulvert. Das hat etwas Herzzerreißendes.

Genderdiskurs, recycelt

Da tröstet auch nicht mehr, wenn zuletzt im "Garten Eden" die Figuren des Schöpfers – in Gestalt Jesu -, des Adam und der Eva, vervielfältigt nachgestellt und geschlechtergetauscht werden. Diese Stufe des Genderdiskurses zu recyclen wirkt zwar attraktiv, aber das war's auch schon. Im Grunde erinnert Marie Chouinards Arbeit an einen anderen Garten der Lüste, der vor knapp zwei Wochen im Festival zu sehen war: Body + Freedom von Florentina Holzinger und ihrem Kollektiv. Da war bereits einiges angerissen, das Inferno zum Beispiel oder das Paradies – sogar mit einem Motiv aus Boschs Gemälde, in dem sich ein Körper zeigt, aus dessen Hintern Blumen sprießen.

Chouinards künstlerisches Feuchtpräparat erinnert an Aspekte in der Ästhetik der Eighties, die heute zum Teil wieder um sich greifen – und sich hoffentlich nicht durchsetzen. (Helmut Ploebst, 9.8.2016)

Nächste Vorstellungen am 9. 8. um 21.00 sowie am 10. 8. um 21.30

www.impulstanz.com

  • Leon Kupferschmid und Lucy M. May (nicht in Wien zu sehen) in "Hieronymus Bosch: The Garden of Earthly Delights".
    foto: nicolas ruel

    Leon Kupferschmid und Lucy M. May (nicht in Wien zu sehen) in "Hieronymus Bosch: The Garden of Earthly Delights".

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