"Der Wert des Menschen": Wie ein Voyeur unter Ausgebeuteten

10. August 2016, 12:00
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In Stéphane Brizés dichtem Filmdrama begeistert Vincent Lindon in der Rolle eines über 50-Jährigen, der den harten Anforderungen der Arbeitswelt kaum mehr gewachsen scheint

Wien – "Man geht an seinen Arbeitsplatz, macht seinen Job von neun bis fünf, und dann kehrt man wieder in seine eigene heile Welt zurück." Ein wenig schäbig habe er sich dabei gefühlt, erzählt Vincent Lindon im Gespräch: "Wie ein Voyeur." Wie jemand, der von etwas profitiert, was nicht ihm gehört. Andererseits, fügt der französische Schauspieler hinzu, sei es mit einem journalistischen Zugang vergleichbar. "Es geht darum, eine Erinnerung zu schaffen. Um in 15, 20 Jahren sagen zu können: So haben die Menschen damals gelebt."

Lindon sitzt in einer kleinen Runde mit Filmkritikern in Paris und spricht über Der Wert des Menschen von Stéphane Brizé und jene Rolle, für die er als bester Hauptdarsteller in Cannes und mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet wurde. Der Schauspieler mit dem rauen Äußeren eines Arbeiters – er sieht stets ein wenig abgekämpft aus – spielt darin Thierry, einen 51-jährigen Familienvater, der seinen Job verloren hat. Die erste Szene zeigt ihn beim Jobgespräch via Skype, zu Hause vor dem Schirm. Durch das Setting stellt sich sofort eine Hierarchie ein, in der man in die Defensive gerät.

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Lindon fühlte sich in dem Sozialdrama deshalb wie ein Eindringling, weil er der einzige Schauspieler unter Menschen war, die sich mehr oder weniger selbst spielten. Wenn Thierry die Stationen eines Arbeitslosen durchläuft, die Brizé meist hart, ohne viel Drumherum aufeinanderschneidet, sitzt er beim Coaching unter anderen Arbeitssuchenden; wenn er später, aus Mangel an besseren Angeboten, die seiner Expertise entsprochen hätten, in einem Supermarkt als Security-Guard auch Angestellte bespitzeln soll, befindet er sich wieder unter richtigem Personal.

Lindon beschreibt die Erzählstrategie so: "Es gibt eine kleine Geschichte rund um meine Figur und ihre Familie, aber dahinter ist die große Geschichte über die prekäre Arbeitssituation, die in Frankreich nicht besser als in anderen europäischen Ländern ist." Der so lebensnah wirkende Schauspieler schätzt es, wenn Filme die Reibung mit ihrer jeweiligen Gegenwart suchen. Gute Filme sind für ihn jene, "die den Weg von der Nachrichtenseite zur sozialen Seite des Lebens nehmen".

Ethische Grauzonen

In Der Wert des Menschen – auf Französisch heißt der Film pointierter La loi du marché, das Gesetz des Marktes – ist seine Figur das Scharnier, das den Zuschauern den Weg in die Arbeitswelt ermöglicht und damit die Einsicht in ethische Grauzonen. Brizés Umsetzung kombiniert die große Form des Kinos, die sich schon über die Wahl des Breitwandformats vermittelt, mit einer Art Zuschärfung des dokumentarischen Blicks. Die szenischen Ausschnitte sind stimmig gesetzt. Zuerst erzählt der Film davon, wie man als Arbeitssuchender auf seine Defizite, Mängel in der Performance, zurückgeworfen wird, dann davon, wie die Mitarbeiter gegeneinander ausgespielt werden. Solidarität ist keine vorhanden.

Brizé und Lindon verbindet eine enge Arbeitsbeziehung, Der Wert des Menschen ist bereits ihr dritter gemeinsamer Film nach dem Liebesfilm Mademoiselle Chambon und Der letzte Frühling (Quelques Heures de Printemps). "Es ist echte Liebe, getragen von richtigem Respekt", sagt Lindon über seinen Regisseur. "Stéphane lässt mir viel Raum, er ist sehr offen. Wir arbeiten oft schon eine Stunde in der Früh gemeinsam, ohne dass jemand von der Crew dabei ist, und gehen die Szenen durch." Brizé nimmt Ideen der Schauspieler dankend entgegen – "Er ist clever, denn er weiß, dass am Ende sein Name unter dem Film stehen wird."

Kraftvoll und fein dosiert

Die Genauigkeit im Umgang mit Darstellern kann man in der Mise en Scène überprüfen, in der Art, wie Körper auf das Umfeld reagieren. Lindons Thierry kämpft etwa auch um seine Würde, wenn er sich in einer Szene weigert, seinen Urlaubstrailer aus ökonomischer Not noch billiger zu verschleudern. So kraftvoll er in solchen Situationen agiert, so zurückhaltend, geradezu verschämt rückt er an den Bildrand, wenn wieder ein Kunde im Supermarkt als möglicher Ladendieb perlustriert wird.

Die Stärke des Films liegt in der feinen Dosierung von Psychologie, sodass man als Zuschauer in die unangenehme Lage gerät, selbst Position zu beziehen. Der Verlust der persönlichen Integrität eines Mannes wird hier nicht wortreich erklärt, sondern in seiner Körpersprache sichtbar. In einem "Bullshit-Job" (David Graeber) wird er zu Passivität und zum Verrat an der eigenen Klasse genötigt. Die Rolle habe ihm gezeigt, wie privilegiert er sei, so Lindon: "Selbst wenn ich ihn nur verkörpere, ist es so, dass ich alles mit meinen Augen sehen kann. Ich tue mein Bestes, wie er zu sein. Und was ich dafür bekomme, ist, dass sich auch in meinem Leben etwas verschiebt." (Dominik Kamalzadeh, 10.8.2016)

Ab Freitag

  • An seinem neuen Arbeitsplatz muss Thierry (Vincent Lindon, re.) Kunden und Kollegen  per Videokamera überwachen: Für "Der Wert des Menschen" wurde er mehrfach ausgezeichnet.
    foto: filmladen

    An seinem neuen Arbeitsplatz muss Thierry (Vincent Lindon, re.) Kunden und Kollegen per Videokamera überwachen: Für "Der Wert des Menschen" wurde er mehrfach ausgezeichnet.

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