Irak verbietet wirkungslose "Sprengstoffdetektoren"

10. August 2016, 07:00
72 Postings

Wünschelrutenartiges Gerät sollte Bomben aufspüren – Pakistan setzt auf Eigenentwicklung "Khoji"

derstandard.at
Sehen Sie hier eine kurze Video-Zusammenfassung des Artikels.

Wien – Nach dem Bombenanschlag im Bagdader Geschäftsviertel Karradain, bei dem Anfang Juli mehr als dreihundert Menschen ums Leben kamen, kündigte Iraks Premierminister Haidar al-Abadi umfangreiche Reformen der Sicherheitsmaßnahmen an.

Die IS-Attentäter hatten einen mit einer halben Tonne Sprengstoff beladenen Kühllaster an zahlreichen Straßensperren vorbei von der Provinz Diyala ins Zentrum der Hauptstadt gebracht.

Ab sofort dürfen deshalb die erwiesenermaßen wirkungslosen Handsprengstoffdetektoren vom Typ "ADE-651", die nach der US-Invasion einen Stückpreis von 55.000 Dollar (49.000 Euro) angeschafft wurden, nicht mehr verwendet werden. Stattdessen sollen so schnell wie möglich auf Lkws montierte Scanner des US-Herstellers Rapiscan beschafft werden.

Golfballfinder als Detektor

Der "ADE-651"-Detektor, der auch unter anderen Namen verkauft wird, ist eigentlich ein Golfballfinder. Unter der ursprünglichen Bezeichnung "Gopher" sind gebrauchte Geräte aus den 1990er-Jahren manchmal noch im Online-Auktionshaus Ebay zu finden, dort kostet ein Stück um die 20 Dollar.

Viel mehr ist das Gerät auch nicht wert, weil es laut Userbewertungen auf Amazon nicht einmal Golfbälle aufspüren kann. Laut BBC enthält der Kunststoffgriff keine elektronischen Bauteile, die mitgelieferten "Sprengstoff-Identifikationskarten" bestehen aus gewöhnlichem Papier.

Der Hersteller behauptet, zum Betrieb des Detektors reiche die elektrostatische Aufladung, die entsteht, wenn der Benutzer seine Füße über den Boden schleift.

Zehn Jahre wegen Betrugs

Der britische Geschäftsmann James MacCormick, der die Geräte an die irakische Regierung verkauft hatte, wurde im Mai 2013 wegen Betrugs zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt. Nichtsdestotrotz blieben die Geräte im Einsatz: der damalige Premierminister Nuri al-Maliki erklärte, das Gerät liefere prinzipiell gute Ergebnisse, das Problem sei lediglich, dass man auch gefälschte Sprengstoffdetektoren erworben habe.

Außer dem Irak erwarben auch die Regierungen Algeriens, Bangladeschs, Bahrains, Belgiens, Georgiens, Indiens, Irans, Kenias, des Libanon, Nigers, Pakistans, Katars, Rumäniens, Tunesiens, Saudi-Arabiens, Syriens, der Vereinigten Arabischen Emirate und Vietnams das wirkungslose Gerät.

Pakistan setzt auf "Khoji"

Während die meisten Länder die "Detektoren" mittlerweile aus dem Verkehr gezogen haben, werden sie in Pakistan weiterhin eingesetzt: "Sie dienen hauptsächlich zur Abschreckung", sagte ein hochrangiger Beamter des Innenministeriums Anfang August der Nachrichtenagentur AP, "es ist gut, wenn Polizei und Sicherheitspersonal etwas in der Hand halten können".

Die Pakistaner haben zahlreiche Geräte erworben, bevor sie 2009 selbst begonnen haben, sie selbst herzustellen. Seitdem wurden mehr als 15.000 Stück um je 700 Dollar (630 Euro) an staatliche Stellen und Sicherheitsfirmen verkauft, die damit die Zugänge von Hotels, Einkaufszentren und Flughäfen kontrollieren.

Laut einer Betriebsanleitung, die der Agentur AFP vorliegt, kann der pakistanische "Khoji" ("Finder") Sprengstoffe in einer Entfernung von bis zu 100 Metern aufspüren. Dazu verwendet er "Interferenzen zwischen dem Erdmagnetfeld, dem Gerät selbst, dem Sprengstoff und dem menschlichen Körper".

Anklage in Deutschland

Auch die deutsche Firma Unival verkaufte die wirkungslosen Detektoren: Seit Februar 2015 läuft deswegen ein Verfahren wegen gewerbsmäßigen Betrugs in 47 Fällen, berichtet der "General-Anzeiger". Bei Überprüfungen durch das Bundeskriminalamt und das Bundesamt für Materialforschung und -prüfung konnten die "Sniffex"-Geräte keine Sprengstoffe finden. (Bert Eder, 10.8.2016)

Link

Foreign Affairs: Iraq and the Big Swindle

  • Basra, 14. Juli: ein wirkungsloser Sprengstoffdetektor im Einsatz.
    foto: ap/nabil al-jurani

    Basra, 14. Juli: ein wirkungsloser Sprengstoffdetektor im Einsatz.

  • Islamabad, 1. August: Pakistanische Sicherheitsfirmen vertrauen weiterhin auf das Gerät.
    foto: apa/afp/aamir qureshi

    Islamabad, 1. August: Pakistanische Sicherheitsfirmen vertrauen weiterhin auf das Gerät.

  • Im Gegensatz zu wirkungslosen Wünschelruten haben sich neben speziell ausgebildeten Hunden auch Riesenhamsterratten bei der Sprengstoffsuche bewährt (DER STANDARD berichtete).
    foto: apa/afp/carl de souza

    Im Gegensatz zu wirkungslosen Wünschelruten haben sich neben speziell ausgebildeten Hunden auch Riesenhamsterratten bei der Sprengstoffsuche bewährt (DER STANDARD berichtete).

Share if you care.