Ärzte – Monetik wichtiger als Ethik

Kommentar der anderen9. August 2016, 17:23
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Warum sich die Zwei-Klassen-Medizin auch in Österreich durchzusetzen droht

In allen Gesundheitssystemen finden sich Erscheinungsformen von Zwei-Klassen-Medizin: Ordentliche und angemessene Versorgung gibt es nur für Patienten, die zusätzlich bezahlen. In Österreich ist dies bei Zuzahlungen für frühere OP-Termine, bei Wartezeiten für MR-Untersuchungen und auch bei der Versorgung im niedergelassenen Bereich zu finden. Die Motive der Patienten, in den für sie teureren, wahlärztlichen Bereich auszuweichen, sind klar. Sie erwarten sich für ihr Geld eine bessere Versorgung und bekommen diese auch. Dies betrifft kurze oder keine Wartezeiten, persönliche Zuwendung und auch die subjektiv erlebte medizinische Qualität. Es ist ein typisches Beispiel für Zwei-Klassen-Medizin: Diejenigen, die es sich leisten können und wollen, flüchten in den wahlärztlichen Bereich, und diejenigen, die sich das nicht leisten können, müssen im kassenärztlichen Bereich bleiben.

In Österreich ist es gelungen, diese Entwicklung kleinzuhalten, weil es einen Konsens gegeben hat, dass solche Entwicklungen abzulehnen sind. Die Ärztekammern scheren nunmehr aus und verteidigen vehement diese Form der Zwei-Klassen-Medizin. Dafür gibt es Gründe: Ärztekammerwahlen stehen vor der Tür. Die Zahl der Wahlärzte ist in den letzten Jahren stark gestiegen und liegt bereits weit über der Zahl der Vertragsärzte. Bei Wahlen eine Klientel, die man nicht verärgern will. Der wahlärztliche Bereich ist eine neue, lukrative Einkommensquelle, und diversen Präsidenten von Ärztekammern ist offenbar Monetik wichtiger als Ethik. Sozial schwache Patienten sind vernachlässigbare Nebensache.

Ein Armutszeugnis

Der ärztekammerliche Befund, dass für die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung Wahlärzte unbedingt notwendig sind, ist ein Armutszeugnis für das öffentliche System. Denn dies bedeutet, dass für die Patientenversorgung nunmehr schon die Zwei-Klassen-Medizin benötigt wird.

Im kassenärztlichen Bereich kracht es deutlich. Nicht nur Patienten verlassen das öffentliche System, auch junge Ärzte sind nicht mehr bereit, als Kassenärzte zu arbeiten, und werden Wahlärzte. Ich sehe aber auch, trotz dieser schlechten Rahmenbedingungen, viele engagierte Kassenärzte. Denen gebühren Lob, Anerkennung und angemessene Honorare.

Der Vorwurf geht an Kassen und Ärztekammern. Beide sind gleichermaßen verantwortlich, denn der kassenärztliche Bereich wird seit Jahrzehnten von diesen beiden Vertragspartnern (miss)gestaltet. Ein Vertrag kann nur dann wirksam werden, wenn es beide Vertragspartner wollen. Das ärztekammerliche Argument, wir würden ja gerne, aber wir können uns seit Jahrzehnten nicht gegen die Kassen durchsetzen, müsste ein sofortiger Rücktrittsgrund wegen mangelnder Effektivität sein.

Es gibt eine Antwort auf die Flucht der Patienten und Ärzte in die Zwei-Klassen-Medizin: ein neu aufgestellter niedergelassener Bereich im Sinne des Primärversorgungsmodells. Dieses nimmt die Interessen der Patienten wahr und wurde vor mehr als zwei Jahren im Konsens mit den Ärztekammern ausgearbeitet. Es wird allerdings nicht umgesetzt, weil die Ärztekammern nicht akzeptieren können, dass sich mittel- und langfristig die Einzelordinationen gegen multiprofessionelle Einrichtungen bewähren müssten. (Gerald Bachinger, 9.8.2016)

Gerald Bachinger ist Patienten- und Pflegeanwalt in Niederösterreich.

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