Meina Schellander: Geknicktes Gras, totes Laub

9. August 2016, 16:22
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"Metagras. Brechungen" – Werke aus drei Jahrzehnten in Villach

Villach – Zu den erst ansatzweise erkannten Schätzen der Kärntner Gegenwartskunst zählt die von Skulptur über Fotografie bis zu Grafik und Malerei reichende Arbeit der 1946 in Klagenfurt geborenen, seit langem hauptsächlich in Wien lebenden Meina Schellander. Dabei ist sie, seit sie am 15. September 1973 im Kärntner Krastal, der Heimstatt von Otto Eders längst Kunstgeschichte gewordenen Bildhauersymposien, einen gewaltigen Monolithen in den Himmel gehängt hat, wahrlich keine Unbekannte mehr.

Jetzt hat sich die Villacher Stadtgalerie Freihausgasse als erste öffentliche Institution ein Herz gefasst. Unter dem Titel Metagras. Brechungen wird den ganzen Sommer über eine repräsentative Auswahl von Werken gezeigt, die Meina Schellanders Schaffen über drei Jahrzehnte exemplarisch nachvollziehbar macht.

Ein bloßer Zufall ist es nicht, dass die Künstlerin, wenn sie durch die Ausstellung führt, beiläufig auf Adalbert Stifter zu sprechen kommt. Eine ganze Landschaft ist ihr zu viel. Ein kleiner Wiesenausschnitt mit geknicktem Gras, ein Flecken Boden mit totem Laub, das Segment eines Haferfelds oder ein Laufmeter von drei eng aneinanderliegenden gefällten Baumstämmen, alles in ästhetisch höchstwertigen Fotografien anwesend, genügt, um in der Künstlerin "innere Referenzen" auszulösen.

Schemata des Natürlichen

Diese ranken sich oben oder unten, links oder rechts, manchmal auch von allen Seiten um die Fotos. Große Zierleisten, im Untergrund oft in verschiedenfarbige Quadrate gerastert, darüber dunkle und helle Balken, buchstabenähnliche Zeichen einer existenziellen Geometrie. Vage sind sie deutbar als Schemata des Natürlichen, ihre poetische Kraft rührt aber vor allem daher, dass sie für den gewöhnlichen Betrachter ungefähr so auflösbar sind wie Erwin Schrödingers Formel der Raum-Zeit.

Auch das wirkt nicht wie ein Zufall. Unter den Formfindungen, die Meina Schellander aus ihren ausschnitthaften räumlichen Wirklichkeiten ableitet, dominiert das T. Und das bereits in einer Schaffensperiode, in der ihr noch gar nicht bewusst war, dass dieser Buchstabe in der Physik (tempus) das Sigel der Zeit ist. Anders, als die Physik es ausdrücken könnte, umfasst die Zeit hier allerdings die gesamte Lebenserfahrung. Omnipräsent ist die Vergänglichkeit, aber auch der Wille, alles sinnlose Aufbegehren mittels der eigens dafür entwickelten T-förmigen Walzen zu dämpfen.

Höhepunkt im Keller

Alle wichtigen Werkphasen sind in der Ausstellung mit den maßgeblichsten Arbeiten vertreten. Ein Höhepunkt erwartet den Besucher im untersten Kellergeschoß, wo die monumentale Rauminstallation Hemma von Gurk aus dem Jahr 1988 den Lebenskampf dieser adeligen Klostergründerin mit tiefster Einfühlsamkeit und höchster formaler Raffinesse versinnbildlicht. Ein Gipsmodell, das seiner Ausführung in beständigerem Material noch harrt.

Wie zart Meina Schellander auch arbeiten kann, dokumentiert im Erdgeschoß eine Serie von Vitrinenbildern, die so aktuell ist, dass sie sogar während der Ausstellung noch ergänzt werden soll: Vor Laubwaldfotografien spannen sich in Plexiglasgehäusen Schichten eines transparenten Seidenstoffs, durch die, mit der Nadel geführt, bunte Fäden das Spiel des Lichts wie in Spinnweben nachvollziehen. Schwerelos gezaubert, wie der Stein im Krastal. (Michael Cerha, 9.8.2016)

Bis 10. 9. Galerie Freihausgasse, Mi-Fr 9-13, 14-18 Uhr, Sa 9-15 Uhr, Eintritt frei.


  • Geometrien der Landschaft: "Hafer und Zeit Land Anteil" von Meina Schellander in der Galerie Freihausgasse in Villach.
    foto: meina schellander

    Geometrien der Landschaft: "Hafer und Zeit Land Anteil" von Meina Schellander in der Galerie Freihausgasse in Villach.

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