Libyen: An der etwas anderen Kriegsfront

10. August 2016, 05:30
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Die italienische NGO Emergency versorgt Kriegsopfer und ist meist dort tätig, wo sich sonst kaum einer hintraut

Misrata/Wien – Emanuel Nannini wirkt gehetzt, doch er nimmt sich Zeit für dieses Telefonat. Der Italiener befindet sich gerade im libyschen Misrata, einen Tag später geht es für ihn zurück in die Heimat. Nannini ist auf heikler Mission unterwegs: Er muss die Frage beantworten, ob sein Auftraggeber auch in der Küstenstadt wieder tätig sein will. Sein Auftraggeber, das ist die italienische NGO Emergency. Und ihre Aufgabe ist es, Kriegsopfer zu operieren – dort, wo sich fast keiner mehr hintraut.

Ruanda, Sudan, Afghanistan oder Irak, nun Libyen: Emergency ist immer dort, wo der Hut mächtig brennt. Der streitbare italienische Chirurg Gino Strada hat die Hilfsorganisation 1994 gegründet und dafür unter anderem den Right Livelihood Award, den alternativen Nobelpreis, erhalten.

Libyen, erzählt Nannini mit tiefer, sonorer Stimme, war bereits einmal Einsatzort von Emergency. Anfang 2011, als es im Zuge des Arabischen Frühlings zum Bürgerkrieg kam, entsendete man ein Team nach Misrata. Ende des Jahres, als der Konflikt zu Ende ging, zog das Hauptquartier in Mailand seine Mitarbeiter wieder ab.

Einladung von den libyschen Behörden

2014 aber brandete erneut ein Krieg in Libyen auf, diesmal zwischen verschiedenen Gruppierungen, die um die Macht im nordafrikanischen Land ringen. Das Chaos war perfekt, als auch noch die Terrormiliz "Islamischer Staat" mitmischte. "Wir wurden von mehrere Behörden eingeladen, ins Land zu kommen", sagt Nannini. Anfang 2015 lief die Hilfsmaschinerie von Emergency ein zweites Mal in Libyen an. Nannini, der mit seinen 35 Jahren schon reichlich Erfahrung in Afghanistan, im Irak und im Sudan aufweisen kann, wurde mit der Leitung dieser Mission betraut.

Am schwierigsten so Nannini, sei es stets, den richtigen Standort zu finden. Denn das wichtigste "ist die Sicherheit unserer Mitarbeiter". Gleichzeitig sollte man aber nicht zu weit von den Frontlinien entfernt sein. Hier geht es schließlich um Leben und Tod, es gilt den Transport der Kriegsopfer so kurz wie möglich zu gestalten.

Im Osten des Landes, in der Gemeinde Gernada, wurde man schließlich fündig. "Hier gibt es nur einen Clan, da ist es relativ sicher", erklärt Nannini, "kleine Ortschaften sind berechenbarer als große Städte". 150 Kilometer westlich liegt Bengasi, wo die Truppen von General Khalifa Haftar gegen den IS kämpfen. 90 Kilometer östlich hat in Derna ein Dachverband diverser islamistischer Gruppierungen mit Verbindungen zu Al-Kaida zunächst den IS vertrieben. Und nun kämpft man gegen Regierungstruppen.

Oberstes Prinzip Neutralität

Das alles darf aber keine Rolle spielen. "Das fundamentale Prinzip in der humanitären Hilfe ist Neutralität", sagt Nannini. Es muss also egal sein, von welcher Seite die Verletzten stammen, die in das von Emergency errichtete Spital in Gernada gebracht werden. Zwölf vorwiegend aus Europa stammende Mitarbeiter der NGO, vom Chirurgen bis zur Krankenschwester, versorgen die Kriegsopfer und schulen gleichzeitig 70 Libyer ein, damit sie die medizinische Versorgung einmal selbst übernehmen können.

Das wird vermutlich auch bald notwendig sein, denn nichts im Land deutet derzeit auf Besserung hin. "Die neue Regierung hat nicht den Rückhalt, um etwas zu ändern. Die Sicherheitsprobleme sind immens, Lebensmittelspenden erreichen selten die Empfänger, viele Städte haben nicht dauerhaft Strom", sagt Nannini.

Dass Emergency weitere Hilferufe ereilen, überrascht da nicht. "Die Führung von Misrata hat sich gemeldet, ob wir wieder etwas dort aufbauen können", sagt der Italiener. Die internationale Hilfe in Libyen ist überschaubar, vielen ist es dort einfach zu gefährlich. Nach kurzem Überlegen fällt Nannini nur noch die NGO Ärzte ohne Grenzen ein, die neben Emergency dauerhaft im Land tätig sind.

Jeder hat sein politisches Interesse

Es sind aber nicht nur Sicherheitsprobleme, die das Arbeiten in Libyen erschweren. "Hier ist das Problem, dass die politische Lage so unübersichtlich ist und internationales Engagement als auch lokale Behörden ihr politisches Interesse haben", erklärt Nannini. Deshalb sei besondere Vorsicht geboten, um nicht auf eine Seite gezogen zu werden.

Vier Tage hat Emanuele Nannini nun in Misrata verbracht. Die Truppen der Stadt kämpfen in der nahegelegenen IS-Hochburg Sirte gegen die Terrormiliz. Es gebe für Emergency also viel zu tun. Nannini wird im Hauptquartier Bericht erstatten: "Die Lage wäre grundsätzlich geeignet für uns." (Kim Son Hoang, 10.8.2016)

  • Anfang 2015 hat Emergency ein Spital im libyschen Gernada eröffnet.
    emergency

    Anfang 2015 hat Emergency ein Spital im libyschen Gernada eröffnet.

  • Zwölf internationale Mitarbeiter der italienischen NGO kümmern sich dort um Kriegsopfer.
    emergency

    Zwölf internationale Mitarbeiter der italienischen NGO kümmern sich dort um Kriegsopfer.

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