"Wir fühlen uns schuldig, weil wir den Kindern diese Welt antun"

Interview21. August 2016, 09:00
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Dass es um die Welt nicht zum Besten steht, wissen Eltern. Doch können sie diese Wahrheit ihren Kindern zumuten? Ja, sagt Psychiaterin Hemma Rössler-Schülein und erklärt, wie

STANDARD: Terror, Krieg, Verunsicherung: Wie kann man heute Kinder zu unbeschwerten Menschen erziehen, die mit offenem Visier durch die Welt gehen und trotzdem nicht naiv sind?

Hemma Rössler-Schülein: Diese Frage richtet sich an unsere Fähigkeit als Eltern. Wie können wir Sicherheit weitergeben und dabei mit veränderten Bedingungen zurechtkommen? Das setzt voraus, dass wir unsere eigenen Ängste und Fantasien kennen und mit ihnen umgehen können. Damit wir unsere Ängste nicht an den Kindern abarbeiten, müssen wir sie zuerst in uns bemerken und verarbeiten. Und wir sollten uns ernsthaft interessieren dafür, was in der Welt los ist. Wenn man Begriffe für komplizierte Zustände oder furchtbare Dinge findet, zähmt man sie in gewisser Weise, macht sie durch das Benennen beherrschbar.

STANDARD: Wenn sich mein Körper in Sorge krümmt, bringt es wenig, meinem Kind zu sagen: Hab keine Angst! Soll man Verunsicherung gegenüber seinen Kindern überhaupt verbergen?

Rössler-Schülein: Das ist ohnehin unmöglich – denn Angst drückt sich sehr stark mimisch aus. Und niemand kann unsere Mimik so gut lesen wie unsere Kinder – sie nehmen auch wahr, was wir nicht absichtlich ausdrücken. Das liegt daran, dass wir mit ihnen eine lange Geschichte des vorsprachlichen mimischen Austauschs haben, der mit der Geburt beginnt. Dabei lernen Kinder, die Gefühle der Eltern wahrzunehmen und ihre eigenen Gefühle darin zu spiegeln. Kinder merken, wenn Mutter und Vater irritiert sind. Es ist daher wichtig, dass Eltern ihre Angst nicht verleugnen, sondern benennen und damit eingrenzen. Man darf sagen: Ich bin ängstlich, hilflos oder verwirrt, weil da etwas passiert ist. Und wir sollten den Kindern ihre eigene Wahrnehmung einer Situation nicht absprechen.

STANDARD: Aus Kindersicht sind Eltern allerdings die mit den Antworten – und nicht die mit den Fragen.

Rössler-Schülein: Kinder haben gerne allwissende Eltern als Vorbild, aber sie halten auch Unsicherheiten und Enttäuschungen aus. Es ist in Ordnung, wenn Eltern keine Antwort haben oder unsicher sind. Viel empfindlicher reagieren Kinder auf Pseudosicherheiten und Lügen. Es kann für Kinder sogar förderlich sein, mitzuerleben, wie Eltern sich Antworten erarbeiten. Es kann aber schlimm für sie sein, wenn die Eltern über längere Zeit hinweg emotional abwesend sind und nicht mehr reagieren, weil sie im eigenen Kopfkino gefangen sind. Kinder können dann keine emotionale Verbindung zu den Eltern herstellen, leiden unter deren Teilnahmslosigkeit und reagieren in der Regel sehr stark.

Das ist der Zeitpunkt, wo man sich als Elternteil Hilfe suchen sollte – wenn man aus diesem lähmenden Gefühl längere Zeit nicht mehr herauskommt. Wenn ein äußerer Anlass einen Menschen tief und dauerhaft erschüttert, kann das ein Ausdruck dafür sein, dass seine Fähigkeit, mit Ängsten und Verunsicherungen zurechtzukommen, komplexer beeinträchtigt ist.

STANDARD: Die Generation der heute 70-Jährigen hatte es mit Eltern zu tun, die sehr oft emotional abwesend waren und meist viel autoritärer agierten als heutige Eltern ...

Rössler-Schülein: ... und viele sind daraus recht unbeschadet hervorgegangen, scheint es. Die Dinge sind aber komplizierter: Gerade diese Generation hat auch den sogenannten Psychoboom ausgelöst, weil sie erkannt hat, wie viel in ihrer Entwicklung problematisch war. Was heute als "Resilienz" diskutiert wird, also die Fähigkeit, auch mit sehr belastenden Situationen gut zurechtzukommen, hat jedenfalls viel mit den grundlegenden Beziehungserfahrungen zu tun, die ein Mensch in den ersten Lebensmonaten und Jahren gemacht hat.

Diese Phase bildet das entscheidende Fundament für unsere spätere Fähigkeit, mit Belastungen umzugehen. Auch die erlernte Fähigkeit, Dinge zu artikulieren und auszudrücken, spielt eine Rolle bei der Bewältigung belastender Lebensumstände und Traumata.

STANDARD: Ingeborg Bachmann hat gesagt: "Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar." Ab wann ist die Wahrheit über den Zustand der Welt Kindern zumutbar?

Rössler-Schülein: Es ist vor allem den Eltern zumutbar, dass es ihren Kindern manchmal schlecht geht, dass sie manchmal unglücklich sind. Das gehört zum Leben, auch wenn es schwer auszuhalten ist. Kinder sind manchmal verzweifelt, wütend und aggressiv, sie haben Lust daran, Dinge kaputtzumachen. Das muss man aushalten. Es ist wichtig, auch die destruktiven Kräfte bei Kindern wahrzunehmen und ihnen zu helfen, damit zurechtzukommen. Es ist den Eltern zumutbar, die Kinder an die Welt, wie sie ist, heranzuführen.

STANDARD: Wie können nun Eltern ihren Kindern schwierige Themen wie Terrorismus erklären, ohne ein simples Schwarz-Weiß-Schema zu bedienen?

Rössler-Schülein: Man sollte zunächst vor allem bei kleineren Kindern darauf achten, dass sie nicht mit belastenden Nachrichten und Bildern überflutet werden. Wenn sie außerhalb von zu Hause Dinge sehen oder hören, die sie belasten, sollte man sie darauf ansprechen und fragen: Was beschäftigt dich? Sobald Kinder aktiv Interesse an Themen zeigen, kann man ihnen erklären, was los ist. Man sollte ihnen auch möglichst bald vermitteln, dass Errungenschaften wie Demokratie, Meinungsfreiheit und Gerechtigkeit nicht vom Himmel fallen und für immer da sind, sondern dass man ständig neu dafür kämpfen muss.

STANDARD: Könnten Kinder das nicht als Aufforderung zur "Weltrettung" erleben, als eine Art Auftrag der Eltern, etwas zu reparieren, was sie gar nicht kaputtgemacht haben?

Rössler-Schülein: Das kommt darauf an, wie man es ihnen vermittelt. Ein latenter Auftrag wäre überfordernd. Wenn Eltern den Kindern aber vermitteln, dass man mit seinem Engagement für bestimmte Werte gut zurechtkommen kann, indem man sich zum Beispiel für Menschenreche engagiert, dann ist das ein produktiver Zugang, der Kinder nicht überfordert. Die Vorbildrolle der Eltern ist wichtig: wie sie selbst Werte wie Gerechtigkeit leben.

STANDARD: Lässt sich das gesteigerte Bedürfnis vieler Eltern, ihre Kinder zu beschützen, das heute gerne als "Helikoptern" ironisiert wird, damit erklären, dass sie die Welt als einen unsicheren und komplizierten Ort wahrnehmen, auf den sie keinen Einfluss zu haben glauben?

Rössler-Schülein: Für viele Eltern stellt sich im Laufe des Lebens die Frage: Was mute ich meinem Kind eigentlich zu, wenn die Welt nicht perfekt ist? Wir fühlen uns schuldig, weil wir den Kindern diese Welt antun. Besonders Mütter von Kleinkindern erleben dieses Schuldgefühl ganz unmittelbar und fragen sich: Was habe ich falsch gemacht? Man wünscht sich ein glückliches Kind in einer intakten Welt, man impft es, setzt ihm Helme auf, tut alles, um es abzusichern. Und dann gibt es so vieles, wovor wir unsere Kinder nicht bewahren können.

Das ist eine wesentliche Schleife des Elternseins, die wir immer wieder durchwandern. Wir können nicht verhindern, dass unsere Kinder in eine Welt kommen, auf die wir nicht den Einfluss haben, den wir gerne hätten.

STANDARD: Der Alltag in vielen Familien ist minutiös durchgeplant. Braucht es nicht unverplante Zeit, um mit seinen Kindern ins Gespräch zu kommen, damit sie Ängste artikulieren können?

Rössler-Schülein: Das wäre wichtig! Man sollte Räume finden, wo man Zeit miteinander verbringt, ohne Handys und Bildschirme. Es geht darum, dass man als Vater oder Mutter für die Kinder verfügbar und erreichbar ist und für sie Zeit hat, um ins Reden zu kommen. Vor allem Jugendliche sollten zu den Eltern kommen können, wann immer sie etwas beschäftigt. Jugendliche reagieren ja nicht auf Knopfdruck. Man muss ihnen das Gefühl geben, dass man da ist, wenn sie einen brauchen. (Lisa Mayr, 21.8.2016)

Dr. Hemma Rössler-Schülein ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalytikerin und seit 2016 Vorsitzende der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung (WPV). Sie ist in freier Praxis und am Ambulatorium der WPV tätig. Veröffentlichungen im Bereich der Psychotherapieforschung, der psychoanalytischen Klinik und Theoriebildung.

Link:

Wiener Psychoanalytische Vereinigung

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  • "Für viele Eltern stellt sich im Laufe des Lebens die Frage: Was mute ich meinem Kind eigentlich zu, wenn die Welt nicht perfekt ist?"
    foto: getty images/istockphoto/zlikovec

    "Für viele Eltern stellt sich im Laufe des Lebens die Frage: Was mute ich meinem Kind eigentlich zu, wenn die Welt nicht perfekt ist?"

  • Hemma Rössler-Schülein ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin und arbeitet als Psychoanalytikerin in Wien.
    foto: privat

    Hemma Rössler-Schülein ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin und arbeitet als Psychoanalytikerin in Wien.

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