Kurdische Vereine wehren sich gegen Angriffe

9. August 2016, 17:47
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Erst kürzlich drangen türkische Nationalisten in ein kurdisches Vereinslokal ein und zündeten Plakate an

Wien – Türkische Nationalisten drangen vor einigen Tagen mit antikurdischen Parolen in das Ernst-Kirchweger-Haus (EKH) ein, um ein Vereinslokal von ATiGF, einer Föderation der Arbeiter und Jugendlichen aus der Türkei in Österreich, zu stürmen. Die Eindringlinge irrten sich aber: Statt einer kurdischen Veranstaltung war eine serbische Feierlichkeit im Gange. Als der Irrtum aufflog, verließen die Angreifer das Haus, zündeten ATiGF-Plakate an und drohten wiederzukommen.

Das war ein Beispiel, das Can Tohumcu, ATiGF-Sprecher, am Dienstag als Beleg für die steigende Gewalt gegen kurdische Vereine schilderte. Er spricht von sieben bis acht Vorfällen in jüngster Zeit. Darunter fielen die Körperverletzung einer Teilnehmerin an der kurdischen Demonstration in Linz im Juni oder die Ausschreitungen gegen das kurdische Lokal "Türkis" in Wien.

Kurden fühlen sich von Polizei und Justiz im Stich gelassen

Die kurdischen Vereine, unter der Demokratischen Gemeinschaftsplattform Wien (DGB) zusammengefasst, wollen sich nun wehren. Sie fühlen sich gegen Angriffe nationaler Türken von der österreichischen Polizei und Justiz im Stich gelassen. Tohumcu fordert die Wiedereinführung des Rechtsextremismusberichts, um die Übergriffe zu dokumentieren.

Unterstützung erhalten die Vereine von der grünen Nationalratsabgeordneten Berivan Aslan. Sie sei selbst Angriffen aus dem rechten türkischen Lager ausgesetzt, sagt Aslan. Seit einem Jahr steige auch der Druck gegen ihre Person. Täglich sei sie mit Hasspostings konfrontiert. Auf der Homepage der Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) werde sie anonymisiert in einem Animationsfilm als Terrorunterstützerin bezeichnet.

Für EU-Beitrittsgespräche

Die kurdischen Vereine und Aslan stellten sich aber trotzdem gegen den Abbruch der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei. Zwar verurteilt sie die Anfeindungen der türkischen Regierungspartei AKP gegen Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) und Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) nach deren Türkei-kritischen Aussagen. Mit einem Verhandlungsstopp würde man aber die Minderheiten in der Türkei, die demokratischen Kräfte sowie ethnisch-religiöse Gruppen, im Stich lassen, sagt Aslan.

Seitenhiebe gegen türkische Liste

Das Antreten einer türkischen Liste von Turgay Taskiran hält Aslan für kontraproduktiv. Die Koalitionsbereitschaft Taskirans mit der FPÖ zerstöre die Integrationspolitik und trage weiterhin zur Spaltung in der türkischen Community bei.

Alaattin Sahan, Vorsitzender der demokratischen Gemeinschaftsplattform Wien (DGB), schätzt, dass von den 300.000 Menschen mit türkischen Migrationshintergrund in Österreich etwa 150.000 streng gläubig und nationalistisch seien. Ihnen stehen 150.000 moderne, säkulare Personen gegenüber. (Gerhard Eichholzer, 9.8.2016)

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