Vom Würfeln und einer gerechten Gesellschaftsordnung

Userkommentar10. August 2016, 11:02
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Ein philosophisches Gedankenexperiment

Warum sind Sie Sie und niemand anderer? Hätte es nicht genauso gut sein können, dass Sie als Ihr Nachbar zur Welt gekommen wären? Oder dass Sie als englischer Lord des 17. Jahrhunderts Ihr Leben genossen hätten? Sie nehmen den Würfel in die Hand und beginnen das Experiment.

Sie würfeln … eine 5

Ein heiseres Röcheln. Kaum zu vernehmen. Es dauert einen Moment, bis Sie bemerken, dass diese kläglichen Laute von Ihnen selbst kommen. Schock. Wo sind Sie? Es ist stockdunkel und unerträglich heiß hier. Ihr Rücken schmerzt, Sie wollen aufstehen. Es geht nicht. Sie sind angekettet. Der Boden schwankt.

Wenige Stunden später wird man Ihnen und den unzähligen Leidensgenossen, die sich links, rechts, über und unter Ihnen befinden, auf einer Leier etwas vorspielen. Das diene zu Ihrer Beruhigung, wird man Ihnen sagen. Dadurch vergäßen Sie ganz plötzlich den Seelenschmerz, den Sie gerade hätten, weil Sie Ihre Heimat verlassen mussten. Ganz seltsam eigentlich. Dabei müssten Sie doch froh sein, dass Sie auf den Plantagen in den amerikanischen Kolonien bessere Lebensbedingungen vorfinden würden als in Ihrer von Faulheit und Lastern geprägten Heimat. Da Sie zum Christentum bekehrt werden würden, hätten Sie auch noch das Glück, dass man Ihnen die Möglichkeit böte, Ihre Seele zu retten. Dankbarkeit sei wahrlich eine Tugend, die Sie nicht besitzen würden, wird man Ihnen erklären.1

Besser nochmal würfeln. Eine 2

Schweren Herzens bleiben Sie stehen und lassen Ihre Traumfrau ziehen. Als diese langsam aus Ihrem Sichtfeld zu schwinden beginnt, können Sie die Tränen nicht mehr unterdrücken. Warum nur konnte sie nicht bei Ihnen bleiben? Es war doch alles so perfekt gewesen! Sie wischen die Tränen aus Ihren Augen.

Andererseits können Sie ihr auch nicht wirklich böse sein. Durch die Heirat mit dem corregidor hat sie die einmalige Gelegenheit, in der sozialen Hierarchie nach oben zu steigen. Und der corregidor gehörte als gebürtiger Spanier natürlich zur höchsten Gesellschaftsschicht und hatte kraft seines Amtes sogar die rechtsprechende Gewalt, hier, im Verwaltungsbezirk San Cristóbal in Medellín, inne.

Nein, verübeln können Sie ihr die Entscheidung wahrlich nicht. Und dennoch: Was für eine ungerechte Welt! Durch die Adern Ihrer Verlobten rann doch wesentlich mehr indigenes Blut als durch Ihre! Das erkannte doch jeder schon von weitem! Und Sie waren es doch, der die spanischen Werte und Verhaltensweisen im Laufe der Zeit viel gründlicher verinnerlicht hatte! Und überhaupt: Wie war es möglich, dass man die Menschen gemäß ihrer limpieza de sangre (Reinheit des Blutes) in verschiedene Klassen einteilte und dieses von Gott gegebene unumstößliche Prinzip dann ausgerechnet bei Ihrer Verlobten aufhob?2

Die neue Augenzahl weist drei schwarze Punkte auf

Sie stoßen einen langgezogenen Seufzer aus, greifen nach Ihrem Drink und nehmen einen großen Schluck. Sie schließen die Augen. Als Sie sie wieder öffnen, flimmern noch immer Bilder von euphorischen Menschenmassen über den Bildschirm. Es sind meist eher ältere Menschen weißer Hautfarbe3, die "Make America great again"-Schilder in ihren Händen halten.4 Für viele dieser Menschen waren Sie und Ihre Familie Teil der Ursache der Krise, die ihr Heimatland gerade durchmachte.

Sie betrachten sich im Spiegel hinter der Bar. Wie ein Terrorist sahen Sie nicht aus. Die Gruppe junger Männer, die Sie gestern auf dem Nachhauseweg beschimpft und bespuckt haben, sah das allerdings anders. Diese riefen Ihnen nach, dass Sie doch gefälligst dorthin zurückkehren sollten, wo Sie hergekommen waren. Dabei lebten Sie doch schon länger hier als jeder einzelne dieser halbstarken Pseudopatrioten!

Und eigentlich traurig, dass sich gewisse Rechtfertigungen Ihrerseits allmählich zu automatisieren begannen: Wie aus der Pistole geschossen hatten Sie gestern geantwortet, dass doch bereits Ihr Großvater Khaleb im Vietnamkrieg für die USA gekämpft hatte.5 Ihre Widersacher hatte dies allerdings nicht im Geringsten interessiert.

Irgendwie kein Glück heute. Nun eine 6. Mal sehen …

Sie finden sich auf einer hölzernen Bank in einem großen Saal wieder. Offensichtlich ein Hörsaal einer Universität. Sie blicken sich um und sehen gleich links neben sich einen Menschen schwarzer Hautfarbe und mit Rastazöpfen sitzen. Sie tippen ihm auf die Schulter und fragen: "Hey, wie heißt denn die Lehrveranstaltung?" Ihr Banknachbar schaut einen Moment leicht verdutzt, antwortet aber sogleich im Dialekt: "Hearst, wos is los mit dir? In Politische Philosophie samma." Dann schüttelt er lachend den Kopf.

"Wenn Sie bitte so freundlich wären und die Gespräche in den hinteren Reihen einstellen könnten! Ich würde gerne weitermachen. Danke!" schallt es plötzlich von vorne. Erst jetzt bemerken Sie den Vortragenden, der sogleich fortfährt: "Ich möchte nun auf den US-amerikanischen Philosophen John Rawls eingehen, der in seinem 1971 erschienenen Werk 'A Theory of Justice'6 versucht hatte, das seit jeher bestehende Problem einer gerechten Verteilung von Gütern in der Gesellschaft zu lösen, indem er die Idee des Gesellschaftsvertrags aufgriff.

Hierzu führte er folgendes Gedankenexperiment durch: Stellen Sie sich bitte vor, die Menschheit befindet sich in einem hypothetischen 'Urzustand'. Sie als Teil dieser Menschheit sollen nun mit allen anderen Menschen über allgemein verbindliche Gerechtigkeitsprinzipien entscheiden, die die Spielregeln der realen Gesellschaftsordnung festlegen sollen.

Einziges Problem: Der 'Urzustand' ist gekennzeichnet durch einen 'Schleier des Nichtwissens'. Sie und alle anderen Vertragspartner wissen rein gar nichts über die gesellschaftliche und ökonomische Stellung, Klassen- und Religionszugehörigkeit, Geschlecht, Hautfarbe, Intelligenz, Stärken und Schwächen oder sonstige Charakteristika, die Sie in der zukünftigen Welt haben könnten.

Auf welche Art und Weise würden Sie nun die Spielregeln der Welt vereinbaren, in der Sie morgen leben würden? Zu welchem Ergebnis würden Sie und die anderen Vertragspartner wohl kommen?"

Die Hand Ihres Banknachbarn schnellt in die Höhe: "Klarerweise hätte jeder ein Interesse daran, dass die Regeln in einem fairen Verfahren aufgestellt werden würden und dass bei den Verhandlungen alle Gehör fänden. Jeder hätte schließlich die begründete Angst, am nächsten Tag womöglich als Sklave aufzuwachen."

"Exakt. In Rawls Naturzustand würden wir alle eine Gesellschaft wählen, die das persönliche Risiko minimiert. In Unkenntnis der Charakteristika, durch die uns ein bestimmter Platz in der Gesellschaft zugewiesen wird, sähe sich jeder dazu gezwungen, möglichst faire Verhandlungen zu führen, mit denen im Endergebnis auch jeder gut leben könnte."

Sie beginnen abzuschweifen, greifen mit Ihrer linken Hand in die Hosentasche, holen den kleinen Holzwürfel heraus, dessen Augenzahlen man schon fast nicht mehr erkennen kann, ertasten mit Ihren Fingerkuppen seine Oberfläche. Sie betrachten ihn nachdenklich. Dann stecken Sie ihn wieder zurück in Ihre Tasche. (Peter Enzenhofer, 10.8.2016)

Peter Enzenhofer (23) studiert an der Universität Wien Geschichte, Romanistik und Politikwissenschaft.

Quellen

1 Die Schilderung beruht auf der Darstellung zweier Enzyklopädien-Artikel des 18. Jahrhunderts. Sowohl der deutschsprachige als auch der französischsprachige Artikel enthalten die hier geschilderten Charakteristika. Nigritien, in: Johann Heinrich Zedler, Grosses vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste […], Bd. 24, Leipzig/Halle 1740, Sp. 887–891, hier: Sp. 889, in: Bayerische Staatsbibliothek, Online-Angebot www.zedler-lexikon.de, (27.7.2016). Sowie: Negres, (Commerce), in: Denis Diderot – Louis de Jaucourt (Hgg.), Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, Bd. 11, Neuchâtel 1765,79–80. In: The ARTFL Project, Department of Romance Languages and Literatures, University of Chicago, (27.7.2016).

2 Kevin Terraciano, Indigenous Peoples in Colonial Spanish American Society, in: Thomas H. Holloway (Hg.), A Companion to Latin American History, Malden (MA, USA)/Oxford/Carlton (Victoria, Australien) 2008, 124–145, hier: 125–139.

3 Sebastian Gierke, Wer wirklich Trump wählt, in: "Süddeutsche Zeitung", (27.7.2016).

4 Andrew Buncombe, Donald Trump vows to make America great again – but when exactly was that?, in: "The Independent" (27.7.2016).

5 Marc Pitzke, Hass, Gewalt und Donald Trump: Unter Amerikas Muslimen geht die Angst um, in: "Spiegel online" (27.7.2016).

6 John Rawls, A Theory of Justice, Cambridge (MA, USA) 1971.


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  • Nehmen Sie den Würfel in die Hand und beginnen das Experiment.
    foto: apa/roland weihrauch

    Nehmen Sie den Würfel in die Hand und beginnen das Experiment.

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