Julia Jefimowa: Alle gegen eine

9. August 2016, 11:27
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Die russische Dopingsünderin gewann Silber über 100 m Brust, Gratulationen gab es kaum – Phelps: "Gegen alle Werte"

Rio de Janeiro – In den Hochzeiten moralistischer Rechthaberei – und dass wir in solchen leben, lässt sich schwer nur bestreiten – regiert die schnoddrige Unbarmherzigkeit, die sich in einem Verhalten Luft verschafft, das gemeinhin auch Mobbing genannt wird.

Sehr anschaulich wurde das bei den Medaillengewinnen der überführten Dopingsünder Julia Jefimowa aus Russland und Sun Yang aus China. Jefimowa holte Silber über 100 Meter Brust, Sun Yang Gold über 200 und Silber über 400 Meter Freistil. Und dem Allzeitbesten Michael Phelps aus den USA "bricht das Herz, ich wünsche mir, dass jemand was dagegen tut. Es zerstört alles, wofür der Sport steht, das regt mich total auf."

Sauber, der Sport

Vor allem die Szenen rund um das Frauen-Finale über 100 m Brust werden noch lange in Erinnerung bleiben. Die frisch gekürte Olympiasiegerin Lilly King aus den USA verweigerte der Russin Jefimowa, die trotz ihrer früheren Dopingsperre das Startrecht erhalten hatte, bei der Siegerehrung die Gratulation. King scheute sich auch nicht, ihre Goldene als eine "für den sauberen Sport" zu interpretieren. Und Landsfrau Katie Meili, die Bronze gewann, tat es ihr gleich.

Das zeigte Wirkung. Das Publikum pfiff und buhte Weltmeisterin Jefimowa aus. Der Druck wurde für Jefimowa schließlich zu groß. Die Russin, die in Kalifornien lebt und trainiert, brach beim Gang durch die Interviewzone und in der Pressekonferenz immer wieder in Tränen aus. "Es ist enttäuschend, wenn sich die Politik in den Sport einmischt", sagte sie, "für gewöhnlich hören alle Kriege bei Olympia auf, doch sie haben einen Weg gefunden, um Russland zu schlagen und die Athleten zu benutzen. Das ist so unfair."

Jefimowa, vielleicht sollte man sich das hin und wieder vor Augen halten, ist 24 Jahre alt. Geboren wurde sie 1992. In Grosny. Die Goldene King ist 19. Keiti Meili war im April 25.

"Sun Yang pinkelt lila"

Mit nicht minder unerbittlichem Reinhaltegestus kommentierte der Goldene über die 400 Meter Freistil, der Australier Mack Horton, die Silberne des auch einmal des Dopings überführten Chinesen. Horton bezeichnete Sun Yang (24) nur als "den Typ, der positiv getestet wurde". 2014 war das, drei Monate hat man ihn gesperrt. Der Franzose Camille Lacourt (31) ätzte: "Sun Yang pinkelt lila. Wenn ich das 200-m-Freistil-Podium sehe, will ich mich übergeben."

Über diese Distanz hatte Sun Yang am späten Montagabend gerade seinen dritten Olympiasieg gefeiert. Silber holte der Südafrikaner Chad le Clos, Bronze der US-Amerikaner Conor Dwyer.

Der deutsche Weltrekordler Paul Biedermann, der Sechster wurde, versuchte – recht vergeblich – abzuwiegeln. "Es ist nicht der Athlet, der daran schuld ist, sondern das System."

Sun Yang war 2014 bei den chinesischen Meisterschaften positiv auf das Stimulans Trimetazidin getestet worden und musste eine Drei-Monate-Sperre absitzen. Bei Jefimowa wurde 2013 ein Steroidnachweis mit einer 16-monatigen Sperre geahndet.

Vom Weltverband Fina war sie von den Spielen ursprünglich ausgeschlossen worden, allerdings kippte der Internationale Sportgerichtshof CAS die Regel drei des IOC-Strafenkatalogs gegen Russland wegen des staatlich gelenkten Dopingsystems.

Das Mobbing funktioniert auch in die andere Richtung. Die russische Weitspringerin Darja Klischina, die mit einem australischen Coach in Florida trainiert, ist anstandslos zugelassen worden, weil sie als einzige russische Leichtathletin nachweisen konnte, von internationalen Anti-Doping-Organisationen getestet worden zu sein.

Klischina fand kein offizielles Wort des Bedauerns für ihre russischen Teamkameraden, die zu Hause bleiben mussten. Und schon braute der Unmut sich kremlabwärts zusammen zu einem veritablen Shitstorm. (sid, red, 9.8.2016)

  • Ein tränenreicher Tag für Julija Jefimowa.
    foto: apa/afp/andersen

    Ein tränenreicher Tag für Julija Jefimowa.

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