"Bürgermeister ist der schönste Job auf der Welt"

9. August 2016, 05:30
108 Postings

Der Harter Bürgermeister Jakob Frey zerstörte mit einer Bürgerliste die rote Vorherrschaft in der "Speckgürtel"-Gemeinde. Ortsbewohner malen jetzt die Schulen selbst aus und jäten die Grünanlagen, um mitzuhelfen, die Gemeinde vor der Pleite zu bewahren

Hart – Und plötzlich war er Bürgermeister. Niemals hatte er daran gedacht, in die Kommunalpolitik zu gehen. Aber was blieb ihm auch schon anderes übrig? Seine Bürgerliste, die er mit Freunden vor den Gemeinderatswahlen 2015 gegründet hatte, war dermaßen erfolgreich, dass es praktisch zur Bürgerpflicht wurde, ins Bürgermeisteramt einzuziehen. Zuerst Schauspielstudium am Mozarteum, dann Marketingstudium in Graz, Unternehmer, und seit April des Vorjahres ist Jakob Frey nun Ortschef der Umlandgemeinde Hart bei Graz.

Eigentlich hätte das alles in Hart gar nie passieren dürfen, theoretisch zumindest. Die Umlandgemeinde saß all die Jahre gemütlich im Speckgürtel der Landeshauptstadt. Hier hatten sich Topunternehmen angesiedelt, die Einnahmen sprudelten, und der rote Bürgermeister schöpfte aus dem Vollen: ein neues Gemeindeamt, so groß, dass es auch für eine Stadt reichen würde, ein Fußballstadion wie für die Profis, zwei Eishallen und sonst noch alles, was so landläufig unter "reicher Gemeinde" läuft.

Rotes Ortskaisertum

In der Regel liegen die Wähler dem Bürgermeister für all die guten Taten dankbar zu Füßen. Ganz offensichtlich aber bekamen die roten Größen im Ort Anflüge von Allmacht, und bald hatten nur noch wenige Zutritt ins rote Ortskaiserregime. "Wir haben null Infos bekommen", erinnert sich der heutige Bürgermeister Frey, "wir sind papierlt worden, wenn wir zum Beispiel wegen großer Bauprojekte nachgefragt haben. Es wurde uns auch gedroht, wenn wir kritisch hinterfragt haben." Frey: "Wenn du allmächtig wirst wie die SPÖ, verlierst du halt die Bodenhaftung und glaubst, du bist wer."

Es kam, wie es kommen musste: Frey gründete mit Freunden eine Bürgerinitiative, der Bürgermeister lächelte, nahm die Sache nicht ernst. Es wurde daraus eine Bürgerliste, der Bürgermeister schmunzelte mit seinen 62 Prozent weiterhin milde, und der Rest steht im Wahllandesarchiv: Die SPÖ verlor die Hälfte ihrer Stimmen und musste Freys Truppe Platz machen.

Korruptionsstaatsanwaltschaft prüft

Freys erste Gesprächspartner waren der Rechnungshof und die Korruptionsstaatsanwaltschaft, die nun überprüfen wollen, wie es passieren konnte, dass aus der superreichen Stadt plötzlich ein Sanierungsfall, eine Pleitegemeinde werden konnte. Es war in Summe "ein Wahnsinn, was wir vorfanden", sagt Frey. Finanziell war der Ort am Ende, hochverschuldet und nur noch mit Landeshilfe am Leben gehalten. Frey animierte die Gemeindebürger, die Volksschule und den Kindergarten selbst zu renovieren oder in den Grünanlagen zu jäten, um so mitzuhelfen, das Defizit zu reduzieren. Mit Erfolg. Auch die Hunderten von Sparmaßnahmen zeigen bereits Wirkung, 2016 dreht die Gemeinde erstmals wieder operativ ins Plus.

"Führerschein für Politiker"

Auch jetzt noch, nachdem er mehr als ein Jahr als Bürgermeister hinter sich habe, mache ihn das Amt noch immer "demütig". Ein Bürgermeister sei eigentlich "unglaublich mächtig", könne folgenreiche Entscheidungen treffen, daher sei es für ihn "eigentlich ein Verbrechen, dass es kein Ausbildungsprogramm, keinen Führerschein für Politiker, für Bürgermeister gebe. Ich habe jedes Gesetz gelesen, hab geschaut, dass ich es so schnell wie möglich schaffe, mir alles, was ich für das Amt brauche, anzueignen".

"Aber ich muss sagen", überlegt Frey, "Bürgermeister zu sein ist ein Traumjob. Wo sonst hast du so eine Chance, für deine unmittelbare Umgebung etwas zum Positiven zu verändern. Wenn du ein bissl eine Weltverbesserungsidee in dir hast, musst du erkennen: Bürgermeister ist der schönste Job der Welt. Aber du musst frei sein. Wenn du als Bürgermeister verpflichtet bist, dich nach irgendwelcher Parteiräson zu orientieren, dann kannst' keine Gemeindepolitik machen. Dort hat Parteipolitik nichts verloren". (Walter Müller, 9.8.2016)

  • Der Unternehmer Jakob Frey gibt seit dem Vorjahr den parteifreien Bürgermeister der 4.500-Einwohner-Gemeinde Hart bei Graz. Seinen Betrieb führt er jetzt – verstärkt durch Mitarbeiter – "in der Freizeit".
    foto: der plankenauer

    Der Unternehmer Jakob Frey gibt seit dem Vorjahr den parteifreien Bürgermeister der 4.500-Einwohner-Gemeinde Hart bei Graz. Seinen Betrieb führt er jetzt – verstärkt durch Mitarbeiter – "in der Freizeit".

Share if you care.