"Datenschleudern": Der hohe Preis der Rabattkarten

9. August 2016, 09:00
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Konsumentenschützer warnen vor sorglosem Umgang mit persönlichen Daten beim Shoppen

Wien – Mehr als 75 Prozent der Österreicher zücken sie regelmäßig. Sie locken mit Rabatten, Boni wie Sammelpunkten und geben dafür Einblick in Lebens- und Einkaufsgewohnheiten. Wer sich nicht die Geldbörse verstopfen lassen will – jeder Kunde hortet im Schnitt gut fünf an der Zahl –, holt sie sich aufs Smartphone. Und öffnet damit die Tür für Bewegungsprofile.

Millionen Plastikkarten schwirren durch den Einzelhandel. Um den Preis persönlicher Daten, von Name, Adresse, Geburtsdatum bis zu Familienstand, Haushaltsgröße und Vorlieben, winken Nachlässe und Prämien. Unternehmen loben die Möglichkeit der gezielten Werbung und Kundenbindung. Wobei kaum einer vergisst, den sorgsamen Umgang mit sensiblen Informationen der Kunden zu betonen.

Vor unkontrollierbaren Datenschleudern hingegen warnen die Konsumentenschützer: Der Profiteur der Bonuskarten sei weniger der Kunde als der Händler.

Kritik von Kommissarin

Frischen Wind in die stete Debatte bringt nun Margrethe Vestager. 2014 trat die Dänin ihren Job als EU-Wettbewerbskommissarin in Brüssel an und scheute sich dabei nicht, Konzernen wie Amazon und Google gehörig auf die Zehen zu steigen. Nun hält sie auch mit ihrer Kritik an den Gepflogenheiten stationärer Händler nicht hinterm Berg. Persönliche Daten der Kunden seien viel mehr wert, als der Handel in Form von Rabatten zurückgebe, sagte sie der "Stuttgarter Zeitung". Sie selbst habe für sich alle Kundenkarten abgeschafft: Es gehe ihren Supermarkt nichts an, was sie wann wo einkaufe.

Bei Rewe versteht man die Aufregung nicht. Der Konzern verwaltet in Österreich allein für Billa gut vier Millionen Kundenkarten. Für Bipa sind es mehr als drei Millionen. Zwei Drittel der Kunden kaufen über sie ein, das Rabattmodell werde sehr gut angenommen, sagt Rewe-Sprecherin Ines Schurin.

Rewe werte Daten nicht einzeln aus – das sei schon aufgrund des enormen Aufwands nicht möglich – und verknüpfe sie nicht mit anderen Vertriebstypen. Der Verkauf oder die Weitergabe derselben sei ebenso ausgeschlossen. Der rechtliche Rahmen sei klar und streng.

Datenschleuder Onlinehandel

"Wir wollen Kunden nicht ausforschen, sondern an uns binden, das Angebot an ihre Bedürfnisse anpassen", sagt auch Thomas Saliger, Sprecher der Möbelgruppe Lutz, die mehr als zwei Millionen Kundendaten verwaltet. Wer sich für Bettwäsche interessiere, solle nicht mit Kochtopfwerbung belangt werden. Letztlich sieht Saliger die eigentliche Datenproblematik im Onlinehandel – bei Spuren, die man im Web hinterlasse.

Neben Lebensmittelketten, Drogerien und Einrichtungshändlern pflegen Baumärkte, Sportartikel- und Buchhändler das Spiel mit den Karten. Enthaltsam ist Spar: Zum einen sehe man die Herausgabe persönlicher Daten kritisch, sagt Sprecherin Nicole Berkmann. Zum anderen zahle es sich nicht aus, täglich eine Million Zahlungen auszuwerten. Branchenkollegen bezweifeln zudem, dass Kundenkarten abgesehen von Marktforschung mehr Umsatz bringen.

Schwieriger Preisvergleich

Gabriele Zgubic, Leiterin der Abteilung Konsumentenpolitik in der Arbeiterkammer, glaubt nicht, dass erhobene Daten nur in groben Rastern analysiert werden. "Mittlerweile findet man im Heuhaufen auch eine Nadel." Wie die Daten verwendet würden, entziehe sich jeder Kontrollmöglichkeit. "Das ist der große Pferdefuß dabei."

Wer Kundenkarten regelmäßig nutze, werde transparent, ist Zgubic überzeugt. Ob die Vorteile dafürstünden, müsse jeder für sich selbst entscheiden. Und sich dabei bewusst sein, dass Rabattsysteme zu Intransparenz führten und Preisvergleiche erschwerten.

Auch Walter Hager vom Verein für Konsumenteninformation (VKI) warnt vor sorglosem Umgang mit der Privatsphäre beim Shoppen. "Daten sind unglaublich viel wert. Natürlich dürfen sie verkauft werden. Und natürlich gibt regen Austausch. Wo Daten sind, werden sie auch verwendet."

Wer Kundenverhalten durchleuchtet, kann nicht nur Angebote, sondern auch Preise personalisieren. In Österreich fand Zgubic bisher noch keine Hinweise darauf. "Aber früher oder später steht das Thema vor der Tür." (Verena Kainrath, 9.8.2016)

  • Der anonyme Konsument war einmal. Umfangreiche Kundenprofile erlauben Einblicke, wer was wann wo einkauft.
    foto: dpa / oliver berg

    Der anonyme Konsument war einmal. Umfangreiche Kundenprofile erlauben Einblicke, wer was wann wo einkauft.

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