Worauf Brasilien wirklich scharf ist

8. August 2016, 17:32
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Im Nationalsport Volleyball, Abteilung Halle, zählt für Brasilien bei Männern wie Frauen nur Gold. Das Maracanãzinho, die Halle neben dem Fußballstadion, steht jedenfalls kopf

Das Flugzeug, die Schreibmaschine, der Roboter zum Auffinden von Petroleum in tiefem Wasser – und jetzt haben die Brasilianer schon wieder etwas erfunden. Die Handy-Flashlight-Welle. Sie geht so: Handys zücken, Blitzlicht (oder Taschenlampen-App) einschalten und, eh klar, die Welle machen. Also Hände mit Handys in die Höhe, immer schön einer nach dem anderen, sodass es am Ende ringsum wirklich nach einer Wellenbewegung aussieht. "La Ola" hieß das 1986 bei der Fußball-WM in Mexiko, da gab's noch keine Mobiltelefone.

Für die Handy-Flashlight-Welle findet sich garantiert noch ein besserer Name. Aber vielleicht wird man dereinst sagen, dass sie in Rio de Janeiro ihren Ursprung nahm – im Maracanãzinho. Das ist die Sporthalle neben dem berühmtesten Fußballstadion der Welt, dem Maracanã, hier finden die olympischen Volleyballspiele statt, hier geht es um die brasilianische Ehre. "Frag den Erstbesten", hat Peter "Mr. Volleyball" Kleinmann dem Standard gesagt, "was der wichtigste Bewerb bei Olympia ist. Er wird Volleyball sagen, nicht Fußball." Der Standard hat also den Erstbesten gefragt, es war – no na – ein Taxifahrer: "Fußball", sagte der Taxifahrer, "und Volleyball." Immerhin.

Das Maracanãzinho ist bis auf den letzten der 10.000 Plätze gefüllt, als Brasiliens Volleyballer ins Turnier starten. Von der Decke hängen vier große LED-Bildschirme, die einen großen Würfel bilden, und acht große Lautsprecher, die für großen Wirbel sorgen. Auf den Bildschirmen sieht man Wiederholungen von Spielszenen, außerdem den Spielstand, die Uhrzeit und Statistiken. Aus den Lautsprechern kommen die üblichen Stimmungsmacher von den Beastie Boys und Queen.

Mexiko zum Auftakt, was will man mehr? Die Mexikaner sind Nummer 22 der Weltrangliste und zum ersten Mal seit 1968, als sie Gastgeber waren, olympisch vertreten. Brasilien ist die Nummer 1, war zweimal Olympiasieger (1992, 2004) und dreimal Weltmeister. Doch zu Beginn tun sich die Hausherren schwer. Mexiko spielt einen Satz lang wie aus einem Guss. Der Aufspieler mit dem schönen Namen Pedro Rangel findet immer wieder den Angreifer Daniel Vargas, und gegen den finden die Brasilianer kein Mittel. So geht der erste Durchgang 25:23 an den Außenseiter – große Überraschung.

Skepsis verflogen

Ganz witzig ist, dass Peter Kleinmann zwar nach Rio flog, aber das brasilianische Auftaktspiel versäumt. Immerhin mit gutem Grund. Der Präsident des österreichischen Verbands darf quasi synchron bekanntgeben, dass Wien den Zuschlag für die Beachvolleyball-WM 2017 erhielt. Copacagrana statt Copacabana. Kleinmann, den Wien-Tourismusdirektor Norbert Kettner nach Rio begleitete, ist klarerweise hocherfreut. Vor vielen Jahren, als Beachvolleyball langsam aufgekommen ist, stand er der seinerzeit vielzitierten Sandkiste leicht skeptisch gegenüber, die Skepsis ist längst verflogen. "Beach und Halle können wunderbar nebeneinander existieren."

Wenn Kleinmann über Brasilien spricht, sprudelt es wie selten aus ihm heraus. Das Land ist volleyballverrückt", sagt er dem Standard des Abends im Österreich-Haus, "was Skifahren für uns ist, ist Volleyball für Brasilien. Volleyball ist ein Teil der brasilianischen Seele." Brasilien habe das Ziel, in Rio vier Olympiatitel zu holen, zwei in der Halle, zwei am Beach. Was die Halle angeht, mag es eine Hilfe sein, dass der Brasilianer Ary Graça als Präsident des Weltverbands (FIVB) fungiert. Das Europa-Kontingent im olympischen Zwölferfeld wurde von sechs auf vier Teams reduziert, macht zwei starke Brasilien-Gegner weniger.

Im Maracanãzinho können die Mexikaner nach dem besten Satz, den sie vielleicht je gespielt haben, das Niveau nicht halten. Die Brasilianer drehen das Spiel. Die Stimme des Hallensprechers überschlägt sich, wenn Superstar Lucarelli zum Abschluss kommt. Und bei unerreichbaren, mit bis zu 110 km/h gedroschenen Aufschlägen tönt "Can't touch this" von der Hallendecke.

Kaum Legionäre

Wie die meisten seiner Kollegen spielt Lucarelli in Brasilien. Nur wenige Teamspieler verdienen im Ausland ihr Geld, Lucas und Bruno wurden zuletzt mit Modena italienischer Meister. Bruno ist der Sohn von Teamchef Bernardo Rocha de Rezende (56). Dieser, besser bekannt unter Bernardinho, gilt als erfolgreichster Coach der Volleyballgeschichte. Seit 2001 betreut er das Männerteam, das in dieser Zeit einmal Olympiasieger (2004) und zweimal Olympiazweiter sowie dreimal Weltmeister war. Zuvor hatte er Brasiliens Frauen gecoacht und mit ihnen zweimal Olympiabronze geholt. Die Volleyballerinnen sind ebenso populär wie die Volleyballer, sie streben den dritten Olympiasieg en suite an.

Auch den Männern ist viel zuzutrauen. In London 2012 haben die Brasilianer das Finale gegen Russland vergeigt. "Heuer müssen sie den Titel holen", sagt Kleinmann. "Sonst kriegt Bernardinho ein Problem." Gut, kürzlich ging das Finale der World League gegen Serbien verloren. Das war vielleicht eine Warnung zur rechten Zeit. Allerdings sind die Serben nicht für Olympia qualifiziert. In Rio wird Brasilien von Polen, Russland, Italien und den USA herausgefordert. "Die Fußballer können uns nur positiv überraschen", hat vor kurzem der Erstbeste zum Standard gesagt. "Aber wenn die Volleyballer scheitern, wäre das eine Tragödie." (Fritz Neumann aus Rio, 8.8. 2016)

  • Superstar Lucarelli punktet, Brasilien besiegt Mexiko nach verlorenem erstem Satz schlussendlich mit 3:1.
    foto: reuters/del pozo

    Superstar Lucarelli punktet, Brasilien besiegt Mexiko nach verlorenem erstem Satz schlussendlich mit 3:1.

  • Bernardo Rocha de Rezende trainiert seit 2001 Brasilien.
    foto: reuters/moraes

    Bernardo Rocha de Rezende trainiert seit 2001 Brasilien.

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