Arme schaffen sozialen Aufstieg in Skandinavien nicht öfter als in USA

9. August 2016, 09:00
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Soziale Mobilität scheint auch im Norden Europas eine Illusion zu sein, so eine Studie

Wien – Es ist eine der beliebtesten Forderungen in der Politik: Alle Menschen im Land sollen die gleichen Chancen haben. Vor allem Kindern müsse der soziale Aufstieg unabhängig von Einkommen und Bildung ihrer Eltern gelingen. Dagegen lassen sich jedenfalls nur sehr schwer Einwände finden.

Dass sich das aber einfacher fordern als umsetzen lässt, zeigt eine neue Studie von Rasmus Landersø und James Heckman von der University of Chicago. Heckman ist Nobelpreisträger und einer der Vordenker in der Forschung um soziale Mobilität. Sein Studie, die bald im "Scandinavian Journal of Economics" publiziert wird, dürfte die Debatte um Aufstiegschancen für Kinder nachhaltig prägen.

Sehr unterschiedliche Bildungssysteme

Sie kommt zum Ergebnis, dass die soziale Mobilität in Dänemark viel niedriger ist, als bislang angenommen. Die Ergebnisse würden sich auf ganz Skandinavien übertragen lassen, schreiben die Forscher. Das ist deshalb brisant, weil die Region bislang als das Vorbild für die Förderung benachteiligter Kinder gilt.

In Dänemark sind fast alle Vierjährigen in Frühkindbetreuung, die öffentlichen Schulen sind qualitativ gut und die Universitäten gratis. Trotzdem wird das Einkommen der Eltern genauso stark vererbt wie in den USA, wo sich Arme kaum Betreuung für ihre Kleinsten leisten können und Kinder aus reichen Familien oft in Privatschulen und sündhaft teuren Universitäten landen.

Genauer hingeschaut

Aber warum stellt die neue Studie von Landersø, einem jungen dänischen Ökonomen, und dem US-Amerikaner Heckman den bisherigen Konsens so auf den Kopf? Die Antwort ist recht schlicht: Sie haben genauer hingeschaut.

Bisher wurde hauptsächlich unter die Lupe genommen, welchen Einfluss die verfügbaren Einkommen der Eltern auf die ihrer Kinder haben. Dabei sind die Steuern schon abgezogen, die in Dänemark für Spitzenverdiener sehr hoch sind. Die Sozialleistungen, die sehr üppig ausfallen, werden dazugezählt. Überspitzt ausgedrückt: Die Kinder reicher Eltern verdienen wesentlich mehr, der Staat nimmt ihnen aber einen Teil weg. Kinder armer Eltern haben niedrigere Löhne, bekommen aber vom Staat viel dazu.

So betrachtet kommt Dänemark dem Ideal der Chancengleichheit weiterhin relativ nahe. Es spielt fast keine Rolle für den eigenen Wohlstand, wie viel Geld die Eltern einmal hatten. In den USA hingegen, wo viel weniger umverteilt wird und die Steuern niedriger sind, ist der Zusammenhang mit den Einkommen der Eltern deutlich stärker.

Bei Fähigkeiten wird aufgeholt

Wenn man aber auf das selbst erwirtschaftete Einkommen schaut, also das Bruttoeinkommen, ändert sich das Bild dramatisch. Dazu zählen die Forscher auch Gewinne, Mieten, Dividenden und Zinsen. Dann prägt das Einkommen der Eltern das der Kinder genauso stark wie in den USA. Die Unterschiede werden also nicht aus eigener Kraft und wegen steiler Karrieren unterprivilegierter Kinder ausgeglichen, sondern durch die Steuer- und Sozialpolitik der Regierung.

Also gut, könnte man einwenden, dann muss der Staat eben umverteilen. Doch die Ökonomen sind noch zu einer anderen Erkenntnis gekommen, die das infrage stellt. Denn die Bedingungen für mehr Mobilität zwischen den Generationen sind durch das Bildungssystem sehr wohl gegeben. Kinder aus ärmeren Schichten holen gegenüber jenen aus besser situierten Familien zwar nie auf, erwerben aber viel bessere kognitive Fähigkeiten als in den USA.

Vorteile kombinieren

Trotzdem erwerben diese Kinder nicht öfter einen höheren Bildungsabschluss als dort. Die beiden Ökonomen machen dafür die zu niedrigen Anreize verantwortlich, in die eigene Zukunft zu investieren. Wegen der starken Umverteilung sind die Unterschiede zwischen niedrigen und hohen Einkommen in Dänemark sehr niedrig.

Um mehr als doppelt so viel zu verdienen, wie man mindestens vom Staat bekommt, müsse man schon an einen Uni-Abschluss gelangen. In Dänemark gebe es daher quasi keinen Niedriglohnsektor, denn die Leistungen des Staates fungieren als eine Art Lohnuntergrenze. In den USA könne man mehr verdienen, dafür auch weiter nach unten fallen.

Was kann die Politik also daraus lernen, wenn sie die soziale Mobilität fördern will? Das Beste aus beiden Ländern lasse sich kombinieren, sagt Landersø, der die Studie mitverfasst hat, zum STANDARD. Dänemark sei ein Vorbild, was die Förderung von Kindern aus benachteiligten Familien betrifft. In den USA sei der Anreiz höher, in die eigene Bildung zu investieren. (Andreas Sator, 9.8.2016)


Andere Studien zum Thema

Zuletzt haben zwei Studien Licht darauf geworfen, wie lange Privilegien bestehen können. Eine Arbeit von Gregory Clark, einem britischen Ökonomen, kam zum Ergebnis, dass sich die Nachnamen der schwedischen Elite aus 1700 auch heute noch vorwiegend unter Anwälten und Akademikern finden. Zwei italienische Forscher fanden nach 600 Jahren noch einen Zusammenhang zwischen damaligem und heutigem Wohlstand. Auch sie beriefen sich auf Nachnamen.

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  • Wer Arm und Reich von Generation zu Generation durchmischen möchte, müsse in den Norden schauen, sagen viele Experten. Skandinaviens Vorreiterrolle wird jetzt aber infrage gestellt.
    foto: epa / rotmann

    Wer Arm und Reich von Generation zu Generation durchmischen möchte, müsse in den Norden schauen, sagen viele Experten. Skandinaviens Vorreiterrolle wird jetzt aber infrage gestellt.

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