Wien: Messerstiche in der Problemzone Praterstern

8. August 2016, 18:03
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Im Prozess um tödliche Messerstiche wurde ein 40-Jähriger wegen absichtlicher schwerer Körperverletzung zu sechs Jahren Haft verurteilt. Drogen- und Gewaltdelikte auf dem Praterstern sind laut Polizei zurückgegangen

Wien – Der Verkehrsknotenpunkt Praterstern ist schon länger eines der weniger gut beleumundeten Gebiete von Wien. Vor elf Monaten eskalierte die Situation an diesem sozialen Brennpunkt: Slobodan T. erstach einen Mann und verletzte einen zweiten schwer. Am Montag entschied ein Geschworenengericht unter Vorsitz von Andreas Böhm, dass sich T. der absichtlichen schweren Körperverletzung – in einem Fall mit Todesfolge – schuldig gemacht hatte. Das noch nicht rechtskräftige Urteil lautet auf sechs Jahre Haft.

Der 40-jährige Angeklagte war in der Nacht des 10. Septembers auf dem Heimweg. Eine Frau sprach ihn auf den Drogenersatzstoff Substitol an. "Sie ist mir mit ihrem Hund nachgegangen. Ich habe Angst vor Hunden, da habe ich sie weggestoßen", erzählt der in seiner Heimat Serbien fünffach – nicht einschlägig – Vorbestrafte. Seiner Darstellung nach fiel die Frau hin. "Sie hat geschrien, als ob sie abgeschlachtet wird." Das erregte die Aufmerksamkeit einer Gruppe Algerier, die näherkamen. T. lief davon, die Gruppe hinterher. Er habe Angst gehabt, sei von einigen eingeholt worden, sie hätten ihn attackiert, er habe sein Messer gezogen. T.s Problem: Er hat mittlerweile schon mehrere Versionen geliefert, was er mit dem Messer gemacht hat. Einmal sagte er, er habe den Männern nur Angst machen wollen und sie im Gerangel zufällig getroffen, ein andermal zeigte er durchaus gezielte Stichbewegungen. Dass er einen der Männer ins Auge stach, woran dieser starb, sei aber definitiv ein Unfall gewesen.

Geschworene statt Schöffen

Der Prozess wird zum zweiten Mal verhandelt. Ursprünglich hatte die Staatsanwaltschaft die Sache als absichtliche schwere Körperverletzung mit Todesfolge verfolgt. Ein Gutachten zeigte aber, dass durchaus heftig und mehrmals zugestochen worden ist. Der Schöffensenat erklärte sich für unzuständig. Die in der Folge auf Mord und versuchten Mord ausgeweitete Anklage wurde am Montag allerdings verworfen. Den Laienrichtern mangelte es am Tötungsvorsatz. Die vom Angeklagten behauptete Notwehrsituation nahmen sie ihm mit sechs zu zwei Stimmen nicht ab.

Zahl der Einsätze halbiert

Die Situation am Praterstern hat sich laut Polizei aber verbessert. Seit mit 1. Juni die Novelle zum Suchtmittelgesetz in Kraft getreten ist und die Polizei mit verstärkter Präsenz und mobiler Videoüberwachung arbeitet, sei die Drogenkriminalität auf dem Praterstern "massiv eingedämmt" worden, sagte Sprecher Thomas Keiblinger dem STANDARD.

Die Zahl der insgesamt auf dem Praterstern gezählten Einsätze sei von 142 im Juni auf 71 im Juli gesunken. Das sei bemerkenswert, weil normalerweise im Sommer wegen der Wetterlage die Höchstwerte an Delikten erreicht würden.

Mit der Verdrängung der Drogenszene seien auch die Gewaltdelikte zurückgegangen, wobei diese "zu einem überwiegenden Teil" innerhalb der Szenen – Dealer und Unterstandslose – passierten.

Der Praterstern löse ein "subjektives Unwohlsein" aus, tatsächlich sei es aber hier nicht gefährlicher als in der restlichen Stadt, sagte Keiblinger. Rund ein Prozent aller in Wien angezeigten Delikte werden dort verübt.

Derzeit würden die Diebstähle auffallen. Ein neuer Trick sei, Streitigkeiten in der Nähe von Lokalen vorzutäuschen: Wenn andere Passanten den vermeintlichen Streit schlichten wollen, werden sie bestohlen. (Christa Minkin, Michael Möseneder, 8.8.2016)

  • Der 40-jährige Slobodan T. musste sich am Montag wegen Mordes im Wiener Landesgericht verantworten. Nachdem er im Herbst vergangenen Jahres sein Messer gezogen und zugestochen hatte, verstarb ein Mann.
    foto: apa / georg hochmuth

    Der 40-jährige Slobodan T. musste sich am Montag wegen Mordes im Wiener Landesgericht verantworten. Nachdem er im Herbst vergangenen Jahres sein Messer gezogen und zugestochen hatte, verstarb ein Mann.

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