Erdoğan ist bei Putin in der Bringschuld

9. August 2016, 12:13
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Beim Treffen zwischen Wladimir Putin und Tayyip Erdoğan geht es um Gutwettermachen

Für Putin könnte die Ausgangslage vor dem Treffen in Sankt Petersburg besser nicht sein. Erdoğan ist nach dem Abschuss des russischen Kampfflugzeugs im November moralisch in der Bringschuld. Zudem ist er nach seinem Bruch mit dem Westen auf Moskau angewiesen, um den wirtschaftlichen Schaden gering zu halten. Auch der Kreml verbindet mit der Wiederaufnahme der Beziehungen handfeste strategische und ökonomische Interessen.

So waren die russisch-türkischen Wirtschaftsbande vor der politischen Krise ziemlich eng. 2015 erreichte der bilaterale Handel immerhin ein Volumen von 21 Milliarden Euro, wobei die Bilanz dabei deutlich zugunsten Russlands ausfiel, das immerhin Güter im Wert von 17,5 Milliarden Euro an seinen Schwarzmeernachbarn absetzen konnte. Die Türkei ist vor allem ein wichtiger Abnehmer russischen Gases, während andererseits Russland 60 Prozent des türkischen Gasbedarfs abdeckt.

Die Gaslieferungen wurden auch während der Krise nicht eingestellt, dafür aber die Gespräche über den Bau der Pipeline Turk Stream auf Eis gelegt. Nun sollen sie wieder aufgenommen werden.

Unklare Perspektiven

Erdoğan sagte bereits vor dem Treffen, er sehe keine Schwierigkeiten bei der Realisierung. Tatsächlich sind die Perspektiven aber unklar, denn die Verhandlungen waren schon vor dem Abschuss wegen Unstimmigkeiten über Kosten und geforderte Rabatte ins Stocken geraten. Wenn es eine neue Pipeline gibt, dann wohl aller Voraussicht nach nur einen Strang, der die Bedürfnisse der Türkei selbst stillt. Die Türkei zum Energie-Hub auszubauen ist wohl schon aufgrund der erodierenden Beziehungen Ankaras zu Europa illusorisch.

Mehr Dynamik gibt es bei den Gesprächen um das Kernkraftwerk Akkuyu. Die russische Atombehörde Rosatom hat in das Projekt an der türkischen Mittelmeerküste immerhin auch schon fast drei Milliarden Euro investiert, die Moskau ungern abschreiben will. Insgesamt soll der Bau 20 Milliarden Euro kosten. Das verspricht ein großes Geschäft, weitere Kraftwerke könnten folgen.

Bei anderen Sanktionen, die Moskau als Reaktion auf den Abschuss verhängte, hat der Kreml hingegen weniger Eile mit der Aufhebung. Die Reisewarnung für russische Urlauber wird wohl vorläufig in Kraft bleiben. Vor der Krise verbrachten jährlich etwa drei Millionen Russen ihren Urlaub in der Türkei. Ihre Ausgaben am Urlaubsort bezifferte Moskau mit etwa 3,6 Milliarden Euro.

Russische Touristen

Mit der Reisewarnung, dem Verkaufsstopp für Pauschalreisen und dem Verbot von Charterflügen an die türkische Mittelmeerküste hat Moskau den Geldfluss schnell und effizient ausgetrocknet. Nach Erdoğans Entschuldigung hat Putin die Verbote schon aufgehoben, doch noch stockt die Organisation von Flügen – auch wegen der weiter von Moskau als unsicher gekennzeichneten Lage in der Türkei.

Auch um die Rückkehr von türkischem Obst und türkischen Bauarbeitern auf den russischen Markt wird der Kreml Erdoğan wohl kräftig bitten lassen. Immerhin ein Viertel der türkischen Exporte entfiel auf Lebensmittel. Doch in dem Bereich hat Russland eigene Interessen, die Landwirtschaft ist einer der wenigen Sektoren, die in Russland derzeit blühen: Premier Dmitri Medwedew kündigte an, dass alle Schritte zur Aufhebung von Sanktionen mit den Interessen der russischen Landwirte abgestimmt würden.

Russlands Bauindustrie ist derweil in der Krise. Zusätzliche Konkurrenz ist eher lästig. Trotzdem hat die türkische Seite schon deutlich gemacht, dass die Aufhebung der Visapflicht für Ankara ein wichtiger Tagesordnungspunkt in Sankt Petersburg ist. (André Ballin aus Moskau, 9.8.2016)

  • Monatelang blieben die Touristen an der türkischen Küste von Antalya auf Geheiß der russischen Führung aus. Das wird sich so schnell wohl auch nicht ändern.
    foto: foto: reuters / kaan soyturk

    Monatelang blieben die Touristen an der türkischen Küste von Antalya auf Geheiß der russischen Führung aus. Das wird sich so schnell wohl auch nicht ändern.

  • Putin und Erdoğan beim G20-Gipfel in Antalya in der Türkei im November 2015.
    foto: epa/tolga bozoglu

    Putin und Erdoğan beim G20-Gipfel in Antalya in der Türkei im November 2015.

  • Putin und Erdoğan bei ihrem Treffen in St. Petersburg am Dienstag.
    foto: reuters/sergei karpukhin

    Putin und Erdoğan bei ihrem Treffen in St. Petersburg am Dienstag.

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