Mumbai: Ein teures und illegales Eigenheim im indischen Slum

9. August 2016, 10:00
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Slumlords beherrschen den Wohnungsmarkt in den Elendsquartieren der Stadt

Mumbai/Dubai – Nutzlos seien die Politiker, schimpft Vimla. Vor den Wahlen würden sie immer das Blaue vom Himmel versprechen – aber nichts ändere sich. "Das Wasser fließt nur eine Stunde am Tag, und dutzende Haushalte teilen sich die einzige Wasserleitung in unserer Gasse." Auch die Abwasserrinnsale seien völlig verstopft. "Bei jedem Regen läuft es in unsere Hütten." Und überall lägen Abfall und Dreck herum, weil es keine Müllabfuhr gebe.

Die 35-Jährige lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in einem Slum im Gebiet Sakinaka am Rande von Mumbai. Zu fünft teilen sie sich einen Raum. Die Kinder schlafen auf einer Liege, die Eltern auf Matten auf dem Zementboden. Vor zwei Jahren haben sie ihr Zuhause von einem Slumlord gekauft. Für 400.000 Rupien, etwa 5.300 Euro. Das war ein Schnäppchen. In besseren Slums kostet eine Ein-Raum-Hütte schon einmal 40.000 Euro.

Mehr als 863 Millionen Menschen weltweit wohnen laut Uno in Slums. Allein in Indien hausen 65 Millionen Menschen in solchen Elendsquartieren, in Mumbai sind es 40 bis 50 Prozent der 19 Millionen Einwohner.

Stadtplaner überfordert

Zu Hunderttausenden strömen jedes Jahr Menschen in die Städte, um Armut und Hunger auf dem Land zu entfliehen. Doch Wohnraum ist teuer, Land knapp und die Stadtplaner überfordert. So stranden die Armutsmigranten auf der Straße oder in Slums, die überall aus dem Boden schießen.

Die meisten Slumbewohner sind "working poor", arbeitende Arme. Sie schuften als Tagelöhner, Anstreicher, Näher, Müllsammler, Handwerker, Wäscher, als Putzfrau oder Kindermädchen. Das Geld reicht nicht für eine reguläre Wohnung, aber für ein Zuhause im Slum. Auch dort gibt es Hütten nicht umsonst, jedenfalls nicht in einer Megacity wie Mumbai, wo die Immobilienpreise fast auf Manhattan-Niveau liegen.

Kein wirkliches Eigenheim

In der Stadt hat sich ein regelrechter Schattenwohnungsmarkt etabliert, der von rabiaten Slumlords beherrscht wird, die den Armen illegal Hütten verkaufen oder vermieten. Laut Studien sind 70 Prozent aller Slumbehausungen Eigenheime, auch wenn sie den Käufern nicht wirklich gehören. Vimlas Zuhause war deshalb so günstig, weil es in einem schlechten Abschnitt liegt und eine Bruchbude war. Zwei Wände bestanden aus Wellblech, und das Dach war undicht. Inzwischen sind alle vier Wände aus Ziegelsteinen, auch das Dach hält dem Regen weitgehend stand.

"Wir würden gern noch ein Stockwerk draufbauen", sagt Vimla. Aber das muss warten. Um das Haus zu bezahlen, mussten sie ihr Stück Land in ihrem Heimatdorf verkaufen und einen Kredit aufnehmen, den sie noch abstottern. Sollte der Slum geräumt werden, hoffen Vimla und ihr Mann auf eine Entschädigung vom Staat.

Stromdiebstahl weit verbreitet

Die meisten Slumbewohner haben laut Umfragen Strom, wenn auch illegal, und 70 Prozent der Haushalte besitzen angeblich sogar einen Fernseher. Auch in Vimlas Viertel hat ein Nachbar die Leitungen angezapft und beliefert nun die Bewohner mit Elektrizität. Stromdiebstahl ist in Indien gang und gäbe. Auch der Slumlord bekommt monatlich eine Aufwandsentschädigung. Dafür schmiert er die Polizei, damit sie den Slum in Ruhe lässt.

Während sich die Menschen in den Slums selbst organisieren, fehlt ihnen die staatliche Infrastruktur. Am meisten machen ihnen der Mangel an sauberem Wasser, die schlechten hygienischen Verhältnisse und die Enge zu schaffen. Abfall und Exkremente faulen in der Hitze vor sich hin, ziehen Ratten, Kakerlaken und Insekten an. Dadurch sind Slums auch Brutstätten für Seuchen. (Christine Möllhoff, 9.8.2016)

  • Ein Zug fährt durch einen Slum in der indischen Stadt Mumbai.
    foto: ap / rajanish kakade

    Ein Zug fährt durch einen Slum in der indischen Stadt Mumbai.

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