Locarno: Falsche Heilsversprechen und echte Glücksbringer

8. August 2016, 15:51
4 Postings

Beim Filmfestival von Locarno bestimmt auch dieses Jahr ungewöhnliches Autorenkino den Wettbewerb. Besonders Filme von João Pedro Rodrigues und Radu Jude faszinieren – und der heimische Beitrag "Mister Universo"

Der Schweizer ist stolz. Er hat sich und Europa einen Tunnel geschenkt. Zuvor musste dieser zwar noch gebaut werden, doch nun verbindet die milliardenschwere Eisenbahnröhre das beschauliche Tessin noch besser mit dem Rest der Welt.

Im nicht weniger beschaulichen Locarno am Lago Maggiore hat man dieser Leistung Tribut gezollt: Direkt vor dem Kursaal des Städtchens, in dem täglich die Pressevorführungen stattfinden, kann man die eidgenössische Ingenieurskunst in Form eines Nachbaus bewundern – in Originalgröße. Meterhoch ragt das ringförmige, graue Ungetüm in den Himmel, das ehrfurchtslose Touristenkinder mit Füßen treten.

Doch nicht nur in dieser Hinsicht gibt man sich in Locarno selbstbewusst, auch das Filmfestival weiß um seine Bedeutung. Und das zu Recht, denn der künstlerische Leiter, Carlo Chatrian, hat die Festspiele längst zu einem der wichtigsten Schauplätze des Autorenfilms gemacht.

Beste Herausforderungen

Ohne Tunnelblick: Der diesjährige Gewinner aus Cannes, Ken Loachs "I, Daniel Blake", würde es hier etwa niemals in den Wettbewerb schaffen – und wird also auf der Piazza Grande gezeigt, auf der Stars wie Harvey Keitel oder Mario Adorf geehrt und rund achttausend Zuschauer mit eher konventioneller Kost versorgt werden.

Jene Arbeiten, die um den renommierten Goldenen Leoparden konkurrieren, sind hingegen fast durchwegs eine Herausforderung – und zwar im besten Sinn. Die ästhetische Vielfalt, mit der bekannte, aber auch neue Namen dem zeitgenössischen Kino hier Impulse geben, ist bemerkenswert.

Im Besonderen gelingt dies dem portugiesischen Filmemacher João Pedro Rodrigues mit "O Ornitólogo" ("The Ornithologist"), der seinen Protagonisten, einen einzelgängerischen Vogelkundler, in ein abgelegenes Tal im Norden Portugals schickt. Was mit gestochen scharfen Bildern und Weitwinkelaufnahmen wie aus einer Naturdokumentation beginnt, entwickelt sich nach einem Bootsunfall bald zur verstörenden Reise durch die Wildnis, die sich zunehmend als langsame Verwandlung des Mannes herausstellt.

Wird Francesco im Wald zum Heiligen? Was hat es mit den beiden jungen chinesischen Pilgerinnen auf sich, die ihn gefangen nehmen? Und mit dem taubstummen Hirten namens Jesus? Schwarzer Humor und feine Ironie gehen in diesem Film Hand in Hand und mit einem katholischen Aberglauben scharf ins Gericht.

foto: locarno
Still aus João Pedro Rodrigues' "The Ornithologist".

Zauberberg und Zirkus

Als nicht minder herausfordernd erweist sich auch die neue Arbeit von Radu Jude, erst voriges Jahr bei der Berlinale als bester Regisseur ausgezeichnet. "Inimi cicatrizate" ("Scarred Hearts") basiert auf der autobiografischen Erzählung des jüdisch-rumänischen Schriftstellers Max Blecher und schildert den Leidensweg eines jungen Mannes in einem Sanatorium im Jahr 1937.

Knapp zweieinhalb Stunden fühlt man sich mit dem an Knochentuberkulose Erkrankten gefangen in einem Labyrinth aus Sälen, Untersuchungszimmern und Gängen. Nicht nur der schwarz-weiß gekachelte Boden lässt die Patienten wie Schachfiguren erscheinen: Unbeweglich in Gipskorsette verpackt liegen sie in ihren Betten, während sie quer durch das riesige Gebäude gerollt werden. "Scarred Hearts" ist eine Art Zauberberg an der Schwarzmeerküste, eine Erzählung vom Ende, ein Fanal im Angesicht der europäischen Katastrophe.

Während die Körper der Patienten, von der Kamera fast ausschließlich in halbnahe Einstellungen gezwängt, immer schwächer werden, kämpft der Geist mit unerbittlichem Humor gegen den drohenden Untergang. Wer in diesem Film ein Gesicht sieht, sollte es sich gut merken.

foto: locarno
Jede Berührung ist in diesem Sanatorium mehr wert als tröstende Worte: Lucian Teodor Rus und Ivana Mladenovic in "Scarred Hearts" von Radu Jude.

Österreichs Beitrag

Bereits am Wochenende feierte der österreichische Beitrag von Tizza Covi und Rainer Frimmel seine Weltpremiere. "Mister Universo" erzählt die Geschichte des Dompteurs Tairo, dem sein ihn seit Kindestagen begleitender Talisman abhandenkommt. Die Suche nach dem Ex-Mister-Universum, der ihm damals das von ihm eigenhändig gebogene Stück Eisen schenkte, wird für Tairo zu einer nach dem eigenen Wert. "Mister Universo", mit dem das Autorenduo erneut in das ihm bestens bekannte Zirkusmilieu eintaucht, ist geprägt von einer liebevollen Nähe, auch zwischen den Laiendarstellern selbst. Und sie wird denn auch zum Antrieb für Tairos Kollegin, ihm mittels eigener Mission wieder zum Glück zu verhelfen – einem, das man nicht geschenkt bekommt, sondern für das man selbst verantwortlich ist.(Michael Pekler aus Locarno, 8.8.2016)

  • Der Nachbau eines Querschnitts der Gotthardt-Tunnelröhre in Originalgröße in Locarno.
    foto: michael pekler

    Der Nachbau eines Querschnitts der Gotthardt-Tunnelröhre in Originalgröße in Locarno.

Share if you care.