Lorenzo Viotti: Filmreife Stimmungskunst

8. August 2016, 15:07
1 Posting

Das RSO Wien und Khatia Buniatishvili bei den Festspielen

Salzburg – Lorenzo Viotti, 25 Jahre jung, ist der Gewinner des Young Conductors Award 2015, nun gab er sein offizielles Festspieldebüt – mit dem RSO Wien in der Felsenreitschule und mit russischem Repertoire: Eröffnet wurde mit Dmitri Kabalewskis Ouvertüre zur Oper Colas Breugnon, einer absurden neoklassizistischen Miniatur aus der Stalin-Zeit, die ein Gefühl von Dankbarkeit dafür hinterließ, dass die darauf folgende Oper vergessen ist.

In Alexander Skrjabins überschwänglicher Symphonie Nr. 2 c-Moll op. 29 ließ Viotti, bei allem Überschwang, aber immer wieder aufhorchen – etwa mit dem stringent geführten Attacca-Übergang vom ersten Satz in den beinah jazzig daherkommenden Beginn des zweiten Satzes. Die ebenfalls miteinander verschmolzenen Monumentalsätze Tempestoso und Maestoso machten ihren Namen alle Ehre: Viotti präsentierte die klingende Historienmalerei effektsicher mit konsequent aufgebauten und ebenso sinnfällig wieder abschwellenden Wechseln zwischen stürmischem Gebraus und zephyrischem Säuseln.

Im Zentrum der 1902 in St. Petersburg uraufgeführten Zweiten steht das gesangliche Andante mit Vogelgezwitscher und Naturlauten: Auch hier überzeugte der Debütant, der mithilfe der Bläsersolistinnen und Bläsersolisten des RSO eine klangmalerische, in großen Bögen atmende und zugleich konsequent vorwärtsdrängende Stimmungsstudie ablieferte. Den Pomp hat er jedenfalls im Griff.

Lockenpracht und Überschwang

Wenig Tiefgang und viel Effekt – das gilt auch für einen der im Konzertsaal beliebtesten russischen Werke: Die georgische Pianistin Khatia Buniatishvili hat Sergej Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 2 op. 18 virtuos aus den Fingern in die Tasten geschüttelt und dramaturgisch zusätzlich untermalt mit Lockenpracht.

Das war zweifellos ein filmreifer Auftritt. Dabei würde die virtuose Technikerin mit ihrer Brillanz und ihrer immer wieder spürbaren Dialogfreudigkeit – im Zusammenspiel mit dem Orchester – auch ohne performative Elemente überzeugen. Viotti war der Pianistin jedenfalls ein idealer Partner im Überschwang, woraus folgt: Auf die ersten Festspiel-Konzerte des bereits gut im internationalen Konzertgeschäft etablierten Lorenzo Viotti mit von weniger gefühlsschwangerem Furor dominierten Werken darf man gespannt sein.

(Heidemarie Klabacher, 9.8.2016)

Share if you care.