Wrabetz und Grasl streben nach der ominösen 18

9. August 2016, 08:55
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FPÖ-Stiftungsrat Norbert Steger stimmt offenbar für Grasl, Siggi Neutschitzer für Wrabetz

Wien – Wer sich unter ORF-Kandidaten umhört, erhält dieser Tage ein- und dieselbe Information: "Wir haben 18." Was hat es mit dieser Zahl auf sich? Jedenfalls kein Versprecher: 18 Stimmen braucht Alexander Wrabetz oder Richard Grasl für eine Mehrheit im Stiftungsrat.

Der besteht aus 35 Personen und wählt am Dienstag, dem 9. August, den neuen Generaldirektor. Sowohl Wrabetz als auch Grasl können auf jeweils 13 Stimmen zählen, Wrabetz auf die der SPÖ nahen Stiftungsräte, Grasl auf jene im bürgerlichen Lager.

Um die Stimmen von Team Stronach, Neos, Grünen und FPÖ wird bis zum Schluss in Terminen und Einzelgesprächen gerungen. Zuletzt soll Wrabetz "die 18" gehabt haben, jetzt hat nach STANDARD-Infos FP-Stiftungsrat Norbert Steger einen Schwenk auf Grasl gemacht. "Wir haben 18", heißt es nun von Grasls Seite.

Neutschitzer für Wrabetz

Der Kärntner Stiftungsrat Siggi Neuschitzer hat sich bereits fix festgelegt. Er wird dem amtierenden ORF-Chef Wrabetz wählen, wie er der APA sagte.

Der ursprünglich von BZÖ/FPK bestellte und später von der SPÖ-geführten Landesregierung unter Landeshauptmann Peter Kaiser verlängerte Kärntner Stiftungsrat gehört keinem "Freundeskreis" an. Neuschitzers Stimme zählt bei der Bestellung des ORF-Generals mit zu den entscheidenden. Nach umfangreicher Prüfung der Konzepte und Gesprächen mit verschiedenen Medienexperten habe er inzwischen seine Entscheidung getroffen, erklärte Neuschitzer. "Ich wähle Wrabetz." Hauptgründe seien für ihn zum einen Wrabetz' Informationskonzept gewesen, das ein hohes Ausmaß an Pluralismus vorsehe, zum anderen die Technik-Pläne der beiden Bewerber.

Kübert nimmt nicht am Hearing teil

Auch der unabhängige Stiftungsrat Franz Küberl hat bereits eine Wahl getroffen. Küberl kann wegen des Begräbnisses eines langjährigen Freundes und Bergkameraden nicht an der heutigen Sitzung des ORF-Gremiums teilnehmen. Ein Votum Küberls gibt es trotzdem: die unabhängige bürgerliche Betriebsrätin Gudrun Stindl wird Küberl vertreten und dessen Stimmabgabe übermitteln. Damit dabei alles rechtens läuft, hat Küberl zur Bestätigung bereits einen Stimmzettel ausgefüllt, der versiegelt im Gremienbüro hinterlegt wurde und der nach der Abstimmung geöffnet und mit dem von Stindl eingebrachten Stimmzettel verglichen wird.

Knappes Rennen

Montagmittag wurden unter Stiftungsräten die Chancen des amtierenden ORF-Chefs etwas höher eingeschätzt. "Derzeit habe ich den Eindruck, als würde sich das etwas stärker zu Wrabetz neigen", sagte ein Vertreter des Gremiums zur APA. "Überraschungen sind nicht ausgeschlossen, ich wüsste jetzt aber nicht, wie sie noch zustande kommen sollten", meinte ein anderer.

Nachdem Konzepte und Strategien der Kandidaten bereits seit längerem auf dem Tisch liegen und Montagabend noch einmal – eingedampft auf 15 Minuten – öffentlich via ORF 3 präsentiert wurden (derStandard.at berichtete live), dürfte es bei den Hearings am Dienstag auch noch um die Personalpakete der beiden Bewerber gehen. >>> Mehr dazu hier: ORF-Generalswahl: Besetzung, Listen und Tücken.

Direktoren

Bei Wrabetz gelten Kathrin Zechner als Programmdirektorin sowie Michael Götzhaber als Technischer Direktor als Fixstarter. Die kaufmännische Direktion soll mit einer weiblichen Finanzexpertin von außerhalb des Hauses besetzt werden. Als Radiodirektor beziehungsweise als Head of Radio gelten bei Wrabetz der burgenländische Landesdirektor Karlheinz Papst und der frühere Radiochefredakteur und nunmehrige Projektleiter des neuen multimedialen Newsrooms, Stefan Ströbitzer, als mögliche Kandidaten. Grasl dürfte auf Zechner als TV-Programm-Direktorin und Thomas Prantner als Digitaldirektor setzen.

Als mögliche TV-Informationsdirektoren in Grasls Team wurden in Medienberichten zuletzt die Namen von ORF-Innenpolitikchef Hans Bürger, "Kleine Zeitung"-Chefredakteur Hubert Patterer, "Presse"-Chefredakteur Rainer Nowak und "News"-Chefredakteurin Eva Weissenberger genannt, für die Radiodirektion ORF-Religionschef Gerhard Klein und "Standard"-Geschäftsführer Wolfgang Bergmann.

Sowohl Wrabetz als auch Grasl wiesen solche Spekulationen bisher stets zurück. Es gebe noch keine diesbezüglichen Personalentscheidungen, zunächst gehe es um die Bestellung des Generaldirektors, danach würden die weiteren Direktorenposten ausgeschrieben, hieß es seitens der Kandidaten unisono. (red, APA, 8.8.2016, Update: 9.8.2016)

Hintergrund

35 Mitglieder des ORF-Stiftungsrats wählen den Generaldirektor in offener, nichtgeheimer Abstimmung. Die Stiftungsräte treten Dienstag ab 10.00 Uhr zu ihrer Sitzung zusammen. Danach folgen in alphabetischer Reihenfolge die Hearings mit Grasl und Wrabetz. Je nach Dauer – in der Vergangenheit wurden aussichtsreiche Bewerber oft ein- bis eineinhalb Stunden befragt – startet dann am Nachmittag das Abstimmungsprozedere.

Jeder Stiftungsrat erhält einen Stimmzettel, der einzeln in einer Wahlzelle ausgefüllt und in eine Wahlurne eingeworfen wird. Danach wird das Ergebnis ausgezählt, protokolliert, und das Gremium wird über das Wahlverhalten der einzelnen Stiftungsräte informiert. Diese Form der offenen Auszählung gibt es seit 2001. Schwarz-Blau schaffte damals die geheime Wahl ab.

  • Blick in den Stiftungsrats-Sitzungssaal im ORF-Zentrum am Küniglberg.
    foto: apa/robert jaeger

    Blick in den Stiftungsrats-Sitzungssaal im ORF-Zentrum am Küniglberg.

  • Der ORF-Stiftungsrat.
    grafik: apa

    Der ORF-Stiftungsrat.

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