Mordprozess nach tödlichem Messerstich am Wiener Praterstern

8. August 2016, 12:33
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Angeklagter wollte algerischen Asylwerbern angeblich nur Angst machen – "Es ist wegen einer Dummheit passiert"

Wien – Mit Notwehr hat sich am Montag im Wiener Landesgericht ein 40-jähriger Mann verantwortet, der in der Nacht auf den 11. September 2015 am Praterstern zwei algerische Asylwerber niedergestochen hatte. Einer der beiden überlebte die Verletzungen nicht. Der wegen Mordes Angeklagte behauptete nun, er sei von insgesamt fünf Männern verfolgt worden und hätte diese nur einschüchtern wollen.

Der gebürtige Serbe, der in Begleitung eines Freundes am Heimweg war, wurde gegen Mitternacht vor dem Bahnhofsgelände von einer Frau auf Substitol angesprochen. Weil diese nicht von ihm abließ und er vor allem von ihrem Rottweiler bedrängt wurde ("Ich habe eine Phobie vor Hunden"), versetzte er ihr schließlich eine kräftige Ohrfeige, so dass sie zu Boden ging. Mehrere junge Algerier, die die Szene beobachtet hatten, nahmen die Verfolgung des 40-Jährigen auf. Sie wollten ihn offenbar zur Rede stellen.

Der 40-Jährige – er war immer wieder illegal nach Österreich gekommen, um sich hier als Gelegenheitsarbeiter zu verdingen – erklärte nun einem Schwurgericht (Vorsitz: Andreas Böhm), er habe sich von den Männern bedroht gefühlt, "weil sie so viel herumgeschrien haben". Er habe davonlaufen wollen, doch ihn hätten die Kräfte verlassen, so dass er sich an einer Säule festhalten musste. Einer der Algerier sei sogleich auf ihn losgegangen, die anderen hätten ihn umkreist, ihm ins Gesicht geschlagen und Fußtritte versetzt: "Ich habe schon gehört, wie mein Kniegelenk knistert. Sie wollten mich zu Boden stürzen."

"Ich wollte sie nicht stechen"

Weil die anderen in der Überzahl waren, habe er sich "nicht richtig" verteidigen können. Als ihm auch noch einer auf den Rücken sprang, habe er sein Messer gezogen, schilderte der Angeklagte: "Ich habe es aufgeklappt, damit sie es sehen. Ich wollte ihnen Angst machen." Dessen ungeachtet habe einer der Algerier nach seiner Hand gegriffen. Beim Versuch, sich loszureißen, müsse er zwei Männer mit der Waffe erwischt haben: "Ich wollte sie nicht stechen. Ich wollte niemanden verletzen." Der Angeklagte beteuerte am Ende seiner ausführlichen Befragung, dass ihm das Ganze leid tue: "Jeden Tag in der Haft träume ich davon. Es ist wegen einer Dummheit passiert."

Diese Schilderung stand im Widerspruch zu den Angaben des 40-Jährigen bei der Polizei und seiner Version im Zuge eines gerichtlichen Lokalaugenscheins, wo er zwar auch von einem gegen ihn gerichteten Angriff, aber durchaus zielgerichteten Stichen gesprochen hatte. Fest steht, dass er zunächst einem 35-Jährigen einen Bruststich versetzte. Der Schwerverletzte lief noch rund 150 Meter, ehe er zusammenbrach. Eine Notoperation rettete ihm das Leben. Weniger Glück hatte ein 37-Jähriger, dem das Messer ins Auge und den Oberbauch drang. Aufgrund des Stichs ins Gesicht erlitt der Mann eine Hirnlähmung, die selbst dann tödlich verlaufen wäre, wenn der Betroffene sofort auf einen OP-Tisch gekommen wäre, wie Gerichtsmediziner Christian Reiter erläuterte. Beide Algerier waren übrigens unbewaffnet.

"Wo die Notwehr herkommen soll, weiß ich nicht. Der Angeklagte hatte keine objektivierten Verletzungen", führte Staatsanwältin Ursula Kropiunig ins Treffen. Für sie lag nahe, dass Mord beziehungsweise versuchter Mord gegeben waren: "Meiner Meinung nach will man jemanden töten, wenn man einem ins Auge und den in den Oberkörper sticht." Ursprünglich hatte die Staatsanwaltschaft in dieser Sache allerdings Anklage wegen absichtlicher schwerer Körperverletzung erhoben. In einer ersten Verhandlung Ende Mai fällte ein Schöffensenat aber ein Unzuständigkeitsurteil, da für das Gericht auf Basis der gerichtsmedizinischen Feststellungen ein Tötungsvorsatz nicht auszuschließen war. Damit wurde zwingend die Befassung eines Schwurgerichts nötig.

Zeugen blieben Verhandlung großteils fern

Auf den Großteil der Zeugen hat das Schwurgericht vergeblich gewartet. Der 35-jährige Algerier, der im Unterschied zu einem Landsmann einen Bruststich dank einer Notoperation überlebt hatte, kam seiner Ladung eben so wenig nach wie drei weitere Landsleute. Auch die Frau, die der Angeklagte vor den Stichen geohrfeigt hatte, blieb dem Verfahren fern.

Da die Algerier offenbar ohne Unterstand und damit nicht greifbar sind – der 35-Jährige hatte als Adresse "Wien-6, sonst unbekannt" angegeben, als ihn die Polizei am 12. Juli 2016 zufällig aufgreifen konnte und aufforderte, sich aufgrund seiner Zeugenladung umgehend mit der Justiz in Verbindung zu setzen –, wurden ihre Angaben unmittelbar nach der Bluttat verlesen. Der Schwerverletzte war noch im Spital und später auf einer Polizeiinspektion vernommen worden. "Wir hatten nicht vor, mit ihm (dem Angeklagten, Anm.) zu streiten. Wir wollten nur mit ihm reden", versicherte er den Beamten. Daher sei er mit einem Freund dem Mann, der eine Suchtmittelabhängige geohrfeigt hatte, und dessen Begleiter nachgelaufen.

Der 40-Jährige habe sich plötzlich umgedreht und ein Messer in der Hand gehabt: "Ohne dass wir ihn angegriffen oder angesprochen haben, hat er das Messer aufgeklappt." Danach habe er ihm in die Seite gestochen, schilderte der Zeuge. Er habe dann noch gehört, wie sein Landsmann "Mein Auge! Mein Auge!" rief und zusammensackte.

Ein anderer Zeuge behauptete allerdings, einer der beiden Algerier hätte nach der Hand des 40-Jährigen gegriffen, um ihm offenbar das Messer zu entwinden. Der Bewaffnete sei mit der Hand nach hinten gefahren und habe dabei den 37-Jährigen am Auge getroffen.

Der Angeklagte hatte sich nach dem Vorfall zurück in seine Heimat nach Serbien begeben. Mittels Fotos aus den Überwachungskameras im Bahnhofsbereich, die in den Medien veröffentlicht wurden, konnte er ausgeforscht worden – der Mann, der den 40-Jährigen in Wien bei sich wohnen hatte lassen, meldete sich bei der Polizei und gab die Identität des Gesuchten bekannt. Am 15. Oktober wurde ein Europäischer Haftbefehl erlassen. Am 22. Oktober stellte sich der 40-Jährige freiwillig der Wiener Polizei.

Mit dem Wahrspruch der Geschworenen war nicht vor 16.30 Uhr zu rechnen. (APA, 8.8.2016)

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