Österreichs Wohlstand würde ohne Wien um sechs Prozent sinken

8. August 2016, 09:37
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Die meisten Hauptstädte Europas sind treibende Wirtschaftsmotoren. Nur Deutschland wäre ohne Berlin besser dran

Berlin – Was wäre Großbritanniens Wirtschaft ohne die Finanzmetropole London? Auch in Griechenland sehe es für den Wohlstand des Lands ohne Athen düster aus. Ähnlich ginge es Österreich ohne Wien. Nur in Deutschland – da verhält es sich ein bisschen anders.

Eine große Wohlstandskluft herrscht in vielen Ländern Europas. Denn dort sind vor allem die Hauptstädte treibende Wirtschaftsmotoren. Eine Ausnahme gibt es – Deutschland. Das Institut der deutschen Wirtschaft hat ausgerechnet, wie stark das Pro-Kopf-Einkommen im Land sinken würde, ließe man die Hauptstadt außen vor. Welche Hauptstädte sind besonders wichtig und wie verdienen sie ihr Geld?

ATHEN: "Wer Athen hat, hat ganz Griechenland", heißt es. In der Metropole lebt mehr als ein Drittel der griechischen Bevölkerung. In der Region Attika rund um Athen finden sich die meisten Unternehmen des Landes, von der Manufaktur über die Werft bis hin zum High-Tech-Start-up. Lediglich in Sachen Tourismus hinkt die Metropole hinterher – nach einem Besuch der Akropolis verlassen die Touristen das Großstadtchaos und reisen auf die Inseln des Landes. Wohlstand in Griechenland ohne Athen: minus 20 Prozent.

WIEN: Wien ist die größte Wirtschaftsagglomeration Österreichs. Neben dem Verwaltungszentrum dient Wien auch als überregionales Dienstleistungszentrum und Drehscheibe zwischen Ost und West. Gewerbe- und Handwerksbetriebe sind dort am stärksten vertreten. Außerdem tragen Consulting-Unternehmen und der Handel zur Wirtschaftsleistung bei. Wohlstand Österreichs ohne Wien: minus 6 Prozent.

PARIS: Frankreich ist zentralistisch organisiert, das zeigt sich auch in der Wirtschaft. Total, Renault, PSA, Axa – so ziemlich alle wichtigen Konzerne haben ihren Verwaltungssitz dort oder im direkten Umland, etwa dem Büroviertel La Defense. Zwar überwiegt der Dienstleistungssektor, doch Île-de-France ist auch die stärkste Industrieregion des Landes. Paris ist zudem ein Touristenmagnet. Im Jahr 2015 hatte es 22,2 Millionen Besucher. Wohlstand in Frankreich ohne Paris: minus 15 Prozent.

PRAG: Tschechien ist eher zentralistisch organisiert. Viele heimische und internationale Firmen haben ihren Sitz in der tschechischen Hauptstadt. Hinzu kommt, dass viele Pendler aus dem Umland in Prag arbeiten. Ein weiterer Faktor ist der boomende Prag-Tourismus. Wohlstand in Tschechien ohne Prag: minus 14 Prozent.

KOPENHAGEN: In Dänemark sind Industriezweige im ganzen Land angesiedelt, in Kopenhagen ist die Dichte aber mit Abstand am größten. Hier ist der größte dänische Konzern, das Reederei-Unternehmen A. P. Moeller-Maersk zu Hause. Auch der Brauereiriese Carlsberg hat hier seinen Standort. Weitere große Wirtschaftszweige sind etwa die chemische und pharmazeutische Industrie. Wohlstand Dänemarks ohne Kopenhagen: minus 13 Prozent.

LONDON: London gilt neben New York als weltweit wichtigste Finanzmetropole. Banken, Börse, Versicherungen – ohne die City wäre Großbritannien ein deutlich ärmeres Land. Laut Eigenschätzung der City arbeiten etwa 358.000 Menschen im Finanzsektor in Greater London. Von Bedeutung sind zudem das Immobilienwesen und der IT-Sektor. Wohlstand Großbritanniens ohne London: Minus 11 Prozent.

WARSCHAU: Warschau ist das wirtschaftliche Zentrum Polens. Wichtige Wirtschaftszweige sind Handel und Dienstleistungen. Es gibt viele ausländische Firmen/Investoren, die Warschau als Standort für Geschäfte in Osteuropa nutzen. Wohlstand Polens ohne Warschau: minus 10 Prozent.

BRÜSSEL: Der stärkste Wirtschaftssektor in Brüssel sind Dienstleistungen, sie machen gut 90 Prozent der Wertschöpfung aus. Das ist auch der Tatsache geschuldet, dass Brüssel Sitz zahlreicher EU-Institutionen ist – ein Umfeld, das sich für die Angebote von Übersetzern, Beratern, Juristen und Veranstaltungsorganisatoren lohnt. Wohlstand Belgien ohne Brüssel: minus 9 Prozent.

MADRID: Die Autonome Gemeinschaft Madrid wird ganz klar vom Dienstleistungssektor beherrscht. Dominierend sind dort vor allem die Bereiche Handel, öffentliche Verwaltung und die Erbringung von technischen, freiberuflichen und wissenschaftlichen Dienstleistungen. Wohlstand Spaniens ohne Madrid: minus 6 Prozent.

AMSTERDAM: Amsterdam ist das Zentrum der mit Abstand wichtigsten Wirtschaftsregion des Landes. Dieses als Randstad bezeichnete Ballungsgebiet ist der Motor der niederländischen Wirtschaft – dazu gehören auch die Großstädte Rotterdam, Den Haag und Utrecht. In der Randstad konzentriert sich die Hälfte aller Arbeitsplätze. Auch der Finanzsektor mit mehreren Banken und der Börse sowie der Amsterdamer Hafen und global agierende Handelshäuser sind wichtig. Wohlstand der Niederlande ohne Amsterdam: minus 5 Prozent.

ROM: Rom ist vor allem politisches Zentrum – und nicht das wirtschaftsstarke Zugpferd. Das ist Norditalien. Als Regierungssitz ist Rom die Verwaltungshauptstadt und wird gerne als Stadt beschuldigt, die das in Norditalien verdiente Geld verschlingt. Tourismus ist neben dem öffentlichen Sektor einer der wichtigsten Wirtschaftszweige. Wohlstand Italiens ohne Rom: minus 2 Prozent.

BERLIN: Als Folge der Teilung hat Berlin einen Strukturwandel vollzogen. Vor dem Mauerfall war es eine Industriestadt und wandelte sich danach zur Dienstleistungsstadt. Allerdings entstanden in diesem Bereich nicht genug Arbeitsplätze. Die Arbeitslosenquote liegt über dem bundesweiten Durchschnitt. Berlin setzt heute auf Start-ups oder den wachsenden Stellenwert als Tourismus-Destination. Berlin wächst, und dennoch: Wohlstand Deutschlands ohne Berlin: plus 0,2 Prozent. (APA, 8.8.2016)

  • Wien ist die größte Wirtschaftsagglomeration Österreichs. Hier ist die Arbeitslosigkeit am höchsten, dennoch ist der Beitrag zu Österreichs Wohlstand hoch.
    foto: reuters/bader

    Wien ist die größte Wirtschaftsagglomeration Österreichs. Hier ist die Arbeitslosigkeit am höchsten, dennoch ist der Beitrag zu Österreichs Wohlstand hoch.

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